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Sterbehilfe

Eine Frau kämpft um ihren Mann

30.08.2010 | 21:08 Uhr
Eine Frau kämpft um ihren Mann
Margot Umbreit will ihren Mann nicht länger leiden sehen. Foto: Gisela Weißkopf /WAZFotoPool

Geldern. Margot Umbreit wollte ihrem Mann im Gelderner Hospiz Sterbehilfe leisten. Nach einem ersten Versuch tobt ein Rechtsstreit. Die 65-Jährige kämpft weiter darum, „dass er in Ruhe gehen kann.“

Das Hochzeitsfoto und ein paar Bilder sind alles, was Margot Umbreit an eine glückliche Zeit mit ihrem Mann erinnert. Eine Zeit, die lange zurück liegt. 24 Jahre. Damals wurde bei ihrem Mann „Chorea Huntington” diagnostiziert. „Wir hatten keine Ahnung, was das ist. Der Arzt sagte nur zu mir: Frau Umbreit, sie werden einen gewalttätigen Menschen erleben, der ihre Familie ins Grab bringt”. Damals wusste die heute 65-Jährige nicht, was auf sie zu kommt. Als ihr Mann kurze Zeit später eines Nachts seine persönlichen Dinge im Schuppen verbrannte, bekam sie eine Ahnung. Heute sagt sie: „Wir sind lebendig begraben worden.”

Keine Kraft mehr

Seit 1998 ist ihr Mann ein Pflegefall. „Damals hat er schon nicht mehr viel mitbekommen. Nicht gewusst, wie er heißt.” Seit Jahren wird der 68-Jährige über eine Magensonde ernährt. Seit 18 Monaten liegt er im Gelderner Hospiz. „Die Ärzte im Krankenhaus hatten ihm noch vier bis sechs Wochen gegeben und meinten, ein Hospiz wäre das beste für ihn. Sie haben ihm auch keine neue Magensonde gelegt”. Aus den Wochen wurden Monate. Mittlerweile ist der frühere Offizier auf etwas über 40 Kilo abgemagert. Er, der früher eitel war. „Er hat ein starkes Herz”. Margot Umbreit aber nicht mehr die Kraft, ihren Mann so leiden zu sehen. Anfang Juli hat sie den Ernährungsschlauch ihres Mannes durchgeschnitten (die NRZ berichtete) und damit das getan, „was mein Mann immer wollte und in einer Patientenverfügung festgehalten hat. Er hat immer zu mir gesagt: Lass es nicht soweit kommen”, erzählt sie mit brüchiger Stimme.

Chorea Huntington
Unheilbare Erbkrankheit

Chorea Huntington ist eine unheilbare Erkrankung des Gehirns, die meist um das 40. Lebensjahr zu Bewegungs- und Sprachstörungen, psychischen Symptomen sowie Agressionen und Depressionen führt. Die Muskulatur wird zerstört, die Lebenserwartung beträgt meist noch 15 Jahre.

Schon lange hatte Margot Umbreit die Schere mit. „Ich konnte einfach nicht mehr. Ich habe das Hospiz gebeten, die Ernährung runterzufahren. Aber sie machten es nicht.” Ihrer Tat folgte ein Rechtsstreit, der andauert, was Margot Umbreit nicht versteht. Anfang Juli ging es schnell. Das Hospiz erwirkte eine einstweilige Verfügung, ein Betreuer wurde eingesetzt, ein Hausverbot erteilt, die Patientenverfügung angezweifelt. Margot Umbreit und ihr Sohn demonstrierten vor dem Haus Friedel. Zwei Wochen später einigte man sich auf ein Besuchsrecht. „Seitdem habe ich mich an die Auflagen gehalten, nicht mehr demonstriert.”

Jetzt sollte es zu einem weiteren Gerichtstermin kommen. Margot Umbreit will die Betreuung zurück. Doch der Termin wurde um vier Wochen verschoben. „Ein Gutachten fehlt”, schüttelt Margot Umbreit den Kopf. Sie kann es nicht glauben. „Und wieder liegt mein Mann vier Wochen da und vegetiert vor sich hin. Wenn er die noch überlebt. Es geht doch hier nicht mehr um meinen Mann, sondern ums Geld.”

