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„Alles geht kaputt”

12.10.2009 | 21:19 Uhr
„Alles geht kaputt”

Gerda Lueb-Markett wohnt an der Betuwe-Linie in Emmerich. Ihr Haus hat Risse im Mauerwerk. Das kommt von den Güterzügen, sagt sie. Doch die Beweislast ist groß.

„Hier”, sagt Gerda Lueb-Markett und tippt auf den dicken Riss auf der Wand im kleinen Wintergarten. „Und hier. Und hier. Und hier.” Risse, überall im alten, dicken Mauerwerk. Die Treppe, die zur Haustüre führt, ist abgesackt, die Schäden sind nicht zu übersehen. „Wenn ich im Bett liege, habe ich manchmal Angst, so ächzt das hier im Haus. Und wenn wieder so ein Zug kommt, dann wackeln die Blumentöpfe auf der Fensterbank.” Gut 40 Meter entfernt donnert gerade mal wieder „so ein Zug” vorüber. Ein Gütertransporter. Seit ein paar Jahren sind die deutlich mehr geworden. Wenn die Betuwe mal so richtig in Fahrt ist, sollen es allein 430 Güterzüge am Tag sein, sagen die Verterter der IG Biss, der Interessengemeinschaft, die sich u.a. für die siedlunsgferne dritte Trasse der Betuwe ausspricht.

Streit um die Beweispflicht

Gerda Lueb-Markett ist sich sicher: Die Schäden auf der alten Wasserburg Haus Offenberg, das sind keine Setzschäden oder Baumängel oder Verschleißerscheinungen, „das kommt von den Zügen, von den Vibrationen.” 800 Jahre habe die alte, unter Denkmalschutz stehende Wasserburg Wind und Wetter getrotzt, sagen Karl-Heinz Denstorf, Jan-Simon Laaracker und Dr. Frank Apfel von der IG Biss, „dann kommt die Bahn, und alles geht kaputt.”

Was allerdings erst zu beweisen wäre – und genau da liegt das Problem. Kommen die Risse im Mauerwerk von Haus Offenburg tatäschlich von den Erschütterungen, die die vorbeirauschenden Züge verursachen? Und wer hat da denn nun die Beweispflicht - die Bahn, dass es nicht die Züge sind oder der Anwohner, dass es ganz bestimmt die Züge sind?

Züge im Zwei-Minuten-Takt

Gerda Lueb-Markett sind solche juristischen Findigkeiten ziemlich egal. Die Risse sind da, das Haus vibriert, der Ärger ist da. Punkt. Der Denkmalschutz hat bei der Renovierung der alten Burg Auflagen gemacht, die Fenster, u.a., sollten weiße und blaue Rahmen bzw. Blenden bekommen, aber was nun mit den immer weiter zerfasernden Mauerwänden wird, kümmert auch den Denkmalschutz nicht. Frau Lueb-Markett hat vor Gericht erstritten, dass ein Gutachter die Schwingungen misst, die jeder vorbeirauschende Zug im Gepäck hat. „Die Leute haben das ganze Haus verkabelt und einen Tag lang gemessen.”

Mit dem Ergebnis, dass es in der Tat Erschütterungen gibt, die aber lägen in der Norm. Das Landgericht Kleve sieht es nicht als erwiesen an, dass die Bahn für die Risse auf Haus Wolfsberg verantwortlich ist. Was bedeutet: Gerda Lueb-Markett bekommt ihre Baumängel nicht beseitigt, die entstandenen Schäden werden nicht der Bahn angelastet – die Güterzüge dürfen weiter vorbeirauschen. „Man mag gar nicht dran denken, wie das ist, wenn die Züge im Zwei-Minuten-Takt kommen”, schimpft Jan Laaracker. „Wie groß sind die Schwingungen und Belastungen bei Begegnungsverkehr oder bei den geplanten Doppelstockcontainern?” Alles Zahlen, die die Bahn bei ihren Messungen nicht berücksichtig habe.

Zurzeit lässt die Deutsche Bahn AG an etwa 100 Häusern zwischen Emmerich und Oberhausen Erschütterungstests machen, um die Auswirkungen des Güterverkehrs auf die Wohnbebauung in Erfahrung zu bringen. „Alles ganz normal”, sagt Bahn-Sprecher Gerd Felser, „wir brauchen die Daten für das anstehende Planfeststellungsverfahren.” Das bezieht sich, wie mehrfach berichtet, auf einen dreigleisigen Ausbau der Trasse und ist gleichzeitig Grundlage für den Lärmschutz. Bis Ende des Jahres will die Bahn ihre Vibrationsmessungen an den Häusern entlang der Betuwe-Linie abgeschlossen haben. Baubeginn soll irgendwann ab 2011 sein, das Planfeststellungsverfahren in den nächsten Monaten beginnen.

„Personenzüge tun nix”

Gerda Lueb-Markett zuckt die Achseln. „Wir hatten eine Rechtsschutzversicherung, sonst hätten wir die Sache gar nicht bis hier durchziehen können.” Sie greift zu dem dicken Gutachten, das auf dem Tisch im kleinen Wintergarten liegt. Seitenweise Fotos, die die Risse in Haus Offenberg dokumentieren. „Und jetzt heißt es, keiner kann dafür.” 40 Meter weiter rauscht ein Zug vorüber. Der Blumentopf wackelt nicht. „Personenzüge tun nix”, sagt die ältere Dame. Und schmunzelt ein bisschen. „Schon 1885, als die Bahn nach Emmerich kam, haben die Leute hier auf dem Hof protestiert.”

Jan-Simon Laaracker, Karl-Heinz Denstorf und Frank Apfel wollen genau das auch weiterhin tun. „Alle Anlieger sollten den Ist-Zustand ihrer Häuser dokumentieren, so dass sie gegebenenfalls in fünf oder zehn Jahren nachweisen können, dass die Schäden heute eben noch nicht da waren.”

Mehr Infos im Netz unter: www.betuwe-sicherheit.de

Heike Waldor-Schäfer

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Kommentare
31.10.2010
22:06
„Alles geht kaputt”
von immer sind die anderen schuld | #3

irre ich mich oder las ich was von einer strecke seit 1885? wer danach an die bahn zog, sollte gewusst haben was er tut...

13.10.2009
12:23
„Alles geht kaputt”
von Pit01 | #2

Falsch. Keiner möchte die Häufigkeit von elend langen Güterzügen an seinem Grundstück vorbei donnern haben. Mann, bis zu 480 mal Tag und Nacht. Wer hat denn damit vor 15 - 20 Jahren gerechnet.

13.10.2009
07:42
„Alles geht kaputt”
von Ferienfliegerundbahnspediteur | #1

Die Tücken des Lebens,
Alle wollen in Urlaub fliegen, aber keiner möchte einen Flughafen vor der Türe haben
Alle wollen die Dinge des tägllichen Lebens beziehen können UND staufrei Straßen haben, aber keiner möchte eine Bahntrasse neben dem Haus haben.

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