Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Interview

"Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen"

03.09.2009 | 07:42 Uhr
"Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen"

Oberhausen. Ronald Gegenfurtner (58) ist Chef im Friedensdorf International. Seit 22 Jahren reist er mit einem Team nach Afghanistan, um sich um verletzte und kranke Kinder zu kümmern. Kaum ein Deutscher kennt Land und Leute besser. Die NRZ sprach mit ihm über den Konflikt in Afghanistan.

Wird sich nach den Wahlen jetzt etwas ändern?

Gegenfurtner: Schon bei den Wahlen hat sich gezeigt, dass nicht allen Informationen Glauben zu schenken ist. Spricht eine Gruppe von enormer Wahlbeteiligung, ist der anderen jedoch längst klar, dass die Attentate ihre Wirkung nicht verfehlt haben und insbesondere auf dem Lande die Angst bei den Wählern enorm.

Was hat sich in den 22 Jahren geändert?

Gegenfurtner: Wir sind damals zu Fuß vom Hotel ins Büro gegangen. Heute undenkbar. Kabul war damals freundlich, offen, gastlich, asiatisch eben.

Aber auch von den Russen besetzt... Wie waren die?

Gegenfurtner: Die Russen waren dabei zu gehen. Beliebt waren sie nie, aber auch nie so aufdringlich wie ISAF und vor allen Dingen die US-Truppen. Spüren konnte man wenig von ihnen, sehen auch, Hilfe, die wir für die Kinder benötigten, bekamen wir über den Roten Halbmond von den Russen.

Welchen Eindruck macht Kabul heute auf Sie?

Gegenfurtner: Das ist nicht mehr unser Kabul. Alles ist mit Schutzwällen zubetoniert, besonders in den reichen Stadtteilen. In den Dörfern und einige Meter außerhalb gibt es keinen Schutz. Weder vor denen, die sich Beschützer nennen, noch vor denen, die sich hinter Beschützern verstecken. Und es gibt zu viele gierige Leute.

Wem geben Sie aus heutiger Sicht die Schuld am Zustand des Landes?

Ronald Gegenfurtner. Foto: Tom Thöne

Gegenfurtner: Den USA und der Sowjetunion. Beide haben das Land über Jahre mit Krieg überzogen, Soldaten geschickt oder Waffen geliefert.

Was müsste im Idealfall geschehen?

Gegenfurtner: Zunächst müssten mal alle entwaffnet werden. Auch die vielen neuen Polizeien, von denen kaum jemand weiß, wer das überhaupt ist. Dann müsste vor allem die Korruption gestoppt werden. Vieles ist aber leider nicht mehr zu reparieren. Das Geld, das direkt und indirekt für den Frieden investiert wurde, hätte in den letzten 22 Jahren sicher ausgereicht, um jedem Afghanen, der möchte, so reich zu machen, dass keiner von Ihnen eine Schutztruppe, eine Armee und unterschiedliche Polizeitruppen notwendig gehabt hätte. Es muss hier auch die Frage erlaubt sein, ob es dann in Afghanistan überhaupt eine Basis für die „Tabiban” gäbe oder die „Mudjaheddin”. Welcher gesunde, satte und zufriedene Mensch begeht einen Selbstmordanschlag?

Sollten die Deutschen jetzt die Truppe abziehen?

Gegenfurtner: Ob es gut wäre, die ausländischen Truppen heute schnell abzuziehen, können wir als Friedensdorf wohl kaum beurteilen. Sie alle hätten nie dorthin gehen sollen. In diesen Tagen wird der Sieg über die Engländer gefeiert. Dann der Abzug der Russen und irgendwann die Schließung der Isaf-Camps.

Welche Rolle spielen die Exil-Afghanen im Land?

Gegenfurtner: Wer mir besonders leid tut, sind diejenigen, die während all der Jahre im Land geblieben sind und sich durchgebissen haben. Also auch Akadamiker, die ihre Leute nicht im Stich gelassen haben, obwohl sie die Möglichkeit gehabt hätten, in die USA oder nach Westeuropa zu gehen und Geld zu verdienen. Heute werden genau diese Leute von den Exil-Afghanen als provinziell abgetan. Das macht mich schon ziemlich wütend.

Was würden Sie dem Land von Herzen wünschen?

Gegenfurtner: Dass jeder satt werden und dabei ehrlich bleiben kann.

Dass jeder gesund werden und dabei sein Hab und Gut nicht verlieren muss.

Dass jeder dem Winter ohne Angst vor Hunger und Kälte entgegen sehen kann.

Dass afghanische Kinder nicht mehr zur Behandlung ins Friedensdorf müssen.

Matthias Maruhn

Facebook
 
Kommentare
12.09.2009
10:14
Blockierter Kommentar.
von Matthias.Kiesel | #17

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

05.09.2009
16:45
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von diesteelerin | #16

wie wäre es denn mal mit einer berufsarmee?
ich wette, die bekämen sowenig leute zusammen,
dass es sich überhaupt nicht lohnen würde,
nach afghanistan zu maschieren.

ich glaube, diesen vorschlag lasse ich mir
patentieren, der spart geld und das leben
unserer jungs.

wenn berlin meint, wir müssen dahin - wir
sind ja nato verbündetete - dann sollen sie
doch söldner schicken, die verstehen ihr
handwerk und sind hochmotiviert.

aber wie gesagt, auf uns hört ja keiner!

