Ein Leben auf Pump
13.08.2009 | 23:00 Uhr 2009-08-13T23:00:00+0200Fast jeder siebte Düsseldorfer ist überschuldet. Damit es erst gar nicht soweit kommt, leistet die Awo Präventivarbeit.
Dieses Beispiel bedient alle Klischees: Die junge Mutter bestellte, womit die Versandhaus-Seiten lockten, ihre Mobil-Telefone wechselte sie je nach Stimmung - alles, klar, auf Rechnung, die bekanntlich in so manchem Haushalt mehr Staub ansetzen als die Schrankwand auf Pump. Und, um mithalten zu können in der Spaßgesellschaft, nahm die 25-Jährige auch noch Kredite auf und baute ihren Schuldenturm 25 000 Euro hoch. Wie sie das bei ihrem Hartz IV-Bezug geschafft hat, „ist mir ein Rätsel”, sagt Gerd Nerlich, Finanzlotse bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo).
Gelungen ist Nerlich dennoch ein Silberstreif: Der Ehrenamtler - von Hause her Betriebswirt - manövrierte die junge Mutter in die Privatinsolvenz, die sie sechs Jahre lang zu einem brutalen Sparkurs zwingt. Hält sie durch, wird sie wieder als voll geschäftsfähig anerkannt.
Ein Beispiel, sicher, ein negatives, das bei den Schuldnerberatungen von Stadt und Freien Trägern Alltagsgeschäft ist: Beinahe jeder siebte Düsseldorfer ist überschuldet. Ein Wert, den in Deutschland bei Städten über 400 000 Einwohnern nur das wirtschaftlich desaströs aufgestellte Berlin oder auch Duisburg noch toppen. Bei 413 Kreisen und kreisfreien Städten landet die sonst so verwöhnte Landeshauptstadt auf Rang 384. Allein im vergangenen Jahr meldeten 1096 Düsseldorfer eine Privatinsolvenz an. Schadenspotenzial nur durch diesen Schritt: etwa 89 Millionen Euro.
Damit das dünner wird, geht die Awo seit mehr als vier Jahren neue Wege: In hoch belasteten Vierteln wie Rath und Eller verknüpft sie Einrichtungen der Familienhilfe mit der Schuldnerberatung. „Weil wir nah bei den Familien sind und eingreifen können, bevor es zur Überschuldung kommt”, erklärt Peter Arnold, Leiter der Awo-Schuldnerberatung.
Ganz praktisch heißt das, die Finanzlotsen beraten nicht nur alle zwei Wochen auch zu Themen wie Haushaltsführung, sie bieten ihre Begleitung bei Ämtergängen an und - kommen auch ins Haus. Kostenlos selbstverständlich, um auch dem älteren Herrn in Eller zu helfen, „dem auch im Sommer kalt ist und der jeden Monat mit seiner Nachtspeicher-Heizung Strom für 200 Euro verbraucht hat. Und das bei einer Mini-Rente”, schildert Michael Rohde seinen jüngsten Fall.
Die Lösung: Der gelernte Bankkaufmann suchte für den Rentner eine neue Wohnung mit der er erheblich die Heizkosten drosseln kann. „Das ist unsere Aufgabe, unbürokratisches Handeln”, mahnt der Finanzlotse und sagt, dass für 2010 weitere Einrichtungen in Wersten und Garath verankert werden.
Die Stadtteile mit den niedrigsten Schuldnerquoten sind übrigens: Kalkum (5,54 %), Lörick (6,26 %), Himmelgeist (6,43 %), Volmerswerth (6,65 %) und Niederkassel (6,70 %).
Die nächsten Ternine bei den Awo-Finanzlotsen: 21.8., 10-13 Uhr, Dortmunder Str. 90, 25.8., 14-17 Uhr, Von-Krüger-Straße 18.