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Interview

Der Überzeugungsarbeiter

29.12.2009 | 20:24 Uhr
Der Überzeugungsarbeiter

Im Gespräch: Burkhard Landers (53), neuer Präsident der Niederrheinischen Industrie-und Handelskammer Duisburg-Wesel-Kleve. Der 53-jährige Weseler stammt aus einer alteingesessenen Unternehmerfamilie und leitet eine Firmengruppe mit rund 160 Beschäftigten

Sie ist in Wesel, Krefeld und Duisburg sowohl in der Logisitk für die Stahlindustrie als auch im Bereich der Entsorgung tätig. Die NRZ sprach mit Burkhard Landers.

Sie haben jetzt bald den ersten Monat als neuer IHK- Präsident hinter sich. Ihr erster Eindruck?

Ich habe viele gute Gespräche geführt und eine Menge über die Region gelernt. Für mich persönlich interessant war, welche große Aufmerksamkeit die Kammer am Niederrhein genießt. Wir werden als wichtiger Spieler in der Region wahrgenommen.

Hat Sie das überrascht?

In diesem Ausmaß hätte ich damit nicht gerechnet. Aber es hat mich gefreut. Wir werden als Bindeglied zwischen der regionalen Wirtschaft und der Politik wahrgenommen.

Mit welchen Erwartungen wurden Sie bereits konfrontiert?

Viele kleine Unternehmen haben mich angerufen und sich über die Wahl eines Mittelständlers an die Spitze der Kammer gefreut. Sie erwarten eine stärkere Lobby für kleine und mittelständische Unternehmen.

In wenigen Monaten wird das Fraunhofer-Institut eine Studie zur Häfenkooperation am Niederrhein vorstellen. Schon beim Zwischenbericht gab es Kritik. Befürchten Sie nicht, dass die Ergebnisse zerredet werden, noch bevor der Masterplan zur Häfenkooperation überhaupt vorliegt?

Ich würde mich davon nicht irritieren lassen. Wenn das Gutachten vorliegt und von allen Beteiligten ausgewertet worden ist, dann wird es auch umgesetzt werden. Ich bin da sehr zuversichtlich. Alle Beteiligten sind zum Erfolg verdammt. Wir können es nur gemeinsam schaffen.

Wichtige Infrastrukturprojekte am Niederrhein ziehen sich seit Jahren hin. In Wesel steht zwar eine neue Rheinbrücke, aber die Zufahrten sind nicht optimal. Was kann die Industrie- und Handelskammer tun, um wichtige Infrastrukturprojekte zu forcieren?

Erst wenn die Südumgehung von Wesel kommt, haben wir den Durchbruch geschafft. Wir können nur Überzeugungsarbeit leisten, die Fakten und die Daten dafür zur Verfügung stellen. Die Entscheidungen muss die Politik treffen.

Gilt das auch für weitere notwendige Infrastrukturprojekte am Niederrhein wie zum Beispiel für den sechsspurigen Ausbau der A 59 Richtung Norden?

Beim Thema Infrastruktur geht es um die Grundvoraussetzungen für diese Region als Industrie- und Logistikstandort. Wir müssen die Industriestandorte hier erhalten und dafür die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellen. Wenn wir das nicht tun, dann machen es andere. Wir riskieren dann unseren Standort. Das ist keine Panikmache. Die Frage, wohin ein Unternehmen geht, wird nach diesen infrastrukturellen Möglichkeiten entschieden.

Nun kann das auch weh tun. Beispiel: Betuwe-Linie. Wie erklären sie das den Anwohnern?

Es geht natürlich nur mit einer intensiven städtebaulichen Betreuung: Wir dürfen nicht gedankenlos Gleise durch Städte verlegen und mit Betonmauern einrahmen. Es gibt aber zu dieser Betuwelinie keine wirkliche Alternative.

Sie halten eine Trasse entlang der Autobahn für unrealistisch?

Auf den ersten Blick klingt der Vorschlag reizvoll. Aber wenn man nach Kosten und Zeithorizont fragt, dann haben wir den Verkehrsinfarkt schon hinter uns, bevor eine Trasse entlang der Autobahn überhaupt ins Planfeststellungsverfahren geht. Bei aller Wertschätzung dieser Vorschläge: Sie sind unrealistisch. Und an unrealistischen Vorschlägen sollte man nicht lange festhalten.

