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Ev. Kirche Wesel-Büderich

Teil 7: Quadratisch, praktisch, schön

01.07.2011 | 15:07 Uhr
Teil 7: Quadratisch, praktisch, schön
Pfarrer Joachim Wolff in der evangelischen Kirche in Wesel - Büderich. Foto: Markus Weißenfels / WAZ FotoPool

Wesel-Büderich. Ein goldener Schwan auf dem Turm, ein halber Tisch an der Wand – die Evangelsiche Kirche Büderich und ihre Geheimnisse

Jaja, gucken Sie ruhig zweimal hin. Kopf in den Nacken und gucken. Sie sehen richtig: Da schwebt ein Schwan. Hoch droben auf dem Turm dieser kleinen, schnörkellos-eleganten Kirche in Wesel-Büderich, da hockt kein Hahn, da weist kein Kreuz den Weg, da thront ein Schwan, ein goldener. Pfarrer Joachim Wolff lächelt. Es soll nicht die einzige Überraschung sein, die die Evangelische Kirche Büderich zu bieten hat. Das schlichte, robuste Gotteshaus ist die siebte Station unserer Kirchen-Tour, die Sie, liebe Leserinnen und Leser, am 17. Juli mit uns entdecken können.

Anfang des 16. Jahrhunderts, da war Büderich ein besonderer Ort, strategisch bedeutend, mit eigenem Münzrecht, Richteramt, sogar der Rheinzoll wurde von Duisburg nach Büderich verlegt. Und schon Mitte des 15. Jahrhunderts gab es eine gotische Kirche im Ort - die von evangelischen und katholischen Christen gemeinsam genutzt wurde. Vorbildliche Ökumene, auch wenn’s immer wieder mal hakte. Irgendwann trennte eine Mauer in der Kirche beide Parteien voneinander - per Losentscheid wurde festgelegt, dass die evangelische Gemeinde die Turmseite, die römisch-katholische die Chorseite erhielt.

Dann kam Herr Napoleon, und Büderich samt Kirche wurde zerstört. Die Chronik berichtet von 159 Arbeitern, die mit Äxten und Brecheisen jeden Stein aushebelten. Doch Büderich wurde neu aufgebaut, rechteckig, zackig, vom Reißbrett aus. Statt einer Simultankirche gab es Anfang der 1820er Jahre zwei Gotteshäuser - eine reformierte und eine katholische schräg gegenüber. Der preußische Super-Baumeister Karl Friedrich Schinkel legte Hand an. Und so schlicht und schön, wie er sie plante, ist die Evangelische Kirche heute noch. Zurückhaltend gestylt, Saalbauweise, quadratisch, praktisch, gut. Wobei auffällt: Während der Eingang der kath. Kirche an einer Seitenstraße liegt, dürfen die ev. Kirchgänger vom Marktplatz einmarschieren.

Im fröhlichen Wettstreit lebte der ökumenische Gedanke weiter fort. Bauten die Katholen an ihrem Turm, legten die Evangelen nach - und machten ihren ein bisschen höher - und umgekehrt... „Das ökumenische Wettrüsten hat sich zumindest für die Evangelische Kirche nicht gelohnt“, schmunzelt Pfarrer Wolff. Der Versuch, eine Glocke mehr als die „Konkurrenz“ schwingen zu lassen ging schief - der Turm bekam Risse und musste geschlossen werden.

Das ist alles lange her - heute lebt der ökumenische Gedanke in fröhlicher Verbundenheit. Prinzip: Alle Christen sitzen an einem Tisch, symbolisiert durch einen halbierten - eine Tischhälfte steht in der Ev. Kirche, das Partnerstück in St. Petrus. Es gibt einen ökumenischen Kirchenchor, jedes Jahr zu Ostern schenkt St. Petrus eine Osterkerze.

Ein Förderverein gründete sich, um das unter Denkmalschutz stehende Haus aufrecht halten zu können. In den 90ern wurde aufwändig saniert, von den 1,5 Millionen Euro Gesamtkosten musste die Kirchengemeinde mehr als Dreiviertel selbst stemmen.

Sorge Nummer eins: der Salzbergbau. In Spitzenzeiten waren Bodensenkungen von jährlich bis zu sieben Zentimetern normal, jetzt sind es „nur“ noch um die drei. Nichtsdestotrotz: die Büdericher wollen ihre Schinkelkirche lebendig halten. Es gibt regelmäßig Gottesdienste und ganz viel Kunst, Musik, Lesungen, Ausstellungen.

Und der Goldene Schwan? Pfarrer Wolff zuckt die Schultern. „Vielleicht ein Hinweis auf Luther, vielleicht einer auf das Herzogtum Kleve - wir wissen es nicht.“

Heike Waldor-Schäfer

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Teil 7: Quadratisch, praktisch, schön
Teil 7: Quadratisch, praktisch, schön
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2011-07-01 15:07
Niederrhein