Bauer XXL
28.01.2010 | 17:44 Uhr 2010-01-28T17:44:00+0100
Kreis Kleve. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft treibt neue Blüten: Mega-Projekte in Pfalzdorf und Kleve geplant. Den Tieren geht es gut, sagt Kreislandwirt Josef Peters. Der „Kuhkomfort” sei sogar gestiegen.
„Die Tiere liegen im Stroh, können sich bewegen, erhalten ausgezeichnetes Futter. Früher standen die Kühe im Winter an einer Kette im Stall.” Trotzdem beschleicht einem Laien ein mulmiges Gefühl, wenn man an den neuen Mega-Viehställen im Kreis Kleve vorbeifährt: Hunderte Tiere stehen in einem offenen Stall dicht zusammen in den Boxen, auf die Weide kommen sie nicht mehr - und der klassische bäuerliche Familienbetrieb wird zur Agrar-GmbH mit Herdenmanagern.
Im Kreis Kleve treibt der Strukturwandel in der Landwirtschaft neue Blüten. In Goch-Pfalzdorf hat Landwirt Norbert Boekholt einen Antrag für die Errichtung eines Ferkellaufzuchtstalls für 10 580 Tiere bei der Kreisverwaltung eingereicht. Dazu möchte er einen Güllekeller mit 5272 Kubikmeter Fassungsvermögen und vier Futtermittelsilos mit einem Fassungsvermögen von 2,2 Tonnen bauen. Mit der NRZ möchte Boekholt nicht sprechen. Die Nachbarbetriebe sind nicht begeistert von der Mega-Anlage, sie befürchten viel LKW-Verkehr und haben Angst um ihren eigenen Betrieb: „Die nehmen uns die Existenz weg”, so ein Landwirt, der in der Zeitung nicht genannt werden möchte.
10 000 Ferkel
im Stall
Auch am Oraniendeich in Kleve-Warbeyen, auf dem Knipweg, soll kräftig investiert werden. Die B.M.W. Agro Gmbh, zu der sich drei Landwirte zusammengeschlossen haben, möchte ihre Hofstelle von derzeit 338 Rinder auf 850 Rinder ausbauen. Hinzu würde ein Blockheizkraftwerk mit Gasmotor gebaut und eine Biogasanlage mit 5087 Kubikmeter Füllvolumen.
Für Josef Peters ist die Entwicklung eine logische Folge des Marktes. „Wenn wir uns alle bei Aldi auf dem Parkplatz treffen, dann bleibt den Landwirten nur die Wahl, die Kosten zu senken.” Zurzeit verliert ein Drittel der Landwirte Eigenkapital. Durch die schlechten Milchpreise benötigen die Bauern Liquidität und veräußern ihre Ländereien an die Bank. Wer aus der Kostenfalle heraus möchte, investiert in richtig große Betriebe, die allerdings noch die Ausnahme bilden, so Peters.
Das Wachstum zum Bauer XXL hat enorme Folgen für die Betriebsstruktur. Wer 500 Kühe und mehr zu versorgen hat, schafft dies nicht mehr mit der Familie. Eine Person könne am Tag 80 Kühe versorgen oder 150 Sauen, so Peters. Der Rest wird aufgefangen durch Aushilfen oder Lohnunternehmer. Megabetriebe benötigen einen eigenen „Herdenmanager” – einen Tierarzt, der kontinuierlich schaut, ob die Tiere gesund sind und wann sie besamt werden müssen.
Die Besten
der Branche
Hinzu kommen die Kosten: Die moderne Landwirtschaft hängt am Tropf der Banken. Frühere Eigenkapitalquoten von 25 bis 30 Prozent sind kaum noch zu realisieren. Für einen Kuhplatz müsse man heute 4000 bis 5000 Euro rechnen, sagt Peters. Macht bei 830 Tieren über vier Millionen Euro Investition. Trotzdem sei das Geschäft für die Bank attraktiv, sagt Frank Ruffing, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Kleverland, denn in der Regel haben Landwirte mit ihren Ländereien eine hohe Eigenkapitalquote. Seine Bank habe bereits drei Großprojekte durchgeführt und gute Erfahrungen gemacht. Ruffing glaubt, dass die Entwicklung aufgrund des Kostendrucks auch in Zukunft hin zum Großbauer gehen werde.
Der Bauer XXL ist nur etwas für die Besten, sagt Josef Peters. „Wer 100 Kühe nicht im Griff hat, kann auch 500 Kühe nicht managen”. Um effizient zu arbeiten, kommen die Tiere auch im Sommer nicht mehr auf die Weide. Trotzdem ginge es den Tieren besser, so Peters. Denn: „Die Milchleistung steigt. Und nur gesunde Kühe geben viel Milch.”
Am 24. Februar, 10 Uhr, beginnt im Gocher Rathaus (Zimmer 1.14) die Erörterung zum Ferkelaufzuchtstall in Goch-Pfalzdorf.
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