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BVB-Geschichte

Der Aufstieg nach dem Abstieg

24.05.2012 | 19:45 Uhr
Der Aufstieg nach dem Abstieg

Es gehört einiger Mut dazu, in diesen Tagen der großen sportlichen Erfolge an das dunkelste Kapitel des BVB zu erinnern. Doch der Kalender lügt nicht: Vor 40 Jahren stiegen die Borussia erstmals in ihrer Geschichte aus der Bundesliga ab. Persönliche Erinnerungen eines gebürtigen Dortmunders an die Zeit um 1972 und danach.

Zug nach Nirgendwo
„Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“, sang Christian Anders. Was irgendwie damals auch auf die Borussen zutraf. Der sportliche Absturz kam immer näher, der Europokalsieger von 1966 bestieg schon lange nicht mehr den ICE, es ging vor 40 Jahren nur noch im regionalen Bummelzug voran: Nach Herne, Lünen, Mülheim, Gütersloh oder Aachen. Welch ein Niedergang.

Doch die Zeiten waren irgendwie auch lockerer. Und die Haare der Spieler länger. Die Borussen lagen äußerlich im Trend, trugen breite Backenbärte, die aussahen wie Lammkoteletts. Und man konnte - sofern volljährig - abends schon mal den ein oder anderen Spieler im Brückstraßenviertel treffen. Sogar in der Funktion als aktiver Discjockey, wie zu hören war. Stürmer Dieter Weinkauff galt beispielsweise als großer Fan von Peter Maffey: „Duuuu“. Doch spätestens vor dem gegnerischen Tor kamen die Borussen damals oft völlig aus dem Takt. Von nun an ging’s bergab.

Kleinste Brauerei der Welt
Vielen Dortmundern mundete seinerzeit das „Pils 2000“, eine längst verschwundene Premium-Marke der Union-Brauerei. Doch den BVB-Fans blieb damals jeder Schluck im Halse stecken: BVB - „Beten vür Borussia“, hieß es damals allen Ernstes auf einem Transparent. Das war allerdings vor der Rechtschreibreform... Um beim Bier zu bleiben: Wie hieß damals die kleinste Brauerei der Welt? Borussia - elf Flaschen.

Stadion-Träume
Wir Schüler tranken damals nur Limonade. Und der Besuch der Heimspiele in der „Roten Erde“ war erschwinglich: Mit einer Mark hatte man einen Stehplatz auf der Nordtribüne sicher, im Süden kostete die Karte bereits vier Mark. Extrakosten entstanden nicht, die Stadionwurst war damals eine einzige Geschmacklosigkeit. Gelb der Senf, schwarz die Wurst. Und der nördliche Standplatz hatte damals den Vorteil, dass man bei weniger gut besuchten Spielen spätestens zur Pause über den Zaun klettern konnte und auf der Haupttribüne einen Sitz fand. Bessere Leistungen gab es dort aber auch nicht zu sehen. Und alle träumten von einem neuen, großen Stadion, das irgendwann gebaut werden sollte. Nebenan im Luftbad, das heute kaum noch jemand kennt.

Per Anhalter ins Stadion
Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren war der Abstieg in die Regionalliga besiegelt. Der Aderlass war zumindest in der Saison zuvor zu groß. „An einige Namen musste man sich erst einmal gewöhnen,“ erinnert sich „Hoppy“ Kurrat, der nach großen Erfolgen in den 60er Jahren auch den Abstiegskampf und die Regionalligazeiten miterlebte. Kurrat weiter: „Uns fehlte damals der Unterbau, um den Abstieg zu verhindern, Geld war schon lange nicht mehr da.“

Doch mit dem Erreichen des Tiefpunkts entwickelte der Verein enorme Abwehrkräfte, die die Basis für die späteren Erfolge bildeten. Neues Stadion, neue Mannschaft, neue Euphorie. Der beliebte Trainer Otto Knefler und Präsident Heinz Günther, ein knallharter Sanierer, waren zwei Väter der schwarz-gelben Wiedergeburt. „Aber eins, aber eins, ...“

In den 70er Jahren blieb die Lockerheit noch ein wenig erhalten. Im Oktober 1976, der Saison des Wiederaufstiegs, ging ausgerechnet vor dem Heimspiel gegen die Bayern der Bus auf der Anfahrt zum Stadion kaputt. Die Borussen hatten im Maritim-Hotel zu Gelsenkirchen übernachtet! „Wir sind dann eben mit BVB-Fans per Anhalter ins Stadion gekommen,“ erinnert sich Ex-Torhüter Horst Bertram. Die Borussen erreichten erst eine halbe Stunde vor Anpfiff das Westfalenstadion. Und lagen gegen Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck Rummenigge, Hoeneß, Müller schnell 0:2 zurück. Doch am Ende hieß es 3:3.

Mit Galgenhumor
1979 ging dann der Präsidenten-Stern von Reinhard Rauball auf, der bis heute jeden Test der Zeit mühelos bestanden zu haben scheint. Der heutige DFL-Chef hat schon immer die BVB-Seele getroffen. Wie lautete doch damals auf einer Jahreshauptversammlung der wohlwollende Einleitungssatz eines inzwischen verstorbenen Mitglieds: „Ich möchte mich an Herrn Rauball aufhängen...“ Galgenhumor nennt man so etwas.

Thomas Stein



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