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Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet

28.08.2012 | 19:15 Uhr
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
Bisher scheint die Umweltzone Ruhrgebiet die Belastung durch Feinstaub nicht zu senken.Foto: ddp

Essen.   Trotz neuer Umweltzone: Vielerorts im Ruhrgebiet wurden die Jahresgrenzwerte für Feinstaub schon Ende August erreicht oder sogar weit überschritten. Einige Politiker und der ADAC fragen nun erneut nach dem Sinn der Umweltzone. Umwelt-Experten raten zur Geduld und meinen: Die Zone wirkt.

Trotz großer, neuer Umweltzone: Vielerorts im Ruhrgebiet wurden die Jahresgrenzwerte für Feinstaub schon Ende August erreicht oder sogar weit überschritten . So ergaben Daten der Messstation an der Recklinghauser Straße in Herne aktuell bereits 59 Überschreitungstage. Die EU erlaubt aber nur 35 im Jahr. Nicht viel besser ­schneiden die Mülheimer Straße in Oberhausen und die Kurt-Schumacher-Straße in Gelsenkirchen ab. Experten halten Feinstaub für extrem gesundheitsgefährdend.

Einige Kommunalpolitiker fordern angesichts dieser Werte ein radikales Umdenken. „Die Umweltzone hat ­versagt“, findet Frank Bandel, Umweltexperte der CDU im Oberhausener Rat. Auch seine Parteikollegin, die Ratsfrau Heike Steigersdorfer aus Bochum, ­fordert, die Daten neu zu bewerten. Der ADAC in Westfalen hält die flächen­deckende Umweltzone im Revier ­angesichts dieser Messergebnisse für „vollkommen wirkungslos“.

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz erinnert daran, dass die Umweltzone erst in zwei Jahren ihre volle Wirkung entfalten werde. Dann nämlich dürften nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette in diese Zone fahren. Feinstaub habe im Übrigen viele Ursachen.

"Als würde man mit einem Glas Wasser einen Großbrand löschen wollen"

Seit Jahresbeginn hat das Ruhrgebiet eine flächendeckende Umweltzone. Nach Anlaufschwierigkeiten mit der Beschilderung wird nun von der Polizei darauf geachtet, dass ganz alte „Möhrchen“ nicht in dieser Zone unterwegs sind. Dumm nur, dass sich die Luftqualität bisher überhaupt nicht verbessert hat. Feinstaub ist und bleibt ein Thema im Revier. Vielerorts wurden die Grenzwerte schon an über 30 Tagen überschritten. Es geht um Mess-Stationen in Oberhausen, Herne, Essen, Dortmund, Gelsenkirchen und anderen Revierstädten.

Umweltzone
Feinstaub macht krank - von Matthias Korfmann
Feinstaub macht krank - von Matthias Korfmann

Die Frage drängt sich auf: Warum verbieten wir Fahrern älterer Autos die Fahrt durchs Ruhrgebiet, wenn dadurch die Feinstaub-Belastung nur minimal verringert werden kann? Ein solcher Eingriff in die Mobilität trifft leider vor allem diejenigen, die sich keine teuren, neuen Schlitten leisten können.

Heute schon haben fast alle Autos eine grüne Plakette. Die wenigen mit roter und gelber fallen statistisch kaum ins Gewicht. Ist die Umweltzone Ruhr also Unsinn? Nein, ist sie nicht. Sie ist aber nur ein Problemlöser unter vielen. Dennoch wichtig, weil Feinstaub und Stickoxide Menschen im Ruhrgebiet nicht etwa nur belästigen, sondern krank machen.

Übrigens gerade jene, die sich keine Top-Wohnlage leisten können. Das mögen alle bedenken, die Umweltzonen für unsozial halten. Wenn sie dazu beitragen können, dass Menschen länger leben, dann sind sie in Ordnung.

Was also bringt die Umweltzone? „Gar nichts“, sagt Peter Meintz vom ADAC Westfalen, „bei Feinstaub bleibt sie wirkungslos.“ Für Meintz ist die Intention, mit Verkehrsbeschränkungen eine bessere Luftqualität zu erreichen, ähnlich sinnlos wie „der Versuch, mit einem Glas Wasser einen Großbrand zu löschen“. Feinstaub habe viele Ursachen, sagen die Lobbyisten der Autofahrer. Allen voran die Wetterlage , Industrie-Emissionen und private Heizungen. Kraftfahrzeuge zeichneten nur für ein Fünftel der Feinstaub-Menge verantwortlich.

