Maschenware statt Massenware
09.01.2010 | 04:11 Uhr 2010-01-09T04:11:00+0100
Duisburg. Wolle als Geschenk? Ach du lieber Himmel! Solche Gaben waren allenfalls gute in den 70er und 80er Jahren. Damals, als das Stakkato-Klicken der Nadeln jedes Hochschulseminar begleitete und – je länger, je lieber – wallende Wollpullis entstanden.
Die als grobmaschiger Gegenentwurf der feministischen Front zur sexuellen Revolution der 68er alle weiblichen Reize uniform unförmig verhüllten. Damals, als auch männliche Ökos und Spontis – Softies sowieso – zu den Nadeln griffen, um nicht nur die eigenen Socken zu fertigen. Blendend personifiziert von dem Kabarettisten Dieter Krebs als „der Martin, ne”, mit intellektueller Nickelbrille, Prinz-Eisenherz-Frisur und äsenden Rentieren auf dem viel zu engen Norweger-Pullover. Damals war Stricken schwer angesagt. Aber heute?
„Heute wieder. Die wachsende Nachfrage hat im vergangenen Jahr begonnen und in diesem richtig angezogen”, sagt Ingrid Zaudtke. Und da ist nicht der Wunsch der Vater des Gedankens, weil sie im März 2009 den Duisburger Wollmarkt an der Grabenstraße 90 in Neudorf übernommen hat. Die 60-jährige Düsseldorferin kennt sich aus in der Branche und bei der Ware. Als Handelsvertreterin für Stoffe beliefert sie nicht nur seit Jahren namhafte Konfektionäre und ist somit mit den modischen Trends des folgenden Jahres vertraut, sondern sie betreibt auch seit fünf Jahren in Düsseldorf ein Geschäft für Wolle und Accessoires.
Die Stricklust steigt
Gerade, weil sie die Stricklust wieder hat stetig steigen sehen, überlegte sie nicht zweimal, als die renommierte Wollfirma Lana Grossa sie ansprach, ob sie nicht den Duisburger Wollmarkt übernehmen wolle, den die Vorbesitzer aus Altersgründen aufgeben mussten. Auch weil das Geschäft an der Grabenstraße seit über 20 Jahren in Strickkreisen bestens bekannt ist und selbst die mauen Jahre gut überstanden hat, ließ sich Ingrid Zaudtke nicht zweimal bitten. „Wir haben hier viel Kundschaft auch aus den umliegenden Städten, selbst aus den Niederlanden kommen Kunden angereist. Es gibt ja kaum noch reine Wollgeschäfte in den Städten.”
Das könnte sich bald wieder ändern. „Strick ist in der Mode stark angesagt. Aber für die fertigen Waren werden Preise verlangt, das ist ja gigantisch. Da strick ich doch lieber selbst.” So wie Ingrid Zaudtke sehen das inzwischen wieder zahlreiche Frauen, umso mehr, als Frauenzeitschriften wie die „Brigitte” nach langer Pause erneut Strickbeilagen veröffentlichen.
Strickmuster wieder in
Hinzu kommt, dass die neue Wollwelle mit der alten herzlich wenig gemein hat. „Firmen wie Grossa und Lang haben heute ihre Modescouts, die in aller Welt nach entsprechenden Trends und Modellen fahnden. Was die in ihren redaktionell toll aufgearbeiteten Strickheften vorstellen, die eher an Zeitschriften wie Vogue erinnern, das sind echte Designerentwürfe. Das ist nicht mehr der Strick, in dem man hinterher aussieht wie Trudchen Brammel”, wirbt Ingrid Zaudtke für mehr Selbstgestricktes.
Dabei kann sie auf prominente Mitstreiterinnen zählen. „Es gibt ein Buch mit dem Titel ,Die Maschen der Frauen', das in einem New Yorker Woll-Laden spielt. Das ist mit Julia Roberts verfilmt worden, die leidenschaftliche, bekennende Strickerin ist, wie viele andere Hollywood-Stars auch.”
Das trägt sicherlich dazu bei, dass viele junge Mädchen Fein- und Grobgestricktes heute total hip finden. „Ich hab' eine ältere Kundin, die ihrer Enkelin immer was stricken wollte, was die furchtbar fand. Jetzt rennt ihr die Enkelin die Bude ein und will, dass ihre Oma ihr ständig neue Sachen strickt. Und die Oma muss sich erst wieder einfummeln in die ganzen Muster.” Doch es gebe auch viele Mädchen, die gerne stricken lernen wollten und im Wollmarkt nach Kursen fragen. „Das können wir nicht leisten”, bedauert Ingrid Zaudtke, die mit Mitarbeiterin Hildegard Schmid den Laden schmeißt. „Aber wir helfen gerne bei Problemen.”
„Verlust von Kultur”
Dass junge Leute heute kaum noch rechte und linke Maschen auf die Nadel kriegen, geschweige denn komplizierte Muster stricken können, ist für Ingrid Zaudtke, die seit ihrem 16. Lebensjahr Wolle derart verarbeitet, fast ein Skandal. „Das ist ja auch ein Verlust von Kultur, wenn solche Fertigkeiten nicht mehr vermittelt werden.” Für sie selber ist Stricken Entspannung pur: „Es gibt nichts Besseres, um runterzukommen. Und man schafft sich wieder etwas in dieser Welt, was man woanders nicht bekommt.”
Maschenware statt Massenware. Das ist nach Meinung von Ingrid Zaudtke auch einer der tiefer gehenden Gründe für den neuen Strickboom: „Es geht nicht so sehr ums Sparen. Stricken war auch vor dem Euro nicht billig. Aber Stricken ist was Eigenes, was Individuelles. Viele wollen eben keine Massenmenschen mehr sein.”

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