Das aktuelle Wetter NRW 8°C
Politik

Priester nutzten Beichte für sexuellen Missbrauch

17.01.2013 | 19:50 Uhr

Er sei "erschüttert", sagt der Trierer Bischof. Als "besonders perfide" empfinde er das Verhalten der Geistlichen, die zu Tätern wurden. Von einer "Spiritualität des Verbrechens" spricht der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, am Donnerstag bei der Vorstellung des Abschlussberichts zur bundesweiten Telefonhotline der Deutschen Bischofskonferenz.

Trier (dapd). Er sei "erschüttert", sagt der Trierer Bischof. Als "besonders perfide" empfinde er das Verhalten der Geistlichen, die zu Tätern wurden. Von einer "Spiritualität des Verbrechens" spricht der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, am Donnerstag bei der Vorstellung des Abschlussberichts zur bundesweiten Telefonhotline der Deutschen Bischofskonferenz.

Eigentlich sollte dieser Bericht als Beleg dafür dienen, dass die katholische Kirche die Aufarbeitung des über Jahrzehnte vertuschten sexuellen Missbrauchs durch Kleriker konsequent fortsetzt. Doch nun stecken Deutschlands Bischöfe erneut in einer schweren Glaubwürdigkeitskrise. Das weiß auch Ackermann, seit drei Jahren Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz.

Er war erst wenige Wochen in dieser Funktion, da schaltete die Bischofskonferenz eine bundesweite Hotline für Opