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Teil 12: Ein Fluss kriegt die Kurve

27.08.2010 | 19:12 Uhr
Teil 12: Ein Fluss kriegt die Kurve
Die zwei Gesichter der Niers: der Fluss bei Goch und der Fluss bei Wachtendonk.

Am Niederrhein.Die Niers kommt nicht zur Ruhe. Einst wurde sie auf Linie gebracht. Nun will der Niersverband einen Teil der Vergangenheit wieder umbiegen. Dazu sind 50 Millionen Euro notwendig, mindestens.

Als Dietmar Schitthelm zur Schule ging, musste er auf dem Weg dorthin zweimal die Niers überqueren. Der Blick von den beiden Brücken war jeden Morgen ein anderer. „Der Fluss wechselte beinahe täglich seine Farbe“, erinnert er sich. Schuld daran waren die Einleitungen aus den Textilfabriken, von denen es damals in und um Grefrath viele gab. In dieser Zeit war die Niers nicht mehr als eine Entsorgungsrinne. Rio Tinto, spottete der Volksmund.

Ein halbes Jahrhundert später ist Dietmar Schitthelm noch immer beinahe täglich an, über oder auf der Niers unterwegs. Berufsbedingt, er ist seit zwei Jahren der Vorstand des Niersverbandes. Dieser regelt seit 1927 den Wasserablauf und reinigt das Abwasser im Fluss. Und wird dies auch in Zukunft tun. Unter anderem so, wie es die Europäische Union vorschreibt: durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie.

In dem Gesetz heißt es gleich zu Beginn: „Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein erebtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss.“ Das klingt nach einer Vision. Entpuppt sich aber vielleicht als eine Illusion.

Ortstermin beim Niersverband in Viersen. Das Gebäude der Hauptverwaltung sieht aus wie größtenteils der Fluss: geradlinig. Wer den Chef des Hauses nach der Zukunft der Niers fragt, den verweist Dieter Schitthelm auf den sogenannten Masterplan Niersgebiet. Dieser sieht bis zum Jahr 2027 Ausgaben von 140 Millionen Euro vor.

Ziel ist es, der EU-Wasserrahmenrichtlinie gerecht zu werden. Das heißt, den Fluss in einen guten ökologischen und chemischen Zustand zu versetzen. Was das genau bedeutet, ist kompliziert und im Detail für Laien kaum zu verstehen. Der gute Zustand bezieht sich unter anderem auf das pflanzliche und tierische Leben im Fluss.

Zurück zur Natur oder: vom Auen- zum Masterplan

Dass sich bereits jetzt wieder 25 Fischarten in der Niers tummeln, vom Blaubandbärbling bis zur Ukulei, erklärt die Gelassenheit von Dietmar Schitthelm, wenn er über die Wasserrahmenrichtlinie der EU spricht. Seit 1995 setzt der Niersverband sein Auenkonzept um. Im Kern ist der 14 Jahre später vorgestellte Masterplan die erweiterte Fortschreibung des Auenkonzepts.

Dabei am wichtigsten ist der naturnahe Aus- und Umbau der Niers. Von den rund 100 Flusskilometern, die der Niersverband auf deutschem Boden zu betreuen hat, sind erst sieben Kilometer renaturiert. Das heißt: Statt in einem schnurgeraden Bahnsinn schlängelt sich der Fluss nun in sanften Schwüngen durchs Gelände. 2027 sollen etwas mehr als 30 Flusskilometer naturnah ausgebaut sein.

Kosten: 50 Millionen Euro. Eigentlich aufzubringen von den Mitgliedern des Niersverbandes. Von 34 Städten und Gemeinden, die fast alle klamm sind. Doch auch dem sieht Dietmar Schitthelm ruhig entgegen. „Eine Beitragserhöhung wird es nicht geben“, sagt er. Weil der Niersverband in der Vergangenheit gut gewirtschaftet habe, könne er auf Geld aus seinen Rücklagen zurückgreifen.

So weit, so gut -- und doch will oder kann Dietmar Schitthelm nicht ungetrübt in die Zukunft der Niers blicken. Der diplomierte Wasserbauer ist vielleicht schon zu lange in der Wasserwirtschaft tätig. Wenn er über die EU-Wasserrahmenrichtlinie spricht, klingt er nicht visionär, sondern verdammt vernünftig und rigoros realistisch. „Trotz aller Bemühungen“, sagt er, „werden wir die Niers nicht mehr in einen Zustand wie vor 1930 zurückversetzen können.“ Damals wurde der Fluss durch den Reichsarbeitsdienst auf Linie gebracht.

Und auch das ist absehbar: Die Niers wird zukünftig nicht zur Ruhe kommen. In ihrem Quellgebiet wird ihr gerade wortwörtlich das Wasser abgegraben. Die ersten Flusskilometer werden dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen. Im Jahre 2080 soll im Tagebaurestloch ein See mit einer Größe von 23 Quadratkilometern entstanden sein, aus dem die Niers entspringen soll. Stand: August 2010.

Und auch das ist absehbar: Die Niers wird zukünftig nicht zur Ruhe kommen. In ihrem Quellgebiet wird ihr gerade wortwörtlich das Wasser abgegraben. Die ersten Flusskilometer werden dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen. Im Jahre 2080 soll im Tagebaurestloch ein See mit einer Größe von 23 Quadratkilometern entstanden sein, aus dem die Niers entspringen soll. Stand: August 2010.

Ingo Plaschke

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