Auf dem richtigen Weg zur Integration
27.07.2011 | 19:08 Uhr 2011-07-27T19:08:00+0200
Am Niederrhein.Der Sozialverband VdK am Niederrhein sprach mit den Kommunen in den Kreisen Wesel, Kleve und Duisburg über die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Themenschwerpunkt war der integrative Unterricht an Schulen.
Illusionen macht sich Horst Vöge keine: „Bis 2015 werden wir nicht flächendeckend behindertengerechte Schulen haben“, sagt der Vorsitzende des Sozialverband VdK - Kreisverband Niederrhein. Aber: „Wir sind auf dem Weg“. Diese Erkenntnis zieht Vöge aus Gesprächen mit kommunalen Fraktionen in Duisburg sowie in den Kreisen Wesel und Kleve über die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die unter anderem einen gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung vorsieht.
Über 100 Anschreiben mit der Bitte um ein Gespräch hat der Verband losgeschickt. Nicht überall war er willkommen. Einige hätten gesagt, „wir machen das schon“, andere hätten einfach nicht gewusst, was auf sie zukommen wird. 34 Gespräche hat der VdK letztlich geführt - fraktionsübergreifend. Denn in den Kommunen, die bereits gute Ansätze beispielsweise auf dem Weg zur Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden oder der Inklusion von Schülern mit Behinderung hätten, gebe es eine parteiübergreifende Zusammenarbeit. Und nicht nur die. „Die Beteiligung von Eltern und Behindertenverbänden werden in Städten wie Moers oder Wesel groß geschrieben“, sagt Kreisverbandsgeschäftsführer Robert Walter.
„Die Lehrer müssen
geschult werden“
Doch längst nicht alle Kommunen würden die Verbände einbeziehen. „Dabei haben sie ein hohes Maß an Fachkompetenz. Es muss hier ein Umdenken stattfinden“, sagt Horst Vöge. Es gehe nämlich nicht nur um die Frage, „wie kommt der Rollstuhlfahrer in den ersten Stock, sondern wie integriere ich Gehörlose, Blinde oder Lernbehinderte, die den Stoff nur langsamer verstehen. Auch dieser Gedanke muss in den Schulen ankommen“, sagt Vöge. Bislang gebe es in den Kreisen Wesel und auch Kleve keinen integrativen Unterricht an Gymnasien.
Klar sei aber auch, dass eine flächendeckende Inklusion an Schulen für die Kommunen nicht ohne zusätzliche Finanzmittel zu leisten ist. Auch weil es einen Mehrbedarf an Personal geben wird. Hinzu komme, dass die Lehrer ausgebildet werden müssten. Horst Vöge weiß aus Erfahrung, dass dies nicht unbedingt der Fall ist. „Meine Frau hat in ihrer Klasse an einer Gesamtschule seit zwei Jahren einen körperlich behinderten Schüler und einen sozial auffälligen. Als sie fragte, ob sie geschult wird, hieß es: Du hast doch Erfahrung.“ Deshalb fordert der VdK, dass schon Lehramtsstudenten lernen, wie sie mit Behinderten umgehen können.
Ja, es gibt Fortschritte auf dem Weg zu einer integrativen Gesellschaft. Die ersten integrativen Klassen an Grundschulen, - Haupt,- oder Gesamtschulen auch am Niederrhein sind ein deutliches Zeichen. Allerdings wird es ein steiniger Weg, wenn die Kommunen Eltern oder Sozialverbände auf diesen Weg nicht mitnehmen. „Kann mein Kind lernen, wenn das behinderte neben ihm den Stoff nicht sofort versteht?“ Solche Fragen sind ernst zu nehmen. Absolut unverständlich ist das Verhalten von Kommunen oder politischen Fraktionen, die glauben zu wissen, „wie es geht“. Das ist arrogant und kontraproduktiv. Eine integrative Gesellschaft lebt von einem Miteinander. Sie kann nicht „von oben“ aufgezwungen werden. Das wäre ein Rückschritt. (R.K.)
Und: „Die Schulen müssen mit den Eltern reden, ihnen die Ängste vor einem gemeinsamen Unterricht nehmen. Ein künftiger Nobelpreisträger wird seinen Weg auch machen, wenn er mit einem Behinderten in einer Klasse ist“, formuliert es Horst Vöge überspitzt.
Noch unklar ist, wieviele Kinder und Jugendliche mit Behinderung überhaupt den Besuch einer Regelschule schaffen. „Sicher wird es immer den Bedarf an Förderschulen geben“, sagt Robert Walter.
Die Inklusion an Schulen ist aber nur ein Thema, das die Kommunen bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention beschäftigt. Vor allem setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte. „Während im Kreis Wesel der integrative Unterricht ein großes Thema ist, steht im Kreis Kleve eher die Barrierefreiheit von Gebäuden und in Einrichtungen oben an. Die Inklusion an weiterführenden Schulen ist hier noch nicht so ausgeprägt und eher eine Frage der Mittelstädte wie Kleve, Emmerich und Geldern“, fasst Horst Vöge zusammen.
Erfreut zeigt er sich darüber, dass der VdK immer öfter darum gebeten werde, Senioren- und Behindertenbeiräten zur Seite zu stehen. Auch dies zeige: „Es gibt Fortschritte im Denken“.
Infos: Der Sozialverband VdK, Kreisverband Niederrhein, hat aktuell 18 500 Mitglieder, darunter 8764 Frauen und 9736 Männer. Tendenz steigend. Zuletzt verzeichnete man einen Zuwachs von 1000 Mitgliedern jährlich. Im Kreisverbandsgebiet des Vdk - Niederrhein leben rund 122 000 Menschen mit Behinderung, davon 50 000 in Duisburg, 26 000 im Kreis Kleve und 46 000 im Kreis Wesel (Zahlen: statistisches Landesamt 2009). Schwierig ist es für den Verband und auch für die Kommunen zu ermitteln, wieviele Schüler mit Behinderung für einen inklusiven Unterricht in Frage kommen und wie hoch der Bedarf an einer gezielten Förderung ist. „Die Zahlen sind bislang statistisch nicht ermittelt. Aus Duisburg wissen wir aber, dass dort rund 3000 Kinder mit einer Behinderung leben. Das kann man als Richtwert nehmen“, sagt Horst Vöge, Vorsitzender des VdK-Niederrhein. „Unsere Erfahrung zeigt, dass der Anteil der Kinder zumeist zehn Prozent ausmacht“, so Horst Vöge.
Weitere Infos: 02843 / 9592-0 oder www.vdk.de/kv-am-niederrhein
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