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Karneval

Was das Kostüm alles verraten kann

08.02.2016 | 21:00 Uhr
Was das Kostüm alles verraten kann
Rolf Schmiel ist vermutlich Deutschlands bekanntester Motivationspsychologe. Wir haben uns mit ihm mal im Karneval umgeschaut.Foto: privat

Am Niederrhein.   Cowboys sind meist gar nicht locker, und bei Prinzessinnen sieht es außerhalb der fünften Jahreszeit auch eher trostlos aus...

Rolf Schmiel ist Diplom-Psychologe. Und weiß schon deshalb ganz genau, wer wir sind, warum wir sind wie wir sind und manchmal jemand ganz anderes sein möchten. Cowboy, zum Beispiel. Oder Scheich. Oder Prinzessin. Ein Gespräch.

Tach Herr Schmiel. Ist ja Karneval. Als was gehen Sie denn in diesen Tagen unter die Leute?

Ich bin Westfale. Ich verkleide mich nicht. Das heißt aber nicht, dass ich ein Karnevalsmuffel bin – ganz und gar nicht. Aber ich finde es unpassend, mir halbherzig ein Herzchen auf die Wange zu malen. Karneval feiert man entweder ganz oder gar nicht.

Das heißt, Sie gehen in diesen närrischen Zeiten in Deckung?

Ehrlich gesagt: Ich muss arbeiten. Ich bin ja Psychologe und Motivationstrainer und viel unterwegs. Und heute stehe ich auf der Bühne in einer nicht wirklich karnevalistischen Gegend.

Ja, wo gibt’s denn sowas?

Für Rheinländer sicherlich undenkbar, das glaube ich. Aber heute bin ich tatsächlich in München.

Warum verkleiden wir uns so gerne?

Das hat traditionelle Gründe. Karneval verkleidet man sich, das ist einfach so. So wie wir an Weihnachten eben auch in die Kirche gehen. Wir sind da Herdentiere – weil alle es machen, machen wir es auch.

Aber natürlich gibt es auch andere Gründe. Karneval bietet immer die Möglichkeit zur Flucht aus dem Alltag. Eintauchen in eine andere Welt, eine andere Rolle – das ist eine schöne Chance, den Alltag mal hinter sich zu lassen. Und das ist ja auch gut so.

Der dritte Grund ist, dass man in einem Kostüm einfach nicht so leicht erkannt wird. Man kann Dinge tun, die man sich sonst nicht trauen würde. Also auch mal albern sein und laut und aus der Reihe tanzen. Allerdings führt die Kombination von Kostüm und alkoholischen Getränken oft dazu, dass die Hemmschwellen fallen – und manchmal auch das Kostüm.

Nun sehen wir wieder ganz viele Prinzessinnen und Kätzchen, Cowboys und Scheichs...

Kaum ein Kostümball ohne Kaftan-Träger. Unter der weißen Robe verbirgt sich aber oft ein knausriger Typ. Die Verkleidung verrät die Krämerseele: Küchenhandtuch, Bettlaken, schwarze Kordel und Sonnenbrille. Das findet sich kostenlos alles im heimischen Hausstand.

Ja, und was ist mit all den Prinzessinnen? Den Clowns?

In jeder Frau steckt eine Prinzessin mit immerwährender Schönheit, mit Reichtum und Macht, für die sich Männer verzehren und ihr Leben riskieren.

Hach, ja, schööön.

Zumindest erwecken Karnevalsprinzessinnen diesen Einruck. Außerhalb der fünften Jahreszeit sieht es aber meist ausgesprochen trostlos aus. Der Partner macht zu Hause keinen Finger krumm, es hapert an Allem, ganz besonders an Schuhen, Handtaschen und Schmuck.

Oh je.

