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Schiavone nutzt ihre Chance

06.06.2010 | 18:49 Uhr
Schiavone nutzt ihre Chance

Paris. Francesca Schiavone gelang mit ihrem Sieg bei den French Open eine der größten Überraschungen der letzten Jahre: Ihr 6:4, 7:6 im Finale über die Favoritin Samantha Stosur stellte alle Prognosen auf den Kopf.

Die Worte des Tages und dieser beiden French Open-Wochen fielen gleich zu Beginn der Feierlichkeiten, auf einem Podium, das nach dem Finalduell schnell zusammengezimmert worden war. Eine kleine Italienerin mit verwuscheltem Haar stand da im Mittelpunkt der Tenniswelt und sagte: „Ich habe gar nichts vorbereitet. Ich schaue ja sonst immer nur zu, wenn die anderen ihre Reden halten.“

Doch was sollte und musste auch schon vorbereitet sein bei dieser verrückten Tennis-Show, die einen Pariser Grand Slam-Superstar unter den Arrivierten und Etablierten suchte – und am Ende, außerhalb aller Vernunft und Norm, Francesca Schiavone fand: Eine drahtige, zähe, unerschöpflich kämpfende Mailänderin, deren Besonderheit war, nichts Besonderes zu sein. „Ich hatte nur diese eine Chance, einmal etwas Großes zu schaffen. Und die habe ich genutzt“, sagte die 29-jährige, die das Endspiel zweier Debütantinnen mit 6:4 und 7:6 (7:2) gegen Australiens Samantha Stosur gewann.

Verloren: Samantha Stosur

Der Geschmack des Sieges war an diesem seltsamen Tag so eigenartig wie alles, was sich seit Ende Mai unterm Eiffelturm abspielte: Einen langen, innigen Kuss drückte Schiavone nach dem besiegelten Triumph in die Asche aus zermahlenen Ziegelsteinen, einen Kuss, der einen ebenso emotionalen Abdruck hinterließ wie einst das von Künstler Gustavo Kuerten gezeichnete Herz auf dem Centre Court. „Leidenschaft und eine Moral, niemals aufzugeben“, hätten sie zum Sieg geführt, sagte Schiavone hinterher, als sie sich nach ihrem gefühlsbetonten Schmatzer die Sandmischung um den Mund wieder weggeputzt hatte. Da hatte sie auch schon eine halbe Hundertschaft Fans und Familienangehörige auf der Ehrentribüne gedrückt und umhalst, Tennis-Tifosi, die sich mit dem prägenden Slogan auf T-Shirts geschmückt hatten: „Schiavone. Nichts ist unmöglich“.

Mit dem Pokal Suzanne Lenglen knuddelte die Nummer 17 der Weltrangliste nach ihrer unwahrscheinlichen Siegesmission so innig wie ein Kleinkind wie mit seinem Lieblings-Teddy. „Am liebsten würde ich den gar nicht mehr hergeben“, sagte Schiavone, die sich ihren Lebenstraum vom einmaligen Grand Slam-Ruhm nach genau 29 Lebensjahren, 11 Monaten und vier Tagen erfüllt hatte. In Wimbledon wird sie demnächst 30, aber eine weitere unerwartete Hauptrolle wird sie dort wohl nicht spielen – wenn sie sich bis dahin überhaupt von den ausgedehnten Feierlichkeiten erholt hat. „Zwei Stunden vollste Konzentration, totale Hingabe, das Ausblenden aller Nebengeräusche“ hatte sich Schiavone für das erste, vielleicht auch einzige Major-Finale vorgenommen, um dann nach dem Sieg umso rauschhafter und befreiter feiern zu können.

Auch der letzte Zweikampf dieses unvorhersehbaren, konfusen, denk- und merkwürdigen Damenturniers folgte so dem Drehbuch der Anarchie – einer immer und jederzeit vergessenen Hackordnung der Macht. Zwar schmiss die athletische Ranglisten-Siebte Stosur hintereinander drei Favoritinnen und Nummer-1-Spielerinnen aus dem Turnier – erst Justine Henin, dann Serena Williams, dann auch Jelena Jankovic -, doch dann musste sie vor einer kleinen, stolzen Italienerin kapitulieren, die sich auch im Finale dagegen wehrte, die angestammte Opferrolle einzunehmen. Und die sich später, bei ihrer Siegerehrung, noch artig bei Glücksfee Mary Pierce dafür bedankte, „dass Du gekommen bist.“

Verdienter Sieg

Den Sieg hatte sie sich allein schon deshalb verdient, weil sie auf der Zielgeraden des Matchs eine selten erlebte Coolness mit großem Siegeswillen paarte. Wo selbst Topspielerinnen auf den letzten Metern häufig jene Angst vorm Siegen überkommt, wo plötzlich der Arm wie gelähmt scheint und sich verstörende Doppelfehler einschleichen, punktete Schiavone im wegweisenden Tiebreak des zweiten Satzes souverän: Nicht als abwartende Taktiererin, sondern als Angreiferin, die die Entscheidung suchte. „Sie hatte einfach den besseren Tag, die besseren Schläge“, bekannte Stosur.

Das Damentennis hat nach diesen kuriosen Sandkasten-Spielen jetzt keinen neuen Superstar, aber eine auf Platz sechs der Weltrangliste emporgeschossene Spielerin, die im reifen Profialter noch so manche Überraschung besorgen kann im Wanderzirkus. Sie hatte nicht nur fünf Minuten des Ruhms, diese Francesca Schiavone, sondern zwei ganze Wochen im Mai und Juni 2010. „Die kann mir keiner mehr wegnehmen. Grand-Slam-Siegerin bleibt man immer“, sagte die Titel-Heldin.

Jörg Allmeroth



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