Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Erdbebenforscher

Wissenschaftler sind entsetzt über Haftstrafen für Erdbeben-Experten

23.10.2012 | 19:20 Uhr
Funktionen
L’Aquila nach dem Erdbeben.Foto: AP Photo/Alessandra Tarantino

Essen.   Wissenschaftler sind empört über Haftstrafen für italienische Erdbeben-Experten. Eine Vorhersage des Bebens in L’Aquila war demnach unmöglich. Die Frage aber bleibt: Wurde das Risiko verharmlost? Nein, sagen deutsche Erdbebenforscher. Aus Vorbeben könne nicht auf ein größeres Ereignis geschlossen werden.

Täglich bebt irgendwo auf der Welt die Erde. Etwa 2000 schwere Beben mit der Stärke 5 und mehr registriert die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) jedes Jahr. Doch wann es soweit ist, wo genau die Erde bebt und in welcher Stärke, das können die Forscher nach wie vor nicht sicher vorhersagen.

Am 6. April 2009 traf es die Stadt L’Aquila in Zentralitalien. Ein Beben mit der Stärke 6,3 erschütterte die Stadt, 309 Menschen starben, Tausende wurden verletzt, 80.000 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf. Nur sechs Tage vor der Katastrophe hatte die sogenannte Risikokommission erklärt, es gebe keine besondere Gefahr. In den Tagen zuvor hatte es vermehrt leichtere Erdstöße in der Region gegeben. Ein übersehenes Warnsignal?

Nein, sagen deutsche Erdbebenforscher. Aus Vorbeben könne nicht auf ein größeres Ereignis geschlossen werden. „Kein Seismologe würde in einem solchen Fall eine Warnung aussprechen, er läge zu 95 Prozent daneben“, sagt Christian Bönnemann, Geoforscher an der BGR. Auch die italienischen Experten taten es nicht, handelten demnach also nach dem Stand der Wissenschaft. Dennoch wurden sie in Italien jetzt zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. Sie hätten das Erdbebenrisiko in L’Aquila verharmlost und die Bevölkerung nicht ausreichend vor den drohenden Gefahren gewarnt.

„Krasses Fehlurteil“

Wissenschaftler reagierten auf das Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, empört und entsetzt. „Die Fachwelt hält das für ein krasses Fehlurteil“, sagt Bönnemann. Ähnlich sieht es Kasper Fischer, Leiter der Seismischen Warte an der Ruhr-Uni Bochum. „Eine Verurteilung wäre ein fatales Signal für die Wissenschaft.“ Kein Experte würde es mehr wagen, sich öffentlich zu äußern, wenn er bei einer Fehleinschätzung Haft befürchten müsse. Schon bei der Anklage-Erhebung haben 5000 Forscher aus aller Welt in einem offenen Brief dagegen protestiert, dass den Fachleuten der Prozess gemacht werden soll, obwohl Erdbebenvorhersagen technisch unmöglich sind.

Haft für Seismologen
Absurd und gefährlich

Die Seismologie kann allerhand messen, ist aber nicht in der Lage, den Zeitpunkt eines schweren Erdbebens vorherzusagen. Wenn das Urteil Bestand hat,...

Fluten und Wirbelstürme lassen sich mit einiger Sicherheit vorhersagen, auch Vulkanausbrüche kündigen sich oft durch ein typisches Rumpeln der Erde an. Anders ist es bei einem Erdbeben. Wann sich im Gestein aufgestaute Spannungen ruckartig entladen, ist seriös nicht zu beantworten. Allein die statistische Wahrscheinlichkeit für ein stärkeres Beben lässt sich wissenschaftlich errechnen. Das sagt aber wenig aus über Ort, Zeitpunkt oder Stärke.

Dass L’Aquila in einem tektonisch sensiblen Bereich liegt, weiß jedes Kind in der Region. Die Erdbebenkarte zeigt rund um die Stadt eine dichte Anhäufung roter Risikopunkte. Bönnemann: „Die Gefahren sind bekannt und dafür gibt es entsprechende Bauvorschriften.“ Die seien aber vermutlich nicht eingehalten worden, was die starken Schäden erklären würde.

Risiko verharmlost

Doch so ganz unschuldig seien die italienischen Kollegen nicht, findet Jochen Zschau, Experte für Erdbebenfrühwarnung am Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ). „Sie haben die Menschen offenbar beschwichtigt. Das ist nicht die Aufgabe von Wissenschaftlern. Sie hätten besser nüchtern und sachlich die Fakten auf den Tisch legen sollen, mit allen Unsicherheiten und Risiken.“ Es wäre dann Sache der Behörden gewesen, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Zschau: „Jetzt muss man aufdecken, wo die Fehler gemacht wurden, nicht nur bei den Wissenschaftlern.“

Erdbeben in L'Aquila am 6. April 2009

Aus Protest gegen die Verurteilung ist der Chef eines wichtigen Beratungsgremiums zum Katastrophenschutz zurückgetreten. Die Bedingungen für eine „ruhige Arbeit“ seien nicht mehr gegeben, sagte der Physiker Luciano Maiani, Chef der Nationalen Kommission für Große Risiken des italienischen Zivilschutzes, gestern.

Christopher Onkelbach

Kommentare
25.10.2012
13:20
@Musashi
von Jorgel | #3

Das Druck auf die Wissenschaftler ausgeübt wurde ist reine Spekulation. Außerdem wäre dies sicherlich im Prozess zur Sprache gekommen, da dies "mildernde Umstände" für die Angeklagten gewesen wären.

Im übrigen sind das nicht einfach Wissenschaftler, die um ihre Meinung gebeten wurden, sondern Mitglieder einer staatlich eingesetzten Kommission, die dafür bezahlt wurde eine Risikoeinschätzung vorzunehmen. Also Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, die eine ganz besondere Verantwortung tragen und an die deshalb höhere Anforderungen gestellt werden als an andere.

Sie wußten das zu einer fachlichen Risikoeinschätzung auch der Unsicherheitsfaktor einer Prognose gehört. Den haben sie bewußt unterschlagen und stattdessen sogar beschwichtigt. Obwohl ihnen bekannt war, dass die Katastrophenschutzbehörde sich nach ihrer Prognose richten wird.

Wer da glaubt, diese Wissenschaftler seien ganz unschuldig am Tod der vielen Menschen, hat sich einfach mit dem Fall nicht ausreichend beschäftigt...

24.10.2012
15:04
Wissenschaftler sind entsetzt über Haftstrafen für Erdbeben-Experten
von Jorgel | #2

"Sie haben die Menschen offenbar beschwichtigt. Das ist nicht die Aufgabe von Wissenschaftlern. Sie hätten besser nüchtern und sachlich die Fakten auf den Tisch legen sollen, mit allen Unsicherheiten und Risiken."

Eben, seriöse Wissenschaftler hätten dabei gesagt, dass es unmöglich ist Erdbeben vorauszusagen und das sich deshalb niemand auf ihre Prognosen verlassen dürfe. Stattdessen haben sie klar gesagt, dass es kein erhöhtes Risiko für die Region gebe.

Dieses Risiko vorherzusagen war ihre einzige Aufgabe als staatliche Kommission zur Risikoeinschätzung. Offenbar spielte dabei die Sorge eine Rolle, sich als Kommission überflüssig zu machen, wenn sie die üblichen Einschränkungen vornehmen, wie es Wissenschafler ansonsten bei der Erdbebenvorhersage machen.

Die Sicherheitsbehörden haben aufgrund dieser Aussage keine Evakuierungsmaßnahmen durchgeführt. Das dies so ist, wußten die Wissenschaftler als sie ihre Erklärung abgaben. Deshalb sind sie auch der fahrlässigen Tötung schuldig...

1 Antwort
Wissenschaftler sind entsetzt über Haftstrafen für Erdbeben-Experten
von Musashi | #2-1

Schon mal darüber reflektiert, dass "Wissenschaftler" von anderer Stelle angehalten werden, gewisse Dinge von sich zu geben??? So von wegen "übergeordnete Interessen" und so!!!

24.10.2012
09:11
Wissenschaftler sind entsetzt über Haftstrafen für Erdbeben-Experten
von Musashi | #1

Es müssen doch schließlich "Schuldige" als Bauernopfer gefunden werden, damit das Versagen von Verwaltung und Politik bereits im Vorfeld vertuscht werden kann!!! Dort traut sich doch keiner anzusetzen bzw. die offenkundigen Verstrickungen mit der Mafia anzuzeigen. Nicht die Wissenschaftler sind für den Tod der Menschen primär verantwortlich, sondern die Tatsache, dass notwendige Sicherheitsmaßnahmen im Vorfeld nicht wahrgenommen worden sind. Auch dort lässt sich etwas erdbensicherer bauen. Selbst eine aufgelockerte Bebauung hätte bereits helfen können bzw. die Vermeidung illegalen Bauens. Die notwendige Infrastruktur hätte schon lange modernisiert werden müssen. Genau so, wie ein effektives Rettungswesen und ausreichend medizinische Versorgung. Aber wie hatte sich damals auch noch ein Schw..., namens B....... dazu geäußert? Ist doch fast wie Campingurlaub!!! Da sieht man doch, was Menschenleben dort wert sind!!!

Aus dem Ressort
Sebastian Edathy streitet jede strafrechtliche Schuld ab
Edathy
Sebastian Edathy schildert seine Sicht auf die Kinderporno-Affäre. Er bittet um Entschuldigung - ist sich aber keiner strafrechtlichen Schuld bewusst.
Für G8-Schüler soll es ab Sommer Erleichterungen geben
Schule
Weniger Hausaufgaben: In NRW sollen die Gymnasiasten entlastet werden. Der Landtag gab am Donnerstag grünes Licht für die Reform der G8-Reform.
Kremlchef Putin bereitet Russen auf längere Krise vor
Russland
Wirtschaftskrise zwing Russland zu Reaktionen. Abhängigkeit von Öl soll reduziert werden, kündigt Präsisdent Putin an. Währungsreserven "solide".
Was ändert sich durch das neue Verhältnis der USA mit Kuba?
USA
Die USA und Kuba wagen die Annäherung. US-Präsident Obama geht dabei so weit auf Kuba zu, wie er kann - auch mit Blick auf sein persönliches Erbe.
NRW-CDU wirft Rot-Grün totales Versagen vor
Haushalt
Nach hitziger Debatte hat der NRW-Landtag den Haushalt für 2015 verabschiedet. Der Etat sieht eine Neuverschuldung in Milliardenhöhe vor.
Fotos und Videos