Bücher knurren, grollen, träumen
23.06.2009 | 18:17 Uhr 2009-06-23T18:17:00+0200Viele Liebeserklärungen und eine Lebensform: 20 Jahre Literaturhandlung Müller & Böhm
Das kann man nicht planen. Das muss man leben. Literaturexperten und -Liebhaber, Philosophen im wörtlichen Sinne als Freunde der Weiheit, des Geistes, des Nachdenkens sind Selinde Böhm und Rudolf Müller ohnehin. Kaufleute erst in zweiter Lesung. Und doch ungemein erfolgreich. Ihre Literaturbuchhandlung im Heine Haus - umarmt von Döner Kebap rechts und Irish Pup links - ist ein Magnet.
Kunden als
Bücherschlange
Wie kommt es, dass Geistesgrößen und deren schreibender Nachwuchs hier ein und aus gehen, dass Kunden fröhlich bereit waren, als laufende Bücherschlange das gebundene Wort beim Umzug vor drei Jahren von der Neustraße zur Bolkerstraße 53 in vereinter Handarbeit zu tragen. Dass Literaten wie Cees Nooteboom ihre Wertschätzung der „Lieblingsbuchhandlung” in Europa im Werkverzeichnis verewigen: „Wo Bücher knurren, grollen, träumen...”
Schlüsselwort
Freundschaft
Und dass auch prominente Künstler ihre Spuren im Laden hinterlassen - wie Andreas Gursky, der eine große Fotoarbeit als Leihgabe zur Verfügung stellte, Harald Naegeli ein Werk auf die Hofmauer sprühte, Felix Droese den Hintergrund der Heine-Büste in flammende Farbe tauchte?
Freundschaft könnte das Schlüsselwort, die Antwort heißen. Als Selinde Böhm und Rudolf Müller 1989 begannen, ihren Laden im Kneipen-Dschungel der Altstadt zu behaupten - mit unmittelbarem Blick- und Winkkontakt zur Straße, hatten sie freilich auch rational entschieden, den 'Markt' in der Stadt im Blick. Sie nutzten die Fehlstelle: eine literarische Buchhandlung. Füllten sie mit Knowhow und webten ein dichtes Kontaktnetz zu den Autoren, dessen wärmender roter Faden jenes - natürlich unterschiedlich intensiv gefärbte - freundschaftliche Verhältnis ist.
20 Jahre und mindestens 700 erlesene Dichter- und Denkerbesuche später erscheint eine Art Katalog, dessen Titel das (Buch-)Handlungsprinzip dokumentiert: „Das Buch der Freunde”. Das geballte intellektuelle Kapital und Potenzial ist hier versammelt, viele als Wiederholungstäter. Thomas Kling war der erste Leser, gleich darauf folgte Edmond Jabès, Paul Nizon war da, ebenso wie Harry Mulisch, Oskar Pastior, Cees Nooteboom, Ernst Jandl, Wilhelm Genazino, Martin Walser, T.C. Boyle, Walter Jens - eigentlich unmöglich, Namen auszuwählen. Persönliche Widmungen sprechen von der Qualität des Kontaktes, wie etwa bei Peter Bichsel: „Lieber Rudi, Literatur ist so gut mit Dir - danke”.
Rudolf Müller versteht seine Buchhändler-Rolle als Literaturvermittlung, nicht missionarisch, sondern im Austausch, auch mit seinen Kunden. „Es ist ein bisschen wie Christopherus, der die Leute von einem Ufer zum anderen bringt.”
Den Standortwechsel vor drei Jahren - nach 17 an der Neustraße - zu Heines Geburtshaus haben die beiden nicht bereut. Trotz der Querelen mit dem ehemaligen Eigentümer um Müllentsorgung, Fluchtweg und Lärmbelästigung. „Es ist zwar mehr Arbeit auf allen Ebenen,” sagt Selinde Böhm, die in Partnerschaft mit der Stadt das literarische Programm im Heine Haus organisiert. Aber jetzt könne man die früher aus Platzmangel auch auf andere Institute verteilten Lesungen an einem schönen Ort zentrieren.
Nach Kochbüchern und praktischen Ratgebern fragt gelegentlich die Laufkundschaft auf der Bolkerstraße. Die Lizenz zur Lebenshilfe hat Literatur allemal. Für Selinde Böhm und Rudolf Müller ist sie Lebensform.
Meisterpianist Alfred Brendel liest am 26. Juni, 19.30 Uhr aus seinem Lyrikband „ Spiegelbild und schwarzer Spuk”.
„Das Buch der Freunde” wird am 18. Juli im Heine Haus, Bolkerstraße 53, auf Freunde treffen.
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