Gilt das auch für die Reaktivierung des sogenannten Eisernen Rheins - die Bahnstrecke zwischen Duisburg und Antwerpen?

In den nächsten 10-15 Jahren wird sich der LKW-Verkehr verdoppeln. Wer das nicht auf die Straße haben will, der braucht ein Bahnstreckennetz, welches annähernd in der Lage ist, den zusätzlichen Verkehr aufzunehmen. Dazu benötigen wir auch den Eisernen Rhein.

Die Wirtschaft hat heftig gegen die Einführung einer Umweltzone mobil gemacht. Nach dem das erste Jahr vorüber ist: Kann die Wirtschaft mit der Umweltzone leben?

Warten wir doch die Ergebnisse ab, ob und was diese Umweltzone überhaupt gebracht hat. Wir sind aber weiter skeptisch, dass solche Fahrverbote ein geeignetes Mittel sind.

Mit Höhen und Tiefen hatte der Flughafen Weeze in den vergangenen fünf Jahren zu kämpfen. Sehen Sie den Airport endgültig auf einem guten Weg?

Wir können froh sein, dass wir den Flughafen bekommen haben. Strukturpolitisch war das grandios. Es gibt einen Bedarf für diesen Flughafen. Das beweisen die Passagierzahlen. Wenn wir ihn vernetzen mit dem Straßen- und Schienennetz, dann hat der Niederrhein einen weiteren Schritt hin zu einer echten Infrastruktur- und Logistikdrehscheibe getan.

In vielen Städten am Niederrhein wächst die Angst vor der Verödung der Innenstädte. Der inhabergeführte Einzelhandel verschwindet mehr und mehr. Was können die Städte dagegen tun?

Beim Stadtmarketing Wesel habe ich gelernt, dass diese Frage durch das Kaufverhalten der Bürger entschieden wird. Das geht immer mehr in Richtung Einkaufszentren und Discounter. Wir werden künftig in den Innenstädten deutlich mehr wohnen. Diesem Trend können die Städte nicht ausweichen. Sie würden gut daran tun, sich auf diesen Wandel einzustellen und die Innenstädte fürs Wohnen wieder attraktiver zu machen.

Beim Thema Ausbildung ist die Kammer sehr stark engagiert. Wird das ein Schwerpunkt bleiben?

Unbedingt. Das sind wir unseren Mitgliedern schuldig. Das ist unsere Kernaufgabe.

Ist in der Niederrhein-Region die berufliche Weiterbildung nicht noch wichtiger als die akademische Ausbildung?

Nein. Diesen Vergleich würde ich so nicht ziehen. An einem Industriestandort müssen Sie aber dafür sorgen, dass die Facharbeiter nicht ausgehen. Es ist aber auch wichtig, dass wir den hochwertig ausgebildeten Facharbeitern qualifizierte Arbeitsplätze bieten können.

In Kleve bekommt jeder neue Student der Fachhochschule ein Fahrrad und ein Laptop geschenkt. Müssen sich die Hochschulen künftig auf einen Wettbewerb um Studenten einstellen?

Ich glaube nicht, dass solche Marketingmaßnahmen die entscheidende Rolle spielen. Ich glaube, dass die Qualität wichtig ist. Wir sollten Studiengänge anbieten, die wirtschaftsnah sind und im Studium den Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern ermöglichen. In der Region Rhein-Neckar wird Bildung als ein Standortfaktor gesehen. Das sollten wir hier auch tun: über alle Stufen der Berufsausbildung hinweg. Bildung wird in Zukunft so entscheidend wie Infrastruktur sein.

Seit mehr als einem Jahr betreibt die Industrie- und Handelskammer ein sogenanntes Starter-Center. Wie sind die Erfahrungen?

Es ist hochgradig erfolgreich. Wir sind sehr zufrieden und auch ein wenig stolz. Insbesondere in Krisenzeiten orientieren sich viele Menschen beruflich neu.

Bisher ist am Niederrhein in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise noch kein drastischer Anstieg der Arbeitslosigkeit spürbar. Kommt der noch oder ist es gelungen, durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen der Krise die Spitze zu nehmen?

Ich fürchte, dass wir noch eine deutliche Zunahme der Arbeitslosigkeit erleben werden. Wenn die Unternehmen feststellen, dass sie nicht auf das Niveau wie 2008 kommen werden, werden sie auch ihr Personal anpassen. Wir sind zwar auf einem guten Weg, aber längst noch nicht 'raus.