Ein einsames Leben

Margot Umbreit will reden. Nicht als Mörderin da stehen. „Ich wollte Sterbehilfe leisten, niemanden umbringen”, sagt sie und blickt verzweifelt auf einen Ordner voller Akten, Gutachten und Anwaltsschreiben. „Die Patientenverfügung habe ich schon 1995 beim Betreuungsgericht in Emmerich eingereicht. Sie liegt auch den Krankenhäusern und dem Heim vor, in dem mein Mann war, bis er ins Hospiz kam”, sagt sie, die dazu beitragen will, dass andere Menschen vorsichtiger im Umgang mit ihrem Willen und der Patientenverfügung werden.

„Für meinen Mann ist es zu spät”. Margot Umbreit weiß, dass sie einen Verfahrensfehler begangen hat. „Aber was hat mein Mann damit zu tun? Warum muss er dafür leiden?” fragt sie, die nun zweimal in der Woche sehen darf, „unter Aufsicht, weil mein Sohn auf seine 45 Minuten verzichtet. Die Zeiten werden mir vorgegeben. Es ist doch längst ein Machtkampf”, sagt die Geldernerin, die trotz allem in der Nähe ihres Mannes bleiben will. „Ich habe ihm versprochen: Schatz ich gehe hier nicht weg. Viele sagen: Die hat doch einen an der Gurke. Nein, nach 45 Jahren spürt man das, wenn der andere in der Nähe”, ist Margot Umbreit überzeugt.

Sie denkt zurück „an einen liebevollen Ehemann, der nie einer Fliege was tun konnte. Der als Bundeswehroffizier bei der Flut in Hamburg 120 Menschen das Leben rettete”, erzählt sie. Ein Richter hatte ihr 1998 geraten, sich scheiden zu lassen. „Damals hatte ich ihn rausgeschmissen. Aber er hatte recht. Doch ich habe meinen Mann nicht geheiratet, um ihn alleine zu lassen.

Margot Umbreit hat es erduldet, dass sie über Jahre mit ihrem Mann ein einsames Leben führte, was sich weitesgehend in der Wohnung abspielte. In die durfte nur der Arzt. Die Einkäufe wurden geliefert und vor der Haustüre abgelegt. Freunde, Verwandte durften nicht mehr kommen, „die wollten ihn berauben. Und wenn sie verkehrt geguckt haben, dann hatten sie die Faust im Gesicht”. Ihren Enkelsohn hat die burschikos wirkende Frau damals nur einmal nach der Geburt gesehen, ihre Enkelin zunächst gar nicht. Gearbeitet hat sie nachts. „Meine Auftraggeber brachten legten mir die Arbeit in den Briefkasten”. Erst als ihr Mann ins Heim kam, fing sie wieder an, ein normales Leben zu führen.

Sofern man von normal reden kann, bei der psychischen Belastung. „Eigentlich gibt man Patienten, die an Chorea Huntington leiden, höstens 15 Jahre. Bei meinem Mann sind es nun schon 25”. Eine richtige Kommunkation ist schon langen nicht mehr möglich. „Geredet haben wir nur noch über die Augen. Einmal mit dem Auge blinzeln, hieß ja. Zweimal, nein”. Doch auch das war bei ihrem letzten Besuch nicht mehr möglich. Margot Umbreit wünscht sich, dass das Gerichtsverfahren endlich beendet wird und „mein Mann in Ruhe gehen kann”.

Rosali Kurtzbach

Kommentare
16.09.2010
13:03
Eine Frau kämpft um ihren Mann
von Barbara Zimmer | #6

Ich kenne keinen Menschen der im Sterben leiden möchte, aber viele viele die gegen eine humane Sterbehilfe, bzw.Suizidhilfe sind.Keine von denen war...
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2010-08-30 21:08
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