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Der Brite Bradley Wiggins ist der König von Frankreich

22.07.2012 | 18:49 Uhr
Der Brite Bradley Wiggins ist der König von Frankreich
Bradley Wiggins gewann die 99. Tour de France.Foto: Reuters

Paris.   Bradley Wiggins gewann die 99. Tour de France mit einer souveränen Vorstellung. Wiggins ordnete den Toursieg höherwertig als als seine drei Olympiasiege im Bahnfahren ein: „Für einen Radsportler ist es das Größte, die Tour zu gewinnen.“

Es ist Zeit für Koteletten. Zu Ehren von Britanniens schlankstem Kotelettenträger Bradley Wiggins hatten sich viele Fans von der Insel die rötlichen Haarteilchen in der Manier ihres Idols auf die Wangen geklebt und den ersten Toursieg für ihre Heimat gefeiert. Wiggins gewann auch das Zeitfahren von Bonneval nach Chartres. Er distanzierte auf den 53,5 km seinen Teamkameraden Christopher Froome um mehr als eine Minute und stellte damit die zeitweise ins Wanken gekommene interne Hierarchie her.

Vielleicht ist ihm jetzt sogar seine ehemalige Französischlehrerin gnädig. „Sie hat mich gehasst und deshalb habe ich kaum drei Worte Französisch gekonnt, als ich vor zehn Jahren nach Frankreich kam, um es dort mit dem Straßenradsport zu versuchen“, bemerkte Bradley Wiggins gut gelaunt am Vorabend seines bislang größten sportlichen Triumphes. Der skurrile Brite erzählte, dass er sich die Sprache seiner zwischenzeitlichen Heimat - sieben Jahre bei den Teams FDJeux, Credit Agricole und Cofidis - eher selbst beim Gucken der Sendungen von Frankreichs anarchischem Fernsehkomiker Michael Youn beigebracht hätte. Dessen Show „Morning Live“ wirkt zuweilen wie ein festländischer Ableger von Monty Python, nur ein klein wenig ordinärer. Kein Wunder, dass dies dem Mann, der auf Pressekonferenzen Kritiker schon einmal mit dem Schimpfwort „Fucking Whankers“ (Flachwichser) belegt, daran Gefallen fand. Inzwischen kann er sich nicht nur gewählt des Französischen bedienen, er ist auch der König von Frankreichs größtem und bedeutendstem sportlichen Ereignis.

Die Krisen zwischendurch

Wiggins ordnete den Toursieg selbst als höherwertig als seine drei Olympiasiege im Bahnfahren ein. „Für einen Radsportler ist es das Größte, die Tour zu gewinnen.“

In die Wiege gelegt hat ihm das niemand. Wiggins führte ein eher sportfernes Jugendleben zwischen Rastafaris, Punks und Mods in der Subkultur von Camden. Noch heute hat er einige - nicht unbedingt polizeilich zugelassene - Motorräder der Marken Vespa und Beretta, mit denen die Mods, zu denen er sich bald zählte, über die Straßen brausten. Dennoch war er im Bahnradsport zwischen den Jahren 2000 und 2008 die bestimmende Größe. Und obwohl er zwischenzeitliche Krisen nach dem Erfolg durchlebte - „Ich wusste nach Olympia 2004 nicht mehr, was ich noch gewinnen sollte. Ich verlor den Boden unter den Füßen und wurde beinahe zum Alkoholiker“. blickte er zurück -, wandte er seine Aufmerksamkeit schließlich den Straßenradsport zu,

Hier dauerte es einen weiteren Olympiazyklus, bis er das Wissen, eine Tour de France gewinnen zu können, umsetzte.

Elementar dabei sein Fahrstil. Von den einen wird er als „roboterhaft“ gescholten, andere sehen darin gelebte Perfektion. Sein Rücken - durch Fitnesstraining zusätzlich gestärkt - liegt glatt wie ein Brett parallel zur Straße und bietet kaum Luftwiderstand. Seine Hüfte ist wie festgeschraubt am Sattel - keine Energie geht zur Seite weg, alles wird in die auf und abstampfenden Beinkolben übertragen. Wiggins legte sich diesen Stil als Bahnfahrer zu. Beim Zeitfahren auf der Straße ist dies ein enormer Vorteil.

Der Fünfjahresplan

Im Matchplan von Sky spielte dies angesichts der mehr 100 Zeitfahrkilometer die herausragende Rolle. Auch im Königsjahr ihres Fünf-Jahresplans hielten sich die Briten streng ans Papier. Im Gegensatz zu der knochentrockenen Disziplin seines Rennstalls meinte Wiggins aber: „Diese Tour ist menschlicher geworden.“ Er meinte mit diesem Paradox, dass die Leistungen weniger Doping verdächtig seien. Hoffen wir es. Sonst wandern die Klebekoteletten auf den Haufen, auf dem die gelben Livestrongarmbänder schon sind.

Tom Mustroph


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