Gibt es eine Kreditklemme in der Wirtschaft?

Es gibt eine Rating-Klemme, keine Kreditklemme. Die Bilanzen der Unternehmen führen zu schlechteren Bewertungen. Deshalb tun sich manche Banken mit der Vergabe von günstigen Krediten schwerer als früher.

Markus Peters

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Kommentare
06.01.2010
23:01
Der Überzeugungsarbeiter
von Charly | #3

Eine Betuweroute mit einer intensiven städtebaulichen Betreuung, wie soll das gehen?
Wir dürfen nicht gedankenlos Gleise durch Städte verlegen und mit Betonmauern einrahmen. Bitte, wie wollen Sie die Bürger denn dann vor Lärm schützen? Tunnel wie in Holland? Wäre ja schön, aber die Kosten?!
Von fehlenden Sicherheitsmaßnahmen spricht hier keiner.
Es gibt aber zu dieser Betuwelinie keine wirkliche Alternative. Wieso denn nicht?
Sie halten eine Trasse entlang der Autobahn für unrealistisch?
Wenn man nach Kosten fragt, sage ich Ihnen eine Trasse an der Autobahn wird kostengünstiger sein als ein dreigleisiger Ausbau, bei ca. 1,3 Milliarden Euro.
Im Jahre 2000 sollte die A3-Trasse als Güterzug und ICE Strecke 3,3 Milliarden DM kosten, wenn man Sie aber als eine reine Güterzugtrasse baut, braucht man keine Überholbahnhöfe, kein teures Hochgeschwindigkeitsgleisbett, keine teure Signaltechnik. Ist schon mal über ein Gutachten nachgedacht worden das all diese Punkte berücksichtigt?
Der ICE ist ein sogenannter Trassenfresser (Sicherheit-Vorlaufzeit und Ablaufzeit) also beansprucht er hohe Kapazitäten auf Kosten der Güterzüge.
Einen Verkehrsinfarkt werden wir bei einem dreigleisigen Ausbau bekommen (maximale Leistungssteigerung 25 %). Hierzu gibt es von Fachleuten eine eine eindeutige Stellungnahme, nachzulesen in der Eisenbahn-Revue International. Ausgabe Februar 2009 (Ausbau Rotterdam- Deutschland).

MfG vom Niederrhein

31.12.2009
10:49
Der Überzeugungsarbeiter
von georgsander | #2

Landers: Wir werden künftig in den Innenstädten deutlich mehr wohnen.

Besonders vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der damit verbundenen Zunahme der Zahl älterer Menschen mit eingeschränkter Mobilität macht Landers Anregung Sinn. Die Wohnfunktion der Innenstädte zu stärken ist ohne Frage sinnvoller, als die Cities kleiner und mittelgroßer Städte zu Standorten für drittklassige Textildiscounter und Handyläden verkommen zu lassen.

Georg Sander
http://kommunalmarketing.blog.de

30.12.2009
08:06
Der Überzeugungsarbeiter
von EKA | #1

Herr Landers ist ein Lobbyist, ein Interessenvertreter. Es geht ihm darum, Gewinne von Wirtschaftsunternehmen zu maximieren. Die Interessen der betroffenen Bürger sind ihm dabei egal. Besser als in diesem Interview konnte man das gar nicht zum Ausdruck bringen. Ein gefährlicher Trend wird damit einmal mehr bestätigt: es geht nur noch um Gewinnmaximierung für einige Auserwählte, nicht mehr um das Gemeinwohl, nicht um eine bessere Lebensqualität für alle. Es wird höchste Zeit, dass wir denjenigen nicht mehr glauben, die uns weismachen wollen, dass höhere Gewinne für Unternehmen allen Bürgern zugute kommen. Das Gegenteil ist der Fall, wie die Entwicklung in den letzten Jahren sehr deutlich zeigt: Einige wenige werden immer reicher, die breite Masse hat zunehmend weniger im Portemonnaie. Es ist nur konsequent, wenn die IHK jetzt fordert, dass diejenigen, die die Zeche schon mit ihrem Geldbeutel bezahlt haben, jetzt noch mal bezahlen, und zwar mit Lebensqualität: sollen doch die kleinen Leute irgendwo neben viel befahrenen Bahnstrecken oder 6-spurigen Autobahnen dahinsiechen; die hohen Herrschaften residieren derweil in einer noch auszubauenden Villa irgendwo im Essener Süden und weitab von derlei Unbill.

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