Leben aus der Bude
07.11.2010 | 18:57 Uhr 2010-11-07T18:57:00+0100
Dinslaken.Der Kunstkiosk 422, Dinslakens kleinste Kleinkunststätte im Kulturhauptstadtjahr, hat geschlossen. Eine Wiedereröffnung der Bretterbude an der Mauer der alten Zeche Lohberg ist aber erwünscht. Zur Not wird der Kiosk versetzt.
Die Jungs der Dinslakener Indieband Kukalaka sind ratlos. „Sonst sagt man immer, ihr könnt ruhig näher kommen“. Doch hier in der Kultbude ist der Standardsatz zu Beginn eines Clubkonzerts so überflüssig wie Bühnenlicht oder Monitorboxen. Für Dinslakens kleinste kulturelle Veranstaltungsstätte gilt: Wer drin ist, ist nah dran. Was anderes geht nicht auf knapp 20 Quadratmetern unbeheizte Bretterbude, die Jahrzehnte lang für die Lohberger Kumpels direkt an der Zechenmauer Treffpunkt und Versorgungsstätte war. Die Zeche schloss, der Kiosk wurde verrammelt. Bis 2010.
Als Lohberg auf einmal nicht mehr als sozialer Brennpunkt im Gespräch war, sondern als Teil der europäischen Kulturhauptstadt. Die Zeche wurde zum Kreativquartier und das Büdchen in ihrem Schatten zum Kunstkiosk 422. Benannt nach seiner Hausnummer an der Hünxer Straße und betrieben von der Künstlerin und Kuratorin Britta L.QL, die es sich zum ziel machte, Leben in die Bude zu bringen.
Immer
rappelvoll
Das gelang ihr. Mit Ausstellungen, mehr noch mit den Konzerten und Lesungen. Die Bude stets rappelvoll, die Menschen gedrängt auf dem Fußweg zwischen Zechenmauer und der Durchgangsstraße Richtung Hünxe. Getränke gab’s vor der Tür, , wohin das Liveprogramm mit Laptops übertragen wurde. Die moderne Technik windschief an die weißen Budenbretter geschraubt, ein Anblick so schräg wie die das gesamte Konzept von Britta L.QL und Mitorganisator Volker Bellingröhr.
Wo liegt der Reiz, den Begriff Klein-Kunst derart auf die Spitze zu treiben? Der Kiosk ist Minimalismus pur, kombiniert mit der Aura einer am Ort verwurzelten, sozio-historischen Stätte und einer geradezu charmanten Verweigerungshaltung gegen alles, was heute ein Mindestmaß an Standard ist. Wer hier Kultur erleben will, muss in den Pausen zu den mehrere Straßenzüge entfernten Toiletten im Forum Lohberg pilgern. Der Kunstkiosk als „Kunsttempel“, weit weg vom Profanen.
Von den Künstlern forderte der Kiosk Improvisationstalent, weckte eine Kreativität, die aus allen Ritzen des winzigen Ortes quoll. Und kreativ war das, was hier geboten wurde: Postpunk-Konzerte unplugged, Lesungen der Burghofbühne für ‘nen Euro auf Bestellung. Beim Poetry Slam nahmen die Hörer in Kauf, dass direkt vor dem Kiosk die Laster an einer Behelfsampel tuckerten. Dafür brachte ein Sommerabend Alpenglühen in die Zechensiedlung. Vor dem Kiosk spielten „Jugend musiziert“-Bundeswettbewerbspreisträger auf vier Alphörnern. Die passten dann wirklich nicht mehr in die Bude.
Dass es aber noch kleiner ging, bewiesen über 70 Künstler gleich nebenan. An der Zechenmauer hing der Artomat, ein Zigarettenautomat, an dem es für einen Fünfer Kunst in Schachteln zu ziehen gab. Von wem oder was, blieb das Geheimnis der Schubfächer, bis diese sich störrisch öffneten. 900 Unikate fanden so ihre Abnehmer.
Nun ist Schluss mit 2010 im Kiosk 422. Am Freitag rappelte es zum letzten Mal im Karton. Jedoch: Die Bude soll über die Neugestaltung des Zechengeländes und der Hünxer Straße hinaus erhalten bleiben. Notfalls werde man den Kiosk sogar samt Bretter und Dachpappe versetzen. Wenn am Dienstag der städtische Ruhr.2010-Koordinator Thomas Pieperhoff dem Kulturausschuss die Kiosk-Schlüssel auf den Tisch liegt, so macht er das mit einem Wunsch an die Politik: „Es wäre schön, wenn die Schlüssel wieder an die Kuratorin zurück gingen.“
10:49
Mensch,
da passiert mal was und dann auch noch in
historischem Gelände, kommt gut bei den Leuten an und dann soll das schon wieder weichen???
Also ich hoffe, da packen ne Menge Leute an, um den Kiosk zu verschieben.