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Lüdenscheider Duogynon-Opfer wütend über "Freifahrtschein" für Bayer

05.07.2012 | 19:02 Uhr
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Lüdenscheider Duogynon-Opfer wütend über "Freifahrtschein" für Bayer
Lehrer Andre Sommer (M.) klagte mit seinem Anwalt Jörg Heynemann (r.) vor dem Landgericht Berlin gegen die Bayer Pharma AG auf Schmerzensgeld- und Schadenersatz: Vergebens. Foto: Sebastian Willnow/dapd

Berlin/Lüdenscheid.   Das Berliner Landgericht hat die Klage eines Behinderten gegen die Bayer Pharma AG wegen Missbildungen durch das Hormonpräparat Duogynon abgewiesen. Die Ansprüche des Klägers seien verjährt. Für eine Betroffene aus Lüdenscheid ist das Urteil eine bittere Enttäuschung.

An Schlaf war für Carmen Scholz aus Lüdenscheid in der Nacht zu Donnerstag nicht zu denken. Stundenlang saß sie am Computer und recherchierte in Sachen Duogynon – jenem Hormonpräparat von Schering, das auch sie Mitte der 70er Jahre als Schwangerschaftstest von ihrem Arzt bekommen hatte. „Alles kam wieder hoch“, sagt die 59-Jährige. Um 3 Uhr schickte sie eine E-Mail an ihren Sohn Markus, der 1975 mit Missbildungen geboren wurde: „Mein Gefühl wird immer schlechter“, schrieb sie.

Ihre Vorahnung hat sie nicht getäuscht: Am Nachmittag wies das Landgericht Berlin die Schmerzensgeldklage von Andre Sommer (35) zurück. Jenes Mannes, der vor zwei Jahren die Initiative „Duogynon-Opfer“ gegründet hat. Und der seitdem dafür kämpft, dass die mehr als 360 Betroffenen, die sich bislang bei ihm gemeldet haben, die Wahrheit erfahren. Doch nachdem bereits im vergangenen Jahr ein Gericht entschieden hatte, dass das Recht auf Akteneinsicht bei dem Schering-Nachfolger Bayer verjährt sei, wiesen die Richter aus dem gleichen Grund gestern auch die Schadensersatzklage ab.

Inhalt spielte keine Rolle

„Das ist bitter. Ich bin sehr enttäuscht“, sagte Sommer nach dem Urteil zur WR. „Und Bayer hat sich nicht einen Zentimeter bewegt - das ist unfassbar.“ Auch eine Mediation, die der Richter mehrfach vorgeschlagen hatte, lehnte das Unternehmen gestern erneut ab.

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Bundesinstitut gab Stellungnahme in Auftrag

Duogynon ist seit 1980 in Deutschland nicht mehr als Arzneimittel zugelassen. Erste Versuche, in den 80er-Jahren gegen Schering vorzugehen, scheiterten an der Gesetzeslage.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat eine externe fachliche Stellungnahme zu rund 350 vorliegenden Fallberichten und zum heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand über Schädigungen von Ungeborenen nach Anwendung von Estrogenen/Gestagenen angestoßen.

Diese Stellungnahme wird voraussichtlich kommende Woche vorliegen.

Ein schwacher Trost für den Kläger, der mit schweren Missbildungen an der Blase zur Welt kam und 13 Mal operiert werden musste, dass laut Richter eine Klage zu einem früheren Zeitpunkt vermutlich zu einem Erfolg geführt hätte.

Ob das bis 1980 als Schwangerschaftstest verwendete Duogynon tatsächlich die Behinderung des Lehrers verursacht hat, spielte in dem Prozess gar keine Rolle. „Ob je ein Schadenersatzanspruch bestand, hat dieses Gericht nicht zu entscheiden“, so Richter Holger Matthiessen. Er legte in der mündlichen Verhandlung dar, dass für ab 1978 verabreichte Arzneimittel strengere Haftungsregeln gelten. Der Kläger könne aber nur im Jahr 1975 oder 1976 durch Duogynon geschädigt worden sein und sich lediglich auf das Bürgerliche Gesetzbuch stützten. „Spätestens 2006 ist ein Schaden verjährt gewesen“, sagte Matthiessen.

