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Musiktheater

Dortmund feiert einen klassischen Mozart-„Figaro“

24.02.2013 | 16:27 Uhr
Dortmund feiert einen klassischen Mozart-„Figaro“
Spiel mit Tradition: Dortmunds „Nozze di Figaro“ kommt ganz klassisch daher. Und doch gibt es viel zu entdecken.Foto: Thomas M. Jauk

Dortmund.   Auch ohne laute Provokations-Posaunen kann man in unserer Zeit beachtliche Operninszenierungen vorlegen. Dortmund zeigt einen Mozart-“Figaro“ von rarer Güte. Es gibt viele erstklassige Sänger - und eine Regie, die sich souverän darauf konzentriert, die Geschichte zu erzählen. Am Samstag war Premiere.

Nicht wenigen Opernfreunden gilt Mozarts „Figaro“ als größtes seiner Werke – überlegen der dunklen Erotik des „Don Giovanni“ und der lichten Zuversicht der „Zauberflöte“. Nach dieser furiosen Premiere in Dortmund hat man Mühe, ihnen Widerworte zu geben. Wir sehen das Meisterwerk meisterhaft. Was für ein Mozart-Abend, szenisch wie musikalisch.

Dieser Abend dauerte schon bald drei Stunden, da war immer noch keine Ermüdung zu hören, kein Spannungseinbruch bei Dortmunds bestechend präsenten Philharmonikern, die durchweg begeistern mit grandios beredten Holzbläsern und einer Geschlossenheit der Streicher, die man lange nicht hörte. Da begann Maestro Jac van Steen mit den ersten Takten der Barbarina-Arie. Wer bekam keine Gänsehaut als hier pulsendes Bangen auf eine bitterzarte Traurigkeit traf, die nicht mehr von dieser Welt ist?

Stimmen in schönster Blüte

Musikalisch darf man überhaupt registrieren, wie die zuletzt aus Dortmund gemeldeten Mozart-Meriten („Cosi“) zu schönster Blüte gekommen sind, vor allem bei den Damen des Ensembles. In diesem Lustspiel mit Trauerrand sind ja sie – Titel hin oder her – die eigentlichen Heldinnen.

Bild: Thomas M. Jauk

Namentlich die Gräfin Almaviva und ihre Zofe Susanna. Melancholisches Wohlstandsprodukt die eine, vom Recht der berüchtigten ersten Nacht (wir sehen es im stummen Vorspiel noch vor der Ouvertüre) die andere. Gräfin und Susanne: Eleonore Marguerre und Anke Briegel, kerngesunde, noble Soprane und die reine Hingabe im Gesang. Voll süßer Melancholie und dabei ohne Manierismen die eine, die andere auf dem Grat zwischen Angst und Triumph eine zutiefst anrührende Gestalterin. Diese Stimmen im Duett: Dortmund hatte Festspiel-Niveau.

Mozart, ganz ohne Gebrüll

Gerardo Garciacanos Graf ist wie sein Gegenspieler Figaro (Morgan Moody) kein vokaler Grobmotoriker. Es gibt kein Gebrüll an diesem Abend, auch wenn Inszenierung wie musikalischer Zugriff einem kleineren Haus noch besser zu Gesicht stünden. Garciacano und Moody stellen sich als Mozart-Sänger mit feinen Farben vor. So klingt ein Krieg zwischen Herr und Knecht, wenn Sänger statt Säbelrasseln das feine Florett walten lassen!

Bild: Thomas M. Jauk

Das Ensemble agiert mit enormer Lust. Der androgyne Page Cherubino ist grandioses Schauspiel-Futter für Ileana Mateescu. Eine Perle aus dem gar nicht staubigen Fundus der „commedia dell’arte“: Hannes Brocks tattrig-flattriger Don Basilio.

Was auf der Bühne geschieht, mag Freunde zwanghafter Aktualisierung schocken. Scherenschnitt-Silhouetten, Korsett und Perücke? Ein Gang ins Theatermuseum?

Nein, der Weg zum Guten: Mariame Cléments Regie setzt auf große Tradition. Wie sie nicht Effekte forciert, sondern von Mozarts Figuren als Menschen aus Fleisch und Blut erzählt, das lässt an Altmeister wie Ponelle und Hampe denken. Nichts bei Clément ist vordergründig, alles aus den Nöten und Sehnsüchten der Figaro-Gesellschaft entwickelt.

Unglaublich gut erzählt

Wer genau hinschaut, sieht darum keine Konvention. Stattdessen hören und sehen wir unendlich viel Feingesponnenes der Sparte Lust und Hierarchie. Clément tut, was jeder Regisseur vor allen Profilneurosen tun sollte: Sie erzählt die Geschichte. Und sie erzählt sie unglaublich gut. Tragisch, dass man das als Ausnahme rühmen muss.

Die Kostüme: eine Augenweide. Die Bühne: karg, aber nie kalt. Beides verantwortet Julia Hansen. Sie schafft einen Ort, der Sängern Raum gibt. Es ist ein Spiel mit Nuancen, mit Zitaten. Im Grunde skelettiert sie die alte Ausstattungsoper – um sie neu mit Leben zu füllen.

Jubel zum Ende, ausnahmslos. Ein Mozart-Abend nach Maß. Wir freuen uns schon auf den nächsten.

Aufführungen: 3., 9., 23., 31. März, 21.4; 31.5; 8.6. Karten 0231-5027222. Karten ab 15€

Lars von der Gönna



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