Bei den Cowboys gibt es zwei Typen. Der faule Cowboy, der eine Jeans trägt und einen Papphut als Verkleidung. Und es gibt den kreativen Cowboy, der seine Rolle inszeniert. Das soll frei, unabhängig, männlich und mutig wirken – in Wahrheit sind es oft Menschen, die in Job und Lebenssituation eher geschlagen sind. Wer sich an den tollen Tagen den Colt umschnallt und den breitkrempigen Hut aufsetzt, hat ansonsten nicht viel zu melden.

Sie sind aber gnadenlos. Der Griff in die Kostümkiste kann also mehr über uns verraten als uns lieb ist?

Das ist ja das Überraschende. Und Faszinierende. Wir denken, wir können uns hinter einer Maske verstecken, aber oft verraten wir damit mehr über unsere Persönlichkeit, als die Seele es will.

Nun, ähem, ich hatte ‘mal ein ganz tolles Indianer-Kostüm. Schlimm?

Wie alt waren Sie denn da?

Nun, acht bis zwölf.

Das ist auch psychologischer Sicht völlig unbedenklich. Kinder lieben diese Rollen, die Lust machen auf Welt entdecken und Abenteuer. Das wird keine Schäden hinterlassen haben.

Danke. Der Karneval steckt also voll heimlicher Signale.

Heimliche Signale? Nein, es sind ganz offensichtliche Signale. Wir müssen einfach nur ganz genau hinschauen. Ich werde immer gefragt, ob Psychologie schwer ist. Nein, Psychologie ist nicht schwer. Man muss nur genau hingucken.

Wenn Sie beim genauen Hingucken jetzt, sagen wir mal, einen Typen mit ‘ner roten Knubbelnase, bunten Hosen mit Hosenträgern, großen Latschen und einer Blume am Kopf entdecken, der mit einem Typen schunkelt, der eindeutig in die Zombiekiste gegriffen hat...

Der Clown – eines der tragischsten Kostüme im Karneval. Der Clown ist nicht nur geschlechtslos, er vermag auch wie keine andere Verkleidung den Träger optisch zu verfremden. Denn dem ist eher zum Weinen zumute statt zum Lachen, er fühlt sich weder als Mann noch als Frau akzeptiert. Weil im Alltag selten Anlass für gute Laune besteht, wird die nun vorgespielt. Und der Zombie ist eindeutig im falschen Film. Der gehört eigentlich zu Halloween. Ist aber eher der pragmatische Typ, der ein Kostüm zu mehreren Anlässen trägt.

So, dann sagen Sie jetzt aber mal, was Sie denn anziehen würden, wenn Sie sich mal verkleiden müssten.

Also wenn ich wirklich müsste – dann vielleicht als Darth Vader.

Der Yedi-Ritter aus Star Wars!

Exakt.

Und Sie wissen auch, warum Sie sich so entscheiden würden.

Klar. Da ist sicher die Sehnsucht nach Macht – ich arbeite ja alleine, es gibt keine Heerscharen, die ich anführen könnte, und ich hätte die Möglichkeit, endlich auch mal was sagen zu dürfen... Das ist im Karneval ja erlaubt – wenn man sonst ein lieber und anständiger Kerl ist.

Ihr Tipp fürs närrische Finale:

Psychologisieren Sie sich nicht kaputt. Haben Sie Spaß. Seien Sie nicht verkrampft, weil Sie ein Cowboy-Kostüm tragen oder das Prinzessinnen-Kleid einen Flecken hat. Wir alle brauchen den Karneval. Wir brauchen ein Ventil, um mal Luft abzulassen. Das ist wie beim Boxkampf oder im Fußballstadion. Einfach mal laut sein und Dampf raus lassen, schunkeln, tanzen, fröhlich sein und den Alltag an die Seite schieben. Morgen ist eh wieder Schluss.

Heike Waldor-Schäfer

Kommentare
09.02.2016
13:26
Was das Kostüm alles verraten kann
von Skeptikaa | #1

"Einfach mal laut sein und Dampf raus lassen, schunkeln, tanzen, fröhlich sein und den Alltag an die Seite schieben. Morgen ist eh wieder...
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2016-02-08 21:00
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