Wenn alte Menschen nicht mehr leben wollen...
29.01.2010 | 18:09 Uhr 2010-01-29T18:09:00+0100
Düsseldorf. Der Fall Robert Enke bewegte die ganze Nation. „Die Reaktion seiner Frau in der Öffentlichkeit so über seine Depressionen und seinen Suizid zu sprechen war vorbildlich”, sagte Tillmann Supprian vom Düsseldorfer Bündnis gegen Depressionen und Arzt im LVR-Klinikum beim Seniorenbeirat.
Das Hauptthema der Sitzung: Depressionen und Suizidalität im Alter. Nach seinem Vortrag meldet sich spontan eine Frau, deren Sohn sich im Alter von 22 Jahren ebenfalls vor einen Zug geworfen hat, einer andere spricht von dem Schuldgefühl das sie nach dem Freitod ihres Bruders beherrschte.
Frauen über 60 sind extrem gefährdet
Ebenso erschütternd wie diese sehr persönlichen Bekenntnisse war die Zahl der Selbstmordversuche, die Supprian nannte: Jährlich versuchen sich 150 000 Menschen bundesweit umzubringen, 11 000 Suizide sind pro Jahr zu verzeichnen - die Dunkelziffer liege weit höher, so Supprian. Auffällig ist: Jeder zweite Freitod wird von Frauen über 60 Jahren gewählt. Im Allgemeinen sind Selbsttötungen im Alter von 15 bis 19 Jahren und von 80 bis 84 Jahren am häufigsten.
Der Grund für die Gedanken an den Freitod: Depressionen. Diese extreme Form von Traurigkeit, Selbstzweifel und Lebensüberdruss wiederum kann viele Gründe haben. Der Verlust eines Angehörigen, Einsamkeit und Isolation, chronische Schmerzen und Erkrankungen. Auch kleinste Änderungen im sozialen Umfeld, wie ein Umzug, können Depressionen auslösen.
Besonders bei älteren Menschen scheint eine Vereinsamung das Problem zu sein. Von 309 000 Haushalten in Düsseldorf sind 147 000 sogenannte Single-Haushalte. In knapp der Hälfte dieser Wohnungen leben alte Menschen.
Bei einer Untersuchung von 516 70- bis 100-Jährigen waren 26 Prozent leicht depressiv, wobei nur 1,2 Prozent Suizidgedanken äußerten. In solchen Fällen brauchen die Betroffenen ihre Angehörigen und Freunde mehr denn je.
Allerdings ist bei Gesprächen Vorsicht geboten. Stellt man extreme Stimmungstiefs bei Angehörigen fest, sollte man sie auf keinen Fall auffordern, sich „zusammen zu reißen”, die Symptome aber auch nicht ignorieren: Sensibles Nachfragen ist gefordert, das Aufzeigen von Wegen ist notwendig.
Bündnis zeigt die dunklen Gefühle auf
Im Notfall sollte jedoch auch eine Beratungsstelle aufgesucht werden. Dazu gehört das Düsseldorfer Bündnis gegen Depressionen. Mit der Ausstellung „Grenzen erleben” will das Bündnis vom 17. bis 20. Februar noch einmal konkret auf das Problem aufmerksam machen. Für die Besucher gibt es sogenannte Erlebnisräume, in denen sie sich in die Gedankenwelt schizophrener und psyschich kranker Menschen hineinversetzen sollen.
Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 18 Uhr im Atrium, Bertha-von-Suttner-Platz 1, geöffnet. Weitere Infos gibt's auch beim Bündnis gegen Depressionen: 92 22 766.
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