04.09.2009
17:29
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von klaig | #15

raus aus afghanistan. was sollen wir da? wir haben da nix zu suchen und schon gar nicht einen angriffskrieg zu starten. gegen wen auch immer. auf so eine loaylität mit den amis kann ich verzichten. 2 weltkriege sind genug für deutschland. für immer!. ich will frieden und keinen krieg, egal wo auf der welt.

04.09.2009
16:32
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von rote zora | #14

Und Herr Jung schwafelt immer noch davon, dass sich die Bundeswehr dort nicht in einem Kriegseinsatz befindet........vielleicht sieht das nach den Wahlen anders aus... dann lässt man vielleicht die Hosen runter !

04.09.2009
14:02
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von Bonni1 | #13

Was haben wir da überhaupt zu suchen.Nur weil wir in einer Allianz sind müssen wir noch lange nicht das tun was andere (USA) wollen.
Die USA haben unter fast jedem ihrer Präsidenten mindestens 1 Krieg geführt und sich aufgeführt wie die Säue (Vergewaltigungen, Diskrementierungen usw.) Siehe BILD von Heute.
Was haben wir damit zu tun?.Andere Länder halten sich doch auch ganz bedeckt (Schweitz z.B)
Das Geld was da verpulvert wird kann man bestimmt an so mancher Tafel oder im Kindergarten gut gebrauchen.
Wofür brauchen wir noch eine so aufgeblasene Bundeswehr, kostet Milliarden im Jahr.
Kein Ottonormalverbraucher der das Kartenlesen bei den Falken gelernt hat, weis wo sich die Burschen überhaupt rumtreiben
Für manche mag das ja noch der große Kick sein
(Krieg spielen),
nur wenn sie nach Hause kommen und da fehlt dann ein Arm oder Bein. (fürs Vaterland) kucken sie blöde.
Zieht einem eine Uniform an dann haben wir es wieder mal geschafft.
Gehen wir wieder dahin zurück wo wir schon mal wahren?.

04.09.2009
11:11
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von NiederrheinerNRW | #12

Was ich immer wieder erstaunlich finde ist die Tatsache das man garnicht will diesen Krieg zu gewinnen.Warum? Weil man doch hervorragend Waffengeschäfte dort machen kann,weil die Weltproduktion an Drogen aufrecht gehalten werden kann,weil Kaisai der beste und willigste Schärge bzw. Mariontte einiger Staaten ist .Weiter Verwundert es doch das in der heutigen Zeit wo mit Sateliten jeder Fliegenschiss auf der Landkarte erkannt wird die ganzen Terror Banditen nicht Dingfest gemacht werden können / sollen??? ich glaube eher sie sollen nicht weil die Welt ein Feindbild braucht um ihre Waffen und was sonst noch alles dahinter steht an den Mann zu bringen. Da nimmt man dann auch in Kauf das unsere Kinder Bluten müssen.

03.09.2009
18:33
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von der_Manni | #11

Deutsche Soldaten raus aus dem Afghanistan Angriffskrieg - Frieden wählen - Oskar wählen!

03.09.2009
18:23
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von nimmersatt | #10

#6voltago
nicht wäre sondern hätte.
Er hätte den Hasen bekommen. Der Hund

03.09.2009
14:19
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von holmark | #9

Ginge es um Taliban oder Al Quada, hätte ein Einmarsch in Pakistan erfolgen müssen. Denn dort haben die ihre Basis und ihre Unterstützer.

Afghanistan war nötig wegen der Drogen...

03.09.2009
14:02
Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen
von viertelpetit | #8

Hallo, voltage, kannst Dich ja bei Black Water bewerben, das ist eine Truppe nach Deinem Geschmack. Fehlt nur noch der Totenkopf auf der Mütze.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3107/create

Umfrage
Bürger sollen künftig häufiger gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit wären. Können Sie sich vorstellen, Organspender zu werden?
 
Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
David McAllister geht "baden"
Bildgalerie
Boot kentert
Triumph der Sozialisten
Bildgalerie
Frankreich
Aus dem Ressort
Ramsauer will Punktesystem in Flensburg noch verschärfen
Verkehr
Wer sich unerlaubt vom Unfallort entfernt oder andere durch zu nahes Auffahren nötigt, soll im neuen Verkehrssünder-System mit drei Punkten in Flensburg bestraft werden. Das plant Bundesverkehrsminister Ramsauer. Er will die Reform der Verkehrssünder-Datei nach Bürgerbefragungen verschärfen.
Streit um Pkw-Mautpläne von Verkehrsminister Ramsauer
Autobahn
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will eine Pkw-Vignette wie in der Schweiz oder Österreich einführen. Die Koalition solll das Thema am 4. Juni diskutieren. Allerdings sperrt sich die FDP bereits gegen das Vorhaben.
Foto 50 Kommentare 50