"Düsseldorfs Schulpolitik ist hinterwäldlerisch"
07.12.2009 | 22:00 Uhr 2009-12-07T22:00:00+0100Düsseldorf. Die beabsichtigte Verknappung des ohnehin schon überlasteten Zugangs zu Gesamtschulen bringt Eltern und Schulleitungen gegen CDU und FDP in Stellung.
„Es interessiert die Mehrheitsfraktionen nicht, ob Düsseldorf gute Schulen hat.” Voller Empörung reagieren Schulleiter und Schulpflegschaften auf die Absicht von CDU und FDP, den Zugang zu zwei Gesamtschulen auf zwei Drittel des bisherigen Angebots zusammenzustreichen. Margret Rössler, die Chefin der Dieter-Forte-Gesamtschule in Eller, nennt diese Politik „rückwärtsgewandt” und „hinterwäldlerisch”. Sie begründet: „Es gibt keine Ansatzpunkte, um den Zugang zur Gesamtschule nach Recht und Gesetz voluntaristisch zu kürzen.”
Mit diesem Begriff brandmarken Philologen gern den Vorrang des (politischen) Willens vor dem Verstand.
Rössler, ihre Kollegin Luise Hoffmann-Briel von der Heinrich-Heine-Gesamtschule, die Schulpflegschaftsvorsitzende Ute Neuhaus und Mitglieder der Schulkonferenzen hörten gestern dem Hauptausschuss im Rathaus zu, in dem Ratsherr Norbert Czerwinski (Grüne) den Mehrheitsfraktionen eine „Missachtung des Elternwillens durch die Verkleinerung der Gesamtschulen” vorwarf. Der strittige, drei Wochen alte Entschluss des Schulausschusses sei ohne jede Rückkopplung mit Schulleitern und Eltern erfolgt - sogar ohne Diskussion, bloß als Tischvorlage im Rahmen von Etatberatungen. Czerwinski: „Die Hauptschulen werden politisch aufgefüllt, und der Elternwille wird künstlich weiter eingeschränkt.”
Pro Jahr werden in Düsseldorf 150 bis 180 Schüler der 4. Klassen abgewiesen, die zur Gesamtschule gehen sollen - kein Platz! Heinrich-Heine- und Dieter-Forte-Gesamtschule, die bislang sechszügig laufen, dürfen ab 2010 nur noch jeweils vier Eingangsklassen bilden, wenn sich CDU und FDP durchsetzen.
Schulleiterin Hoffmann-Briel will sich der Politik widersetzen: „Im Schulentwicklungsplan steht die Sechszügigkeit. Ich verlange von der Politik, sich daran zu halten.”
Welche Annahme hinter der Einschränkung steht, machte CDU-Ratsfrau Silvia Pantel gestern deutlich: Sie behauptete, es gebe mehr Wechsler mit Hauptschulabschluss zur Gesamtschule als Anmeldungen von Grundschülern. Die anwesenden Schulleiterinnen und Eltern widersprachen heftig. In Wahrheit seien diese Zahlen „marginal”, so Margret Rössler. In Eller: zwei.
Schuldezernent Burkhard Hintzsche versuchte, sich aus der „politischen” Debatte herauszuwinden. Er betonte den „hohen Stellenwert” des Elternwillens. Die Verwaltung habe durch die Mehrheitsentscheidung im Schulausschuss „einen eigenständigen Prüfauftrag”, der aber noch nicht abgeschlossen sei.
Die Schulleiter aller NRW-Gesamtschulen kritisierten die Schulpolitik der Stadt Düsseldorf als „ausschließlich ideologisch geprägt” und gegen das Wohl der Kinder gerichtet. Auch im Landtag wird der Fall Düsseldorf thematisiert.
20:44
Ist jede Schule nur noch auf das eigene Überleben konzentriert? Die Gesamtschule hat doch die besten Voraussetzungen, an ihr zu sehen, was das Projekt Schule für alle in der Praxis bringt....... Wann lernen denn die Politiker endlich, dass die Kinder eben doch nicht alle gleich sind und deshalb auch nicht gleich zu behandeln sind?
Genau diese Parteien machen das Chaos noch perfekter, wenn in naher Zukunft die Förderschulen geschlossen werden sollen. Politisch ist der Ausbau des GU an allgemein bildenden Schulen auf dem Vormarsch. Das Problem ist weiter, dass z. Zt. kaum weiterbildende Schulen auf die behinderten Kinder eingerichtet sind. Das soll jetzt ohne ausgearbeitetes Konzept zum Beginn des nächsten Schuljahres umgesetzt werden. Die Schulleitungen der allgemein bildenden Schulen in Sek. I (5-10. Klasse) waren bis Ende November 2009 darüber noch nicht offiziell vom Ministerium informiert worden.
