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Museum Kloster Kamp

Was für eine Leidenschaft!

18.03.2016 | 20:00 Uhr
Was für eine Leidenschaft!
Bild Nummer neun. Die „Auferstehung“. In der Abteikirche Kloster Kamp.Foto: Markus Weissenfels

Kamp-Lintfort.   Neun großformatige Bilder, Öl auf Jute. Annette Marks und ihr provozierend belebender Kreuzweg. Auf dem Kamper Berg

Was sind das für Farben. Was für mächtige, kantige Körper. Was für ein ungewöhnlicher Kreuzweg! Das kleine, feine Museum oben auf dem Kamper Berg, gleich der alten Zisterzienser-Abtei gegenüber, birgt schon so manche Überraschung in sich. Dr. Peter Hahnen, Leiter des Geistlichen und Kulturellen Zentrums und damit auch Direktor des Museums, hat ja ein Händchen für ungewohnte Blickweisen und anregende Perspektiven – warum nicht auch zur Osterzeit?

Zwei extra Ausstellungsräume, eine Abteikirche und neun große Bilder, Öl auf Jute. Arbeiten der Künstlerin Annette Marks, die uns mit all ihrer expressiven Farbigkeit und moderner Sprache daran erinnert, dass die Passion heute ist und heute stattfindet. Mitten im Jetzt, in der Stadt, im Supermarkt, im Büro, in der Kneipe.

Pontius Pilatus in weißer Unschuld. Unten tobt das Volk. Arbeit von Annette Marks Foto: Markus Weissenfels

Dieser Kreuzweg ist nicht andächtig, er ist brutal, er verstört und er will provozieren. Er touchiert, er macht Gänsehaut, und: Er trägt plötzlich dann doch, er schenkt Hoffnung – spät, aber dann doch mit all dieser hellen, fröhlichen, zuversichtlichen Farbigkeit.

Aber man muss das Hinschauen aushalten, zwischendurch. Etwa bei der Szene „Geißelung“. Soldaten haben Jesus im Griff – Schatten sind es hier, einer mit Baseballkappe, die anderen schwarzweißen glatzköpfigen Gestalten ballen die Fäuste, halten Knüppel in der Hand – man hört schon die Rufe des Volkes: Kreuzigt ihn! Und man ist plötzlich und schrecklich im Hier und Jetzt: hat die Bilder der vielen Flüchtlinge vor Augen und den pöbelnden Mob, der „Ausländer raus“ skandiert.

Gänsehaut. Entsetzen. Erkennen.

Zum Glück holt Annette Marks einen auch wieder aus diesem Elend heraus. Spätestens bei Bild Nummer 8: „Auferstehung“. Da brechen nicht nur Gefühle und Farben durcheinander, auch die letzten schweren Brocken der Grabplatten sprengen sich ins Nichts, da ist Licht und Energie – Du meine Güte! „Man sieht nur was man weiß“, zitiert Museumsleiter Dr. Peter Hahnen den alten Geheimrat Goethe. Und beweist, dass der recht hatte. „Annette Marks zeigt das Unaussprechliche“, sagt Peter Hahnen, nimmt den Betrachter, der staunend und suchend vor den Farb- und Glaubenskrachern steht, an die Hand. Man muss zweimal gucken, wirken lassen, entdecken, fühlen, spüren. „Sehen Sie“, sagt der Museumsleiter, der nun ja auch Theologie studierte, „dieses Bild vom zweifelnden Thomas. ‘Selig sind, die nicht sehen und doch glauben’ . Thomas zweifelte aber. Und dann bricht da plötzlich der Auferstandene durch Farbe, Raum und Zeit, er durchbricht die Ordnung der Dinge.“ Deshalb, ganz sicher deshalb hat die Künstlerin den Auferstandenen mit einer Art Schatten, einer zweiten Sphäre, einem Hauch von Ewigkeit ummantelt. Nicht Ihre Brillenstärke muss überarbeitet werden – Annette Marks hat wirklich einen Schatten um den Herrn gemalt.

Dr. Peter Hahnen, Museumsleiter Kloster Kamp. Foto: privat

Thomas trägt eine Armbanduhr, der Gefährte – vielleicht ist es auch eine Sie, zückt das Handy um die Auferstehung zu fotografieren – aber das Display ist leer. Mit Bedacht, sagt Herr Hahnen, „das Ewige, das Unaussprechliche kann man nicht fotografieren.“

Annette Marks ist Malerin, ja, aber jede dieser kantigen Figuren auf den Bildern könnte auch eine Skulptur sein. Das Schlussbild lehnt an einer Wand in der Abteikirche. Maria von Magdala steht vor dem Grab und weint, dann offenbart sich ihr Jesus, den sie erst für den Gärtner hält. Rot und Gelb und Orange, im Hintergrund mag man eine Stadt erkennen, ein Bild voller Dynamik und Kraft, es leuchtet und wirbelt und macht komischerweise richtig froh. Erleichterung.

Ein schönes Gefühl nach all dem Schweren und Ächzen zuvor, die Auferstehung. „Das ist heute.“

Der unglläubige Thomas, rechts im Bild. Foto: privat Die Arbeiten von Annette Marks zu „Passion“ sind noch bis zum 10. April im Museum Kloster Kamp zu sehen. Öffnungszeiten: di-sa 14-17 Uhr; Sonn- und Feiertag 11-17 Uhr. Geistliches und Kulturelles Zentrum, Abteiplatz 13, Kamp-Lintfort.

Tipp: Eine Führung durch Museum und/oder Ausstellung mit Dr. Peter Hahnen. Museumseintritt: 2,75 Euro pro Person. Wer nur die Ausstellung gucken möchte: 1 Euro. Führungen: vier Euro pro Person (lohnt sich!). Infos: 02842-92 75 40.

Heike Waldor-Schäfer

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2016-03-18 20:00
Niederrhein