Das Haldern Pop in Rees war ein Fest der starken Frauen
14.08.2011 | 17:22 Uhr 2011-08-14T17:22:19+0200
Rees. Um sich auf den aktuellen Stand der Pop-Musik zu bringen, lohnte sich ein Besuch des Haldern-Pop-Festival in Rees-Haldern am Niederrhein. Das Haldern Pop 2011, das 6500 Besucher zählte, war ein Fest der starken Frauen wie beispielsweise Miss Li.
Rees. „Nie wo, immer da“, unter diesem Motto versammelten sich am Wochenende 6500 Pop-Musik-Freunde im kleinen niederrheinischen Dörfchen Rees-Haldern, um sich dort auf den Stand der zeitgemäßen Pop-Musik zu bringen. Haldern Pop 2011 war zunächst ein Fest der starken Frauen: Schon am Eröffnungsabend verzauberte die Britin Anna Calvi mit ihrem kühl-lässigen Schummer-Pop die Besucher im Spiegelzelt.
Es braucht schon eine Portion Mut, ein Konzert mit einem mehrminütigen Solo auf einer schrottplatzverzerrten, sphärisch verhallten Telecaster zu beginnen und neben eigenen Material auch noch so unterschiedliche Songs wie Edith Piafs „Jezebel“ und Elvis Presleys „Surrender“ ins Programm einzubauen, ohne dabei Brüche zu erzeugen. Calvis Mitstreiter, Mally Harpaz am Harmonium und Daniel Maiden-Wood am Schlagzeug, begleiteten die 28-Jährige aufmerksam. Die organische Besetzung passte vortrefflich zur ausdrucksstarken Stimme der 28-Jährigen und beugte einer Überdosis Gefühl vor.
Rotztrockene Rhythmen von Selah Sue
Die hat auch Selah Sue nicht zu bieten. Die 22-Jährige Newcomerin aus dem flämischen Leuven machte vor, wie Soul- und Funk-Pop klingen kann, ohne abgeschmackt, überkandidelt und damit peinlich zu wirken. Mit viel Energie und Leidenschaft wirbelte die zierliche, junge Dame zu den harten, rotztrockenen Rhythmen ihrer Begleiter über die Bühne und zeigte in „Raggamuffin“ sogar, dass auch eine akustische Gitarre richtig gut grooven kann.
Beeindruckend war auch der Auftritt der Schwedin Miss Li (Linda Carlosson), die einer Zwischenwelt aus Ragtime, Chanson und Jazz, Blues und Pop entsprungen scheint. Von ihrem locker-flockigen Hit „Oh Boy“, der es schon zu I-Pod-Werbespot-Ehren brachte, schien sie sich auf der Halderner Bühne nicht trennen zu wollen und reihte Coda an Coda. Doch der Junge, den sie da so hinreißend ausdauernd besang, will und will nicht kommen. Völlig unverständlich!
Ihre Frische und jugendliche Naivität hat die Band „Wir sind Helden“ um Sängerin Judith Holofernes längst verloren, dafür Tiefe und Reife gewonnen. Unter roten Lampenschirmen tauchte die Band tief in die Lebenswirklichkeiten ihrer Charaktere ab, schaute aufs Liebesleben und -Leiden von „Wolfgang und Brigitte“ („Es war alles schön und gut, es gibt nichts was man nicht tut“) und leistete es sich sogar, den Hit „Bitte nur ein Wort“ mit dem Nancy Sinatra-Zitat: „These Boots Are Made for Walking“ ausklingen zu lassen. Ein souveräner Auftritt, wie ihn auch der große Melancholiker des Deutsch-Pops, Gisbert zu Knyphausen, tags zuvor abgeliefert hatte.
Weniger Folkies als 2010
Die Armada der Folkies, die in den Vorjahren die Bühnen des Haldern Pop bevölkert en, befindet sich dagegen auf dem Rückmarsch: Obgleich die fantastischen „Avett Brothers“ aus North Carolina gleich am ersten Abend im Spiegelzelt mit ihrem Hardcore-Bluegrass kräftig abräumten und damit die amerikanischen Antwort auf „Mumford & Sons“ gaben. Allerdings mit Amphetaminen. Während „The Low Anthem“ und Okkervil River an die teilweise grandiosen Auftritte der vergangenen Jahre nicht anknüpfen konnten, zeigten „Fleet Foxes“, was dabei herauskommen kann, wenn Hippie-Kinder die Plattensammlung ihrer Elterm plündern: Tolle Harmonien und perfekte Satz-Gesänge. Dafür gab’s viel Applaus, nicht nur am Lagerfeuer.
Ebenfalls über großen Publikumszuspruch durften sich „The Wombats“ freuen. Es war richtig poussierlich, was die drei „Beuteltiere“ aus Liverpool auf die Bühne brachten. Nichts wirklich neu, aber alles mit viel Perfektion und einem Schuss Selbstironie gespielt. „Let’s Dance to Joy Division“ lautete einer ihrer letzten Songs. Als ob jemals jemand zu den Klängen der Depri-Kapelle um Sänger Ian Curtis („Love Will Tear Us Apart“), der sich 1980 erhängte, tanzen wollte...
Geduld mussten die Zuschauer mitbringen, die danach den Auftritt von John Grant & Tim Isfort Orchester erleben wollten. 90 Minuten lang dauerte die Umbaupause. Bis um halb zwei Uhr morgens. Aber die Wartenden wurden nicht enttäuscht. Traumhaft schön begleitete Isforts Orchester die teils bitterbösen Piano-Balladen des ehemaligen Sängers der Indie-Band „The Cars“, deren Alben von der Kritik zwar stets hochgelobt wurden, aber gnadenlos erfolglos blieben.
Viel Elektronik
Nicht aufdringlich, stets wohldosiert, steuerten Streicher und Bläser, Gitarre und Harfe ihre Einsätze ein. Die rund 500 Zuschauer, die bis spät in die Nacht hinein ausgeharrt hatten, erlebten einen denkwürdigen und beseelten Auftritt. Den ließ sich selbst der Vollmond nicht entgehen und lugte für einen kurzen Moment aus dem wolkenverhangenen, regenschweren niederrheinischen Nachthimmel.
Und was war sonst noch? Viel Elektronik (gut: Suuns) sowie gefeierte Auftritte der abgedrehten bayrischen Blaskapelle „La Brass Banda“und der Klezmer-Rebellen „Socalled“.
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