CDU-Kommunalpolitiker aus der Region halten das Experiment Umweltzone für komplett gescheitert. „Die Zone hat versagt. Eine der größten Enteignungsmaßnahmen in der Geschichte dieses Landes hat nichts gebracht, außer immense Kosten bei den Besitzern älterer, noch technisch einwandfreier Fahrzeuge, welche mit Fahrverboten belegt wurden“, wettert Frank Bandel, CDU-Umweltexperte im Oberhausener Stadtrat. Nicht Fahrverbote, sondern das Verstetigen des Verkehres, also das flüssige Vorwärtskommen, vermindere Feinstaub. Ähnlich äußern sich Heike Steigersdorfer von der CDU Bochum und Dirk Schmidt, Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Regionalverband Ruhr.

Feinstaub ist ein Krankmacher

Schmidt glaubt, dass es bei der Einrichtung der Zone nur darum gehen kann, „die Spitzen-Werte beim Feinstaub zu kappen“. Er hält es für eine gute Idee, den Lkw-Durchgangsverkehr von der A40 zu holen.

Verkehr
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte

Die Jahresgrenzwerte für Feinstaub sind in vielen Städten im Revier schon Ende August erreicht, zum Teil auch schon weit überschritten - trotz der Umweltzone Ruhrgebiet. Ein Automobilclub hält die flächendeckende Umweltzone für "vollkommen wirkungslos".

Was bei der kontrovers geführten Debatte über die Umweltzonen nicht vergessen werden darf: Feinstaub ist ein Krankmacher. Mehrere im Ruhrgebiet durchgeführte Feinstaub-Kohortenstudien zeigen, dass Personen, die nahe einer Hauptverkehrsstraße wohnen, ein um 70 Prozent höheres Risiko haben, an einer Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben als Personen ohne starke Verkehrsbelastung. Es gibt daher Experten, die die Einrichtung einer Umweltzone im Revier sehr begrüßen. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) gehört dazu und das Umweltbundesamt.

Johanna Appelhans vom Umweltbundesamt sagt: „Die Feinstaub-Belastung kann nur durch eine Vielzahl von Maßnahmen verringert werden. Die Umweltzonen gehören allerdings zu den wichtigsten. Berlin hat damit gute Erfahrungen gemacht. Die Feinstaub-Belastung konnte laut Senatsverwaltung um sieben Prozent verringert werden, die Zahl der Überschreitungs-Tage um bis zu zehn. Das ist eine deutliche Verbesserung. Feinstaub entsteht aber auch durch Holz-Feuerungen in Haushalten, durch Industrie, Baumaschinen und Schiffsverkehr. Städte können auf verschiedene Weise die Situation verbessern: u.a. mit Umweltzonen, Durchfahrtsverboten für Lkw, einem guten ÖPNV und einem gut ausgebauten Radwegenetz.“

Umwelt
Beim Feinstaub ist Essen Schlusslicht

Die Macher des Magazins „Men’s Health“ haben sich mit dem Thema Luftverschmutzung befasst: Essen ist Schlusslicht, in keiner von 42 genannten Großstädten wurde der zulässige Grenzwert für Feinstaub häufiger überschritten, nämlich an 44 Tagen. In Freiburg dagegen atmet es sich deutlich sauberer.

Lanuv-Sprecher Peter Schütz meint, die Umweltzone Ruhr werde erst ab Juli 2014, „ihre volle Wirkung entfalten“. Dann nämlich werden nur noch grüne Plaketten erlaubt sein. Die Einfahrt mit roter Plakette ist noch bis Januar 2013 gestattet. Eine der größten Feinstaub-Verursacher ist übrigens: das Wetter. Austauscharme Wetterlagen lassen die Grenzwert-Überschreitungen in die Höhe schnellen.

Matthias Korfmann


Kommentare
01.09.2012
06:36
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von aufkoks | #45

Habe das" hätte " vergessen

01.09.2012
06:35
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von aufkoks | #44

Es ja jemand dem Wind und dem Wetter sagen sollen das Staub und Schmutz in der Umweltzone nichts zu suchen hat. Du Böses Wetter du.

31.08.2012
12:54
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von boehmann | #43

Dicke Luft gehört zum Ruhrgebiet und unterstreicht seine Identität. Zeche Zollverein als Luftkurort ? Kaum vorstellbar.

30.08.2012
18:55
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von orirar | #42

Man sollte die EEG alleine den stromintensiven betrieben aufs Auge drücken dann haben wir im Pott endlich saubere Luft und noch mehr Industriebrachen aus denen man Freizeitparks machen kann.

30.08.2012
13:54
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von tomatenkiller_neo | #41

Echt blöd, daß der Feinstaub die Schilder nicht lesen kann.
Wäre doch mal eine Anregung für die Kultusminister, so a la Pisa II.

1 Antwort
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von wohlzufrieden | #41-1

Und wenn die auch nichts lesen können, außer ihre eigenen Kontoauszüge?

30.08.2012
13:40
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von gegenrealitatsverweigerer | #40

Wie IMMER: Der Bürger ist schlauer als alle Politiker. Gibt es in der Politik eigentlich so Einstellungsbedingungen, wie einen negativen IQ oder Bestechlichkeit durch die Lobby ?

30.08.2012
12:33
Schade - viel Geld für nichts...
von achjottchen | #39

Das war doch so klar wie Kloßbrühe. Ich bedauere ehrlich, dass mein Geld für so einen Unsinn verbraten wird.

30.08.2012
11:12
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von wohlzufrieden | #38

Es ist ja auch eine Unverschämtheit, das der Staub vor einem amtlichen Schild nicht halt macht...

30.08.2012
09:03
Umweltzonen unwirksam!
von wolfgang123 | #37

Die Überschrift ist falsch. Sie müsste lauten "Umweltzonen unwirksam". Zum ersten Mal berichtet die WAZ nicht pro Umweltzone. Herzlichen Glückwunsch!

Schade nur, dass die Politik nicht zurückrudern wird. Damit müssten die grünen ihre Fehler eingestehen. Das wird nie passieren.

Würden die Schilder der Umwltzonen wieder abgebaut, gäbe es eine Klagewelle der enteigneten Pkw-Besitzer. Das wird die Politik nicht riskieren. Die grünen werden so lange die Umweltzonen verschärfen, bis auch keines von den heute mit grüner Plakette fahrenden Autos mehr auf der Straße ist.

Die wenigen Autos mit gelber oder roter Plakette ändern heute schon nichts mehr an der Luftqualität.

1 Antwort
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von niedrigniveauindikator | #37-1

nicht zu vergessen, die 5€ für die Plakette die der Staat bekommt. Wie viele Autos werden jedes Jahr in Deutschland zugelassen Umgemeldet usw.? Das x 5€, darauf verzichtet der Rollifahrer doch nicht und die Grünen lachen sich ins Fäustchen.

30.08.2012
07:22
Trotz  Umweltzone  hohe Feinstaubwerte im Ruhrgebiet
von donfernando | #36

Wahrscheinlich ist es gut gemeint, dass ein Leben im Ruhrgebiet in Zukunft nicht mehr gesundheitsgefährdend sein soll.
Andererseits können wir es uns überhaupt nicht leisten, dass die Menschen immer älter werden, und schon jetzt wird jeder dritte Rentner von Altersarmut bedroht.
Daneben ändert sich 2013 und 2014 die "Farbplakettenerlaubnis", was neue Schilder erfordern wird. Mancher Stadtkämmerer hat deswegen bereits heute schlaflose Nächte.

Vielleicht täten unsere Politiker gut daran, in Sachen Umweltschutz mehr praxisorientiert zu denken.
Wenn sich die Leute neue Autos kaufen müssen, um in die Umweltzonen hineinfahren zu können, könnte zum Beispiel der diesbezügliche Mehr-Verdienst der Autoindustrie mit einer Sonderabgabe für die Rentenkassen belegt werden.
"Mehr-Leb-Steuer" wäre da ein guter Begriff dafür.
Allerdings könnten sich die Autobauer damit herausreden, dass ein Zuwachs in der Autoherstellung auch einen Zuwachs bei der dabei anfallenden Umweltbelastung bedeutet.

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