Länger lernen
08.01.2008 | 22:37 Uhr 2008-01-08T22:37:30+0100HOCHSCHULE. Einmalig in NRW: Rund um die Uhr hat die Bibliothek der Dortmunder Uni geöffnet. Das Angebot kommt an.
DORTMUND. "Power Energy" verspricht das Traubenzucker-Päckchen auf dem voll gepackten Leseplatz im ersten Stock. Gleich doppelte Kraft also - und genau die können die Studenten auch brauchen, die zu später Stunde die Dortmunder Uni-Bibliothek bevölkern. Seit diesem Winter können sie die Zentralbücherei der Technischen Universität (TU) Dortmund rund um die Uhr nutzen: von montagmorgens um acht bis samstags um 24 Uhr, 136 Stunden insgesamt. Das ist die Spitze in Nordrhein-Westfalen, keine andere Uni-Bibliothek im Land hat so lange geöffnet.
"Wir sind außerordentlich positiv überrascht", zieht der stellvertretende Bibliotheksleiter Norbert Gövert ein erstes Zwischenfazit, "wie gut die Studierenden das Angebot annehmen." Um Mitternacht seien regelmäßig zwischen 50 und 100 Menschen in der Bibliothek, in den darauf folgenden Stunden zwar meist nur noch eine Handvoll, aber schon ab 5.30 Uhr kämen viele Frühaufsteher zum Lernen, Schreiben oder Recherchieren, so Gövert.
Diplom im Endspurt
Bücher ausleihen, zurückgeben oder vorbestellen können die Studis nur in der Servicezeit bis 22 Uhr. Bald soll es automatisches Leihsystem geben. Denn bei denen, die sich hier die Nacht um die Ohren schlagen, ist der Zeitdruck groß: "Gerade, wer eine Abschlussarbeit schreibt, ist für jede Minute dankbar."
Andreas ist so ein Kandidat vom Typ Endspurt: Der 30-Jährige studiert im 15. Semester Logistik und muss in wenigen Tagen seine Diplomarbeit abgeben. "Ich bin jede Nacht hier", berichtet er, "sonst werd' ich nicht fertig." Bis 18 Uhr hat er zu Hause gearbeitet, seitdem sitzt er in der Bibliothek. "Der Schreibtisch hier ist größer und bequemer", sagt er und dass die neuen Öffnungszeiten ihm sehr gelegen gekommen seien. Es ist kurz nach Mitternacht, Andreas hat noch viel vor: "Bis vier Uhr bleibe ich mindestens."
Noel und Patrick am anderen Ende des riesigen Lesesaals können das noch toppen: "Wir gehen nicht vor sechs", sagen die beiden jungen Männer, die fürs Maschinenbau-Studium aus Kamerun nach Deutschland gekommen sind. Bei ihnen steht keine Prüfung oder Hausarbeit an, und trotzdem ist da der Zeitdruck: "Wir wollen am besten ganz schnell mit unserem Studium fertig werden", erzählt der 24-jährige Noel, "deshalb lernen wir immer." Und immer heißt: Jede Nacht acht Stunden, von 22 bis sechs Uhr - auch dann, wenn morgens um zehn bereits das nächste Seminar ansteht. Sieben Stunden Schlaf, über den Tag verteilt, reichten ihm, rechnet Patrick (22) vor. "So wie wir nutzen vor allem ausländische Studenten die Nacht", erzählen die beiden. "Wir bekommen keine finanzielle Unterstützung und können es uns nicht leisten, zu trödeln." Sagen's und widmen sich wieder ihren Mechanik-Plänen.
Die Rund-um-die-Uhr-Öffnung kostet pro Jahr mehr als 100 000 Euro zusätzlich. Ein Fünftel dieser Kosten tragen die Studenten selbst - mit ihren Studiengebühren. Noch gelten diese Öffnungszeiten nur bis Ende April. Dann wird anhand der Nutzerzahlen entschieden, ob der Service wieder reduziert oder weiter angeboten wird. Die Beispiele zeigen: In einzelnen Fällen kam die Ausweitung der Öffnungszeiten als willkommenes Geschenk. Bei allem Lob musste die Bibliotheksleitung in den vergangenen Wochen aber auch durchaus Kritik einstecken. Gerade junge Frauen sorgen sich um ihre Sicherheit im großen Gebäude und auf dem Weg dorthin - und sind nach Mitternacht so auch nur noch vereinzelt in der Bibliothek anzutreffen. "Ich hatte so viel Stress in den letzten Wochen", sagt Lehramtsstudentin Eda (27), "dass ich an Angst gar nicht denken konnte. Aber eigentlich ist es nachts hier schon etwas unheimlich."
Der Sonntag ist nicht heilig
Norbert Gövert hält dagegen: "Die Sicherheit ist gewährleistet." Es seien immer zwei Wachleute für den Nachtdienst da, einer macht regelmäßig die Runde. "Wenn eine Studentin zu ihrem Parkplatz begleitet werden will", sagt Gövert, "kann sie fragen."
Außerdem ist von Studentenseite ein anderes Anliegen laut geworden: Sie wollen auch sonntags in der Bibliothek lernen. "Bisher", erklärt Norbert Gövert, "nutzen wir den Sonntag und Montagmorgen dazu, Wartungs- oder Aufräumarbeiten zu erledigen. Aber wir überlegen bereits, wie wir auch eine Sonntagsöffnung realisieren könnten." Noel und Patrick, die beiden Maschinenbau-Studenten aus Kamerun, wird das wohl kaum interessieren. "Wir können uns nachts am besten konzentrieren", sagen sie. Während andere auf "Power-Traubenzucker" schwören, haben sie ihr ganz eigenes Ritual: Sie laufen auf Socken durch die Bibliothek. "Um besser lernen zu können", sagt Noel, "muss man sich auch ein bisschen befreien." Zum Beispiel von seinen Schuhen. Der Druck dagegen bleibt. (NRZ)
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