Die Qualität des Unterrichts für alle Kinder wird schlechter werden, weil die Durchführung der adäquaten Förderung des GU in kleinern Klassen mit genereller Doppelbesetzung finanziell und personell z. Zt. nicht umsetzbar ist. Wie allerdings die Förderung in der Zukunft erfolgen wird, wenn an den Schulen keine Testungen mehr erfolgen, weiß wohl niemand. Die AO-SF-Verfahren (Testungen zur Bestimmung des Förderbedarfes) finden bald nicht mehr statt. So gesehen hat dann kein Kind mehr einen festgestellten Förderbedarf. Ich befürchte, dass dann auch kein Förderunterricht mehr erteilt werden kann.
Keine Feststellung des Förderbedarfes = keine Zuschüsse = kein Recht auf Förderung durch Förderschulpädagogen. Das Sparkonzept würde auf jeden Fall effektiv sein, weil dann für die Eltern und die Kinder das Recht auf sonderpädagogischer Förderung und die Hilfen zur beruflichen Ausbildung nirgendwo mehr verankert ist.
Offiziell gibt es ja keine behinderten Kinder mehr! Als ob die Probleme weg wären, wenn man nicht mehr darüber redet.
Eigentlich müssten die Leiter/innen der Gesamtschulen froh sein, wenn weniger Schüler/innen an der Schule sind. Sie werden kleine Klassen brauchen, wenn die ersten behinderten Kinder (KB,GB,LB,SQ usw.) und die Kinder mit „emotional-sozialer Beeinträchtigung“ kommen werden. So ohne Konzept wird das bestimmt spannend. Aber um es ironisch zu sagen: Ein „zieldifferenter Unterricht“ im GU mit der Aussage „Es ist nicht immer Ziel, lesen und schreiben zu lernen“ käme diesem Chaos ja entgegen und man hätte immer noch der UN-Konvention für behinderte Menschen entsprochen.
Ich hoffe nur, dass das nicht wahr werden wird! Wir sprechen schließlich immer noch von Schulen, der Ort, wo Bildung vermittelt werden soll! Ein hohler GU nützt niemandem etwas!
Außerdem, man sollte der Landespolitik auch mal dankbar sein. Warum? Sie kümmerte sich um die Förder- und Hauptschüler/innen. Die Unterrichtsinhalte und die Vorbereitungen zur erfolgreichen beruflichen Ausbildung sind viel besser geworden. Die Zusammenarbeit mit dem Handwerk und dem Handel ist gut ausgebaut worden und steigert sich noch. Die zukünftigen Lehrherren wissen das auch und handeln schon danach!
Die einzigen, die es noch begreifen müssen, sind die Eltern. Aber die haben mit sogenannten Stigmas schon immer Probleme gehabt.
Da die Privatschulen jetzt schon regen Zulauf verbuchen, wird die Schere von arm und reich noch größer werden. Das wird dann auch die Schule für alle nicht zu verhindern wissen.
12:09
Es waere schoen einmal Zahlen zu sehen, insbesondere wieviel Fuenftklaessler mit Hauptschulempfehlung auf der Gesamtschule den Realschulabschluss, das Fachabitur oder gar das Abitur bekommen, wieviele Gesamtschulabsolventen mit Haupt- und Realschulabschluessen Lehrstellen bekommen im Vergleich zu Hauptschulabsolventen und Realschulabsolventen und wie viele Abgaenger ohne Abschluss bleiben.
Wenn die Anzahl der Lehrerstellen gleich bliebe, waere eine Verknappung der Schuelerschaft im Grunde begruessenswert, denn dann haette man gerinfere Klassenfrequenzen.
Das Gesamtschulen mit 30 und mehr Kindern in der Klasse wirklich gut funktionieren koennen, halte ich fuer ein Geruecht, das klappt noch nicht einmal bei Gymnasien wirklich.
wer ein skandinavisches Modell a la Pisa-Gewinner will, der muss auch bereit sein mehr steuern zu zahlen, damit 2 Lehrer 24 Schueler betreuen (ganztags) und jede Schule ihren Sozialarbeiter bekommt. In Schweden und Finnland ist das selbstverstaendlich (ebenso, dass man als Gutverdienender hohe Steuern zahlt und dafuer eine gut funktionierende Infrastruktur bekommt).
Mehr Netto vom Brutto oder bessere Schulen? Beides geht nuneinmal nicht.
22:17
Rückwärtsgewandte und hinterwäldlerische Schulpolitik kann Frau Rössler z.B. in Berlin besichtigen. Ebenso verschimmelte Klassenräume und Turnhallen, die drohen einzustürzen!!
Aber jeder hat halt so seine Interessen...