Rollstühle richtig vermessen
09.08.2011 | 18:01 Uhr 2011-08-09T18:01:00+0200
Duisburg. Lars Brinkmann vom Duisburger Sanitätshaus Siegfried von Bültzingslöwen, hat ein digitales Vermessungsgerät für Rollstühle entwickelt, das bei der richtigen Anpassung helfen , die Belastung und den Rollstuhlschwerpunkt messen soll.
„Dieser Rollstuhl passt zu mir,“ das können Rollstuhlfahrer mitunter nicht immer sagen. „Eine Studie der Fachhochschule Bielefeld zeigt, dass viele Rollstühle nicht optimal eingestellt sind und somit eher eine zusätzliche Behinderung als Hilfsmittel sind“, sagt Lars Brinkmann. Der Reha-Leiter im Duisburger Sanitätshaus Siegfried von Bültzingslöwen hörte vor vier Jahren auf der „Rehacare“ in Düsseldorf von der Studie und dachte sich: „Das darf nicht so weiter gehen“. Drei Jahre tüftelte er an einer Lösung und entwickelte eine neue digitale Vermessungstechnik, die den Rollstuhlschwerpunkt messen soll.
Referenzwerte bislang selten sofort erreicht
„GeoMess2“ heißt die digitale Waage, die die Belastung des Rollstuhlfahrers auf die Vorder- und Hinterräder misst und über Sensoren direkt auf einen Rechner überträgt. So sollen die Stabilität, Kippsicherheit oder auch die Manövrierbarkeit eines Aktiv-Rollstuhls errechnet werden. „Es gibt einen Referenzwert von 80 zu 20 Prozent, das heißt: 80 Prozent der Last sollte auf den Hinterrädern liegen und 20 Prozent auf den Vorderrädern“, erklärt Lars Brinkmann.
Dass die aber in der Regel bislang nur selten nach dem ersten Vermessen eines Rollstuhls erreicht werden, weiß Lars Brinkmann nicht nur erst seit der Studie. Erst im Alltag merken Rollstuhlfahrer oft, ob ihr Gefährt für ihre Bedürfnisse richtig angepasst ist. Bislang half ihm und seinen Kollegen nur das Bauchgefühl. „Die Lastenverteilung des Rollstuhlfahrers auf die Räder war nicht korrekt darstellbar. Es war die Erfahrung, mit der man das Verhältnis von den Antriebs- und Lenkrädern ermittelt hat“, erklärt Lars Brinkmann.
Mobiles Gerät
für zu Hause
So gebe es einige Faktoren, die eine Rolle spielten. Kann der Rollstuhlfahrer sofort vermitteln, ob der Rollstuhl gut sitzt, gut fahren kann? „Dadurch dass jeder Mensch andere Proportionen, ein anderes Gewicht oder Beinlänge hat, gibt es keine Pauschallösung. Wenn der Rollstuhl nicht richtig eingestellt ist, muss der Rollstuhlfahrer erheblich mehr Energie aufbringen, das geht in die Arme, der Rücken kann schmerzen“, sagt Lars Brinkmann.
Die Fachhochschule Bielefeld hat die Studie zur „Optimierung des Rollstuhlkomforts“ 2005 begonnen. Das dreijährige Projekt der Fachbereiche Maschinenbau (Prof. Ralf Hörstmeier) sowie Pflege und Gesundheit (Prof. Beate Klemme) wurde mit 300 000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung untertstützt. Das Ergebnis: Viele kranke und behinderte Menschen fühlten sich bei der Rollstuhlauswahl schlecht beraten und sprachen von einer mangelhaften Qualität.
Infos: www.otsvb.de oder unter Tel. 0203-93 69 20.
Und dabei komme es noch nicht einmal darauf an, ob der Rollstuhl ein teures oder günstiges Modell ist. Selbst bei zwei gleich teuren Rollstühlen kann es zu völlig unterschiedlichen Lastenverteilungen kommen. Und: teuer muss nicht unbedingt gut sein. „Es kommt auch auf die Bedürfnisse an: „Ein Sportler, der in seinem Rolli Basketball spielen will, braucht einen anderen Dreh, als ein älterer Mensch, der in der Wohnung eine Hilfe braucht“, sagt Lars Brinkmann. Und auch bei Kindern ist es nicht immer sofort klar, ob sie wirklich gut im Rollstuhl sitzen. „Wenn man ein Kind fragt: Fährst du gut, antwortet es vielleicht nach anderen Kriterien als es ein Erwachsener macht,“ weiß Lars Brinkmann.
Das Sanitätshaus Siegfried von Bültzingslöwen arbeitet seit einem Jahr mit dem „GeoMess2“ . Mittlerweile interessieren sich Fachverbände und auch Krankenkassen für das Gerät. Immerhin erspart es vielen Rollstuhlfahrern den Weg zu Nachvermessungen - und den Kassen so Kosten. Auf der „Roll & Control 2011“, einer Fachtagung zur Rollstuhlversorgung, wurde es jüngst einem breiteren Publikum vorgestellt. Mit der Entwicklung kämpft Lars Brinkmann auch gegen die Meinung an: „Der Fachhandel ist zu teuer“. Internetplattformen machten den Sanitäts- und Orthopädiehäusern Konkurrenz, die Rollstühle anbieten, über die Krankenkassen abrechnen, die Ware ins Haus liefern, aber ohne Beratung. Auch darauf will sich Lars Brinkmann einstellen - mit dem „Geo Mess mobil“, das Rollstühle auch zu Hause vermisst.
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