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Niers-Serie

Teil 10: Holland in Sicht

19.08.2010 | 19:28 Uhr
Teil 10: Holland in Sicht
Keine Wasser-, eine Windmühle in Ven Zelderheide, nahe der Niers. Holland halt.

Goch.So also endet Deutschland: an einem grünen Zaun mit Natostacheldraht. Hier in Hommersum, einem Dorf bei Goch, wo die Niers gelassen vor sich plätschert, wurde einst Weltpolitik betrieben. Eine Spurensuche.

So also endet Deutschland: an einem grünen Zaun mit Natostacheldraht.

Wir sind unterwegs am Rande von Goch, in Hommersum, einem 481-Seelen-Dorf. Ein sattgrünes Fleckchen Erde mit einer blutroten Vergangenheit. Im Februar 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, blickte die Welt für zwei Wochen nach Hommersum. Als alliierte und deutsche Soldaten erbittert um den Reichswald kämpften. 10 000 Tote später ging der Kampf weiter, am strategisch so wichtigen Rhein.

Die Niers dagegen spielte in den Planungen der Militärs keine ernst zunehmende Rolle. Das wurde kurz danach ein klitzekleines bisschen anders, als Politiker dem Fluss plötzlich eine staatstragende Rolle in XS-Format zuschrieben: als Ländergrenze.

Seither stellt die Niers auf einigen wenigen Kilometern die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden dar. Zufall? Das Flüsschen erschien den Bürokraten, die damals auf dem Papier eine Trennlinie ziehen mussten, wohl praktisch.

Wir wollten einmal wissen, wo genau die Grenze verläuft. Eine Spurensuche im hintersten Winkel der Bundesrepublik, also in Hommersum.

Der Klokscher Weg ist eigentlich nicht mehr als ein betonierter Feldweg. Links und rechts steht mal ein Bauernhof, ansonsten wechseln sich Felder und Wiesen ab. Irgendwann steht da ein Anlieger-frei-Schild am Straßenrand, und weil wir ja ein nationales Anliegen haben, fahren wir einfach weiter.

In Sichtweite dümpelt die Niers verschwiegen vor sich hin. Rund 100 Kilometer hat sie seit ihren Quellen rund um den Zourshof in Erkelenz hinter sich. Ein nicht immer leicht zu ertragener Weg. Mal wurde ihr fast das Wasser abgegraben, mal wurde sie in ein enges Zwangsbett verlegt. Doch hier, wo sie fast wirklich am Ende ist, hier darf die Niers noch Niers sein. Gelassen plätschert der Fluss dahin, ab und an legt er sich ganz gemächlich in eine Kurve.

Wir werfen einen Blick in unseren Niederrhein-Atlas, laut Herausgeber „GPS-genau“. Darin ist die Staatsgrenze mit einer schwarzen Linie markiert, die alle fünf Millimeter durch zwei schwarze Punkte unterbrochen wird. Genau genommen ist das rechte Niersufer noch Deutschland – und dann beginnt bereits Holland. Wer also auch nur seinen kleinen Zeh ins Wasser taucht, berührt bereits holländisches Hoheitsgebiet.

Mit einem Fuß in Holland?

Wir machen das jetzt einfach mal. Schuhe aus, Strumpf aus, ein Fuß ins Wasser – och, die Niers ist an diesem lauwarmen Sommertag nur eine kleine Abkühlung. Später fragen wir im Landesinnenministerium nach, ob wir damit tatsächlich die Grenze übertreten haben. Antwort gibt uns das Landesumweltministerium: Nö.

Die Erklärung dazu klingt kurios: Die Niers ist 113,1 Kilometer lang. Acht Kilometer davon befinden sich in den Niederlanden, 102,1 Kilometer in Deutschland. Bleiben also noch genau drei Kilometer, die „beiden Ländern zuzuordnen sind“. Und genau da haben wir hingetreten.

Was für eine Überraschung! Die erwartet uns auch ein paar Meter weiter auf dem Klokscher Weg. Am Ende der Straße versperrt uns ein Natostacheldrahtzaun die Weiterfahrt. Auf der Karte ist dort nur Wald eingezeichnet. In Wahrheit befindet sich hier das Verwahrlager Goch, ein Gerätedepot der Bundeswehr. Hier warten ausrangierte Panzer und andere Truppenfahrzeuge auf ihre Verschrottung.

Hommersum hat längst Frieden mit der Welt geschlossen.

Ingo Plaschke

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