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Tierschutz

Wo sich Fuchs und Dachs gute Nacht sagen

26.04.2012 | 17:00 Uhr
Geschafft! Gesund und munter ist das etwa drei Monate alte Dachsjunge inzwischen, das Regina Krautwurst vor einigen Tagen bei sich aufgenommen hat. Foto: Franz Luthe

Werl.   Für Füchse und Waschbären, die verletzt sind oder deren Eltern ums Leben kamen, gibt es kompetente und liebevolle Hilfe: in der Wildtierpflegestation in Werl. Dort päppelt Regina Krautwurst die Tier wieder auf und bereitet sie auf ein Leben in freier Wildbahn vor. Ihr neuster Schützling: ein drei Monate alter Dachs.

Das wilde Leben tobt mitten in der Stadt – gegenüber von einem Friseur, einem Kosmetikstudio und einer Versicherung. Ob die Kunden, die hier täglich ein- und ausgehen, ahnen, wer auf der anderen Straßenseite lebt? Wer hier gerade liebevoll gepflegt und gleichzeitig darauf vorbereitet wird, irgendwann auf eigenen Tatzen in der freien Natur zu stehen? Wohl kaum. Auch wenn das Außengelände von Regina Krautwurst nicht aussieht wie ein üblicher Garten in der Innenstadt: Dafür gibt es zu wenig gepflegtes Grün, zu wenig blühende Blumen und zu viele Ställe und Gehege. Und vor allem: Röhren und Gänge. In Stämmen, in Steinhaufen, selbst unter einer Tischplatte. Denn hier fühlen sich die Schützlinge der 48-Jährigen, die sie derzeit betreut, am wohlsten. Kein Wunder: Denn es sind Wildtiere, die bei ihr – mitten in Werl – unter der Regie des Vereins „KiTiNa“ (Kinder Tiere Natur) betreut werden.

Und die Liste der Tiere, die im Laufe der letzten Jahre aufgenommen wurde, weil sie verletzt waren oder die Muttertiere ums Leben kamen, ist lang und vielfältig: Sie reicht von Tauben, Enten und Reihern über Rehkitze bis zu Füchsen und Waschbären.

Drei Monate alter Dachs mir Spezialmilch und Hundefutter aufgepeppelt

Der junge Dachs fühlt sich im Arm von Regina Krautwurst wohl. Fremde Menschen jedoch bereiten ihm Angst.

Seit einigen Tagen gibt es sogar noch eine Premiere: Zum ersten Mal in der Geschichte der Wildtierpflegestation hat ein knapp drei Monate alter Dachs hier sein Quartier bezogen. Naturfreunde hatten ihn im sauerländischen Schmallenberg entdeckt, a ls er versuchte, über eine Straße zu laufen – und dann in einem Kanalrohr verschwand. Die Mutter, so erfuhren die Mitglieder des Katzenhilfevereins vom örtlichen Jäger, sei bereits überfahren worden. Weil nun auch dem Jungtier der Tod drohte, fingen die Tierfreunde den kleinen Dachs ein und brachten ihn nach Werl.

„Er war stark unterkühlt“, berichtet Regina Krautwurst. Die 48-Jährige nahm ihn zunächst mit ins Haus und päppelte ihn mit Spezialmilch, Hundenassfutter, aber auch Joghurt und Früchten auf. Mit Erfolg: Zehn Tage später ist der kleine Kerl über den Berg. Wenn sie ihn auf den Arm nimmt, fühlt er sich sichtlich wohl: Er lässt sich streicheln, kuschelt sich an ihren Körper oder versucht, sich unter ihren langen schwarzen Haaren zu verstecken. Und wenn sie ihn dann wieder auf den Boden setzt, folgt er ihr auf Schritt und Tritt durchs gesamte Haus. Wie es sich für einen ordentlichen Dachs gehört, natürlich nicht, ohne hin und wieder zu „stempeln“ – sprich seine Duftmarke auf ihren Schuhen zu hinterlassen und dadurch Aufschluss über die Familienzusammengehörigkeit zu geben.

INFO
Verein „KiTiNa“

Auch das kleine Fuchsjunge, das Anfang April in Bochum als „undefinierbares Tier“ bei der Polizei gemeldet worden war, landete zunächst in der Station in Werl. Weil es jedoch zu Problemen mit einem größeren Fuchswelpen kam, wurde es weitervermittelt.

Regina Krautwurst weiß, dass es auch Kritik an ihrer Tierschutzarbeit gibt. „Manche sagen mir, man sollte sich lieber um Kinder kümmern“, sagt sie. „Aber das eine schließt das andere doch nicht aus.“ Die fünffache Mutter engagiert sich auch als Integrationsfachkraft auch für Behinderte und setzt sich für Migranten ein.

Der Wildtierschutzverein „KiTiNa e.V.“ (Kinder Tiere Natur) ist bei seiner Arbeit dringend auf Spenden für Futter und Tierarztkosten angewiesen. Infos: kitina-werl.de. Bankverbindung: Volksbank Hellweg,
Konto: 612 58 33 900,
Bankleitzahl: 414 601 16

Und dieses süße Dachsjunge kann tatsächlich irgendwann wieder in freier Wildbahn leben? Wie ein ganz normaler Beutegreifer, der vor Menschen eigentlich eine natürlich Scheu hätte? „Natürlich“, sagt Regina Krautwurst. Allerdings: Das wilde Leben muss auch gelernt werden.

Wildtiere gewöhnen sich schnell an das Leben in Freiheit

Deshalb zieht es die (Wild-)Tierfreundin immer wieder in den Wald, auf die Felder oder abgelegene Industrie- und Deponieflächen, wenn ihre Schützlinge ein entsprechendes Alter erreicht haben, gesund und geimpft sind. In der Dämmerung setzt sie sich dann ihre Stirnlampe auf, schnallt Fuchs oder Dachs ein Geschirr um, und macht sich mit ihnen irgendwo dort auf den Weg, wo später einmal ihr neues „Zuhause“ sein soll. Sechs bis acht Monate später, je nach Entwicklung, setzt sie die Tiere genau in jener Umgebung aus. Täglich kommt sie sie dann hier noch zur selben Zeit besuchen, um sie etwas zu füttern. „Manchmal springen sie noch zurück in mein Auto, dann weiß ich, sie waren noch nicht soweit. Dann bleiben sie noch ein paar Tage bei mir und ich versuche es erneut“, sagt Krautwurst.

Meistens jedoch haben sich die Wildtiere schnell wieder an das Leben in Freiheit gewöhnt. „Manchmal kommen sie zu der vertrauten Zeit noch vorbei und begrüßen mich kurz. Aber dann gehen sie wieder. Und irgendwann sind sie nicht mehr da“, erzählt Krautwurst. „Dann weiß ich, dass sie es geschafft haben. Dass sie mich nicht mehr brauchen.“

Die Zähne und Krallen des kleinen Fuchses haben schon so manche Spur auf den Armen der Pflegemutter hinterlassen. „Nicht schlimm“, sagt Regina Krautwurst. „Das bleibt nicht aus, wenn man solche Wilden im Haus hat!“

Was es für ein Gefühl es sei, die wilden Tiere , die einem doch so vertraut geworden sind, wieder auszusetzen? „Man macht sich erst ein bisschen Sorgen wie um Kind, um das man sich gekümmert hat“, gibt die Werlerin zu. „Aber es macht einen auch stolz, wenn man weiß, dass man ein Leben gerettet hat.“

"Die Pflege von Wildtieren ist meine Berufung"

Wie viele das in den letzten 20 Jahren waren, kann Regina Krautwurst nicht sagen. Irgendwann hatte ihre Arbeit damit begonnen, dass sie kranke Wellensittiche aufnahm, gesund pflegte und weitervermittelte. „Das sprach sich schnell herum“, blickt sie lächelnd zurück, „und dann kamen immer mehr Tiere hinzu. Und da spürte ich, dass das mein Traumberuf ist. Oder besser: meine Traumberufung.“

Ihr Fachwissen im Umgang mit den Wildtieren hat sie sich bei Fortbildungen und Sachkunde-Nachweisen erworben, bundesweit ist sie mit Experten in Kontakt und spricht mit ihnen Ernährung, Pflege und Auswilderungsaktionen ab. Aber immer noch ist sie am meisten beeindruckt von dem, was sie beim täglichen Umgang mit den Tieren erfährt: „Es ist einfach faszinierend,   welche Sinne sie haben oder wie sozial sie sind“, sagt sie. „Was ich von ihnen gelernt habe, konnte mir bisher kein Professor beibringen.“

Tierkinder in Werl

 

Katja Sponholz



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