Carmen Scholz (M.) und ihr Mann protestierten im vergangenen Jahr mit anderen Duogynon-Opfern bei der Hauptversammlung von Bayer in Köln. Foto: Katja Sponholz

Dennoch gibt Sommer nicht auf. Er kündigte bereits Rechtsmittel gegen das Urteil an. Sein Anwalt Jörg Heynemann hatte Schering vorgeworfen, die fruchtschädigende Wirkung von Duogynon stets vertuscht zu haben. „Man kann nicht jahrzehntelang dafür sorgen, dass nichts ans Licht kommt und dann sagen: Pustekuchen, jetzt ist alles verjährt.“

Für die Bayer Pharma AG sagte Rechtsanwalt Henning Moelle, Duogynon sei vom Bundesgesundheitsamt und vielen weiteren Behörden geprüft worden. Auch ein dreijähriges staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren habe schon in den 80er Jahren erhobene Vorwürfe nicht bestätigen können.

Betroffene enttäuscht und sauer

Carmen Scholz indes glaubt dem Unternehmen nicht - und ist sauer, seit sie von dem Urteil weiß. „Ich habe eine riesen Wut“, gab sie zu. „Diese Verjährung ist für Bayer wirklich wie ein Freifahrtschein ins Paradies. Und was ist mit den Betroffenen?“

Ira Gerhartz (36) aus Rheinland-Pfalz, die wie Andre Sommer mit Missbildungen an der Blase zur Welt gekommen war (und außerdem noch mit Klumpfüßen und Wirbelsäulenschäden), war traurig, als sie von dem Urteil erfuhr. „Ich bin enttäuscht. Zum einen um Andre Sommer, weil er kämpft wie ein Löwe, und zum anderen, weil ich denke, dass wir schon das Recht hätten, wenigstens Auskunft zu bekommen. Ich glaube, das Gesetz scheint nicht auf unserer Seite zu sein.“ Aber eines weiß sie trotzdem ganz genau: „Ich denke, das Urteil heißt: Nicht aufgeben.“

Katja Sponholz

Kommentare
05.07.2012
21:21
Lüdenscheider Duogynon-Opfer wütend über
von Frankfurter | #2

Bereits das Römische Recht kannte die Verjährung als „longi temporis praescriptio“. Offenbar schon damals bestand somit der Wunsch, nach Ablauf einer bestimmten Zeitspanne den Rechtsfrieden wieder herzustellen, also eventuell bestehende Ansprüche - welcher Art auch immer - als beseitigt anzusehen: zum einen, um den Berechtigten anzuspornen, seine Ansprüche möglichst rasch anzumelden und durchzusetzen, weil die gegebenenfalls erforderliche Beweisbarkeit in der Regel mit fortschreitender Zeit schwierig oder gar unmöglich wird, und zum anderen um den Verpflichteten von einer zeitlich unbefristeten Möglichkeit der Durchsetzung von Ansprüchen zu entlasten (die womöglich gar nicht mehr ihn, sondern seine Rechtsnachfolger träfen, sofern es sich um zivilrechtliche Ansprüche handelt).

1 Antwort
Lüdenscheider Duogynon-Opfer wütend über
von Hastalamuertesiempre | #2-1

Frankfurter:

Sie scheinen juristisch versiert zu sein. dannstelle ich Ihrer These eines "Rechtsfriedens" doch folgende Tatsache entgegen:

Das StGB wurde vor einigen Jahren abgeändert und vergewaltigte Kinder können -auch nach Ablauf- Strafanträge gegen ihre Peiniger stellen.

Nicht umsonst wurde hier die Verjährung ausser Kraft gesetzt.

Sie sollten sich einmal fragen ob es tatsächlich seitens des Gerichts "friedensstiftend" war, was da an denkwürdigem Urteil erging. Von wegen Verjährung. Hier geht es doch darum, gewisse Großfirmen zu decken. das erkennt sogar die blinde Justizia...

05.07.2012
19:49
Der Bundesverfassungsrichter a.D. Prof. Willi Geiger sagte zum deutschen Recht:
von vantast | #1

"In Deutschland kann man, statt einen Prozeß zu führen, ebenso gut würfeln."
Wenn die Ursache klar ist, sollte es doch keine Verjährung geben?
Die herrschenden Gesetze sind eben die Gesetze der Herrschenden, die dafür bezahlen.

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