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Baku vor dem Song Contest - Dornröschens Erwachen

24.05.2012 | 19:21 Uhr
Baku vor dem Song Contest - Dornröschens Erwachen
Liebespaar am Ufer des Kaspischen Meeres. Eine Szene aus Baku.

Baku.   Baku, die Stadt am Kaspischen Meer, erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf. Vor allem die Jugend freut sich zum European Song Contest an diesem Wochenende auf Begegnungen mit den Gästen aus dem Ausland. Die Polizei ist allerorten unterwegs - offenbar deutlich verstärkt.

In Baku habe ich Dornröschen getroffen. Überall. Jeden Tag. Dornröschen, das sind die jungen Menschen in einem Land, das aus einem tiefen Schlaf erwacht ist. Und das auch wegen des morgigen Sängerstreits. Europa ist für ein paar Tage zu Gast in Aserbaidschan und für die Bewohner ist es ein ebenso ungewohntes wie prickelndes Erlebnis, einmal im Schaufenster zu stehen. Auch oder gerade, weil dabei Licht auf ein paar dunklere Stellen des alltäglichen Lebens in der Stadt am Kaspischen Meer fällt.

Zu dem Bild eines Märchens passt gut der Jungfrauenturm in der Altstadt von Baku, in Ichari Shahar. Im 11. Jahrhundert erbaut, thront er über der Festung, die Weltkulturerbe ist. Den Namen verdankt er der Sage nach einer braven Khantochter, die von oben lieber in den Tod sprang, als die Braut eines feindlichen Belagerers zu werden, der daraufhin angesichts solcher Vaterlandsliebe die Belagerung abbrach. Eine schöne Geschichte für Baku, das oft genug von fremden Mächten besetzt war, zuletzt 1920 bis 1991 durch die Sowjetunion.

Im Schatten des Turmes haben sich jetzt im Vorfeld des Song Contests Künstler aus der halben Welt zum Malwettbewerb versammelt. Es geht bunt zu, Trubel trifft Fantasie. Maria Dierker und Clotilde Lafont-König aus Bonn mischen mit, sind recht begeistert von der Atmosphäre. Natürlich haben sie von den Vorwürfen gegen die aserbaidschanische Regierung zuvor gelesen, aber sie sind dennoch gekommen, weil sie an die kleinen Schritte glauben. Maria sagt es so: „Solche Treffen der Kulturen schaffen Freundschaften, und die wiederum bauen Vorurteile ab.“

Massive Kritik, oft überzogen

Tatsächlich umlagern vor allem junge Leute die Künstler, schauen über die Schulter, amüsieren sich, oder wollen einfach nur was lernen . Wie Aydin, der 13 Jahre alt ist und erzählt: „Ich lerne in der Schule Englisch, hier habe ich endlich mal die Möglichkeit, mit anderen zu reden, mal auszuprobieren, wie gut ich das kann.“ Es klappt.

Künstlerin Clotilde aus Bonn bei der Arbeit.

Elmira ist 21, spricht gut Deutsch und ist ein besonders aufgewecktes Dornröschen. „Wir haben uns sehr gefreut, als der Song Contest nach Baku kam. Wir hofften dadurch auch auf eine Stärkung der Opposition. Aber dann kam diese massive und oft überzogene Kritik an unserem Land in den westeuropäischen Medien, vor allem aus Deutschland. Das hat der Opposition sehr geschadet. Weil nun jeder als Nestbeschmutzer gilt, der was Kritisches sagt. Das heißt, die Leute wissen zwar, dass nicht alles richtig läuft im Staat, wichtiger ist ihnen aber, dass wir jetzt als gute Gastgeber dastehen. Die Kritik war aber auch wirklich überzogen...“

Wir laufen durch die Altstadt zum doppelten Stadttor. Es sind schon auffallend viele Polizisten unterwegs. Gut, die meisten sehen ganz friedlich aus mit ihren kleinen Bierbäuchen, manche schlenkern aber auch etwas zu lässig mit den langen Schlagstöcken. Elmira erklärt. „Es sind gut doppelt so viele wie sonst. Die wollen wohl, dass sich die Besucher sicher fühlen. Ich meine, es ist schon immer unangenehm, wenn die in der Nähe sind. Man fühlt sich beobachtet Aber es ist nicht so, dass wir ständig etwa mit Prügel oder so rechnen müssen. Ich habe bisher nur einmal richtig brutale Polizei kennengelernt. Da hielten zwei Uniformierte einen Demonstranten fest und ein dritter schlug auf ihn ein. Das war aber nicht in Baku, das war in Berlin, letztes Jahr, als ich dort zu Besuch war und so ein Occupy-Camp geräumt wurde.“

Abwarten und Teetrinken

In der Altstadt von Baku ein paar Gassen hoch und unter malerischen Balkonen hindurch wird die Stimmung sehr relaxt, eher orientalisch. Die Teppichhändler und Souvenirverkäufer verbringen die Zeit bis zum nächsten Kunden am liebsten mit Abwarten und Teetrinken. Adil verpackt einen Teppich für den Transport nach Italien. Er ist ein kräftiger junger Mann, der in Neukölln groß geworden ist. Er fiebert nicht gerade dem Song-Contest entgegen. „Nicht meine Musik. Ich mag eher Hiphop. Und dann die ganzen Schwulen hier in der Stadt.“ Was stört dich an denen? Müssen die sich Sorgen machen? „Nein, denen tut keiner was. Aber, mal ehrlich: Ein richtiger Mann ist doch nicht schwul, oder? Ne, das ist total gegen unsere Mentalität.“

Szene auf einem Platz im alten Baku.

Elmira lacht, als ich ihr von Adils Argumenten erzähle. „Am besten ist diese Mentalitätsgeschichte. Ganz typisch. Das sagen sie bei allem, was ihnen fremd ist. Warum soll eine Frau nicht auf der Straße rauchen? Ist nicht unsere Mentalität. So geht das immer. Wenn man fragt, was ist denn unsere Mentalität, dann gibt’s keine Antwort.“

Wir sind zurück an der großen Promenade direkt am Meer. Sie ist nochmals überarbeitet und bis zur Chrystal Hall weitergebaut worden. Gemeinsam mit den drei Flammentürmen auf dem Hügel nebenan nähren sie den Verdacht, dass auch in postkommunistischen Systemen gerne protzig gebaut wird. Elmira bleibt stehen: „Da drüben, die beiden jungen Leute, die da knutschen. Die sind ein richtiges Symbol. Denn das hätte es vor einem Jahr noch nicht gegeben. Da wäre ein Polizist gekommen und hätte die aufgefordert zu gehen. Vielleicht hätte der Junge sogar eine Strafe zahlen müssen. Vieles in der Stadt hat sich verändert. Es wird mehr gelächelt. Sogar die Polizisten sind höflicher. Ich hoffe, dass diese Toleranz zunimmt. Denn das ist hier immer noch eine konservative Gesellschaft.“

Diktatur der Familien

Aydan und Seva, zwei Freundinnen Mitte 20, haben sich nach Feierabend an die Promenade gesetzt. Aydan raucht eine Zigarette. „Frauen, die rauchen, sind immer noch ein Skandal. Ich tue es trotzdem.“ Seva wirft die Haare zurück: „Die größte Diktatur in diesem Land sind die Familien. Die bestimmen alles. Stell dir mal vor, wir wohnen noch bei unseren Eltern, wir müssen abends um neun Uhr zu Hause sein. Mit Mitte 20. Was sollen sonst die Nachbarn denken, heißt es. Ihr seid doch keine Prostituierten. Das muss sich doch alles ändern, oder?“ Morgen Abend werden die beiden sich nicht aufhalten lassen, sie werden das Finale in der Cyrystal Hall erleben wollen. „Das Ticket hat 160 Euro gekostet. Wir verdienen so etwa 500 Euro im Monat plus kleiner Verkaufsprämie. Also ganz schön viel Geld für uns. Aber wir haben es über Monate erspart, weil es doch etwas Einmaliges ist. Das wollen wir einfach erleben.“

Baku heißt übersetzt die Stadt der Winde. Im Augenblick weht es recht kräftig durch die Straßen. Ein frischer Wind. Und wer immer morgen Abend gewinnen wird, ein Sieger in Baku steht schon fest: Dornröschen.

Matthias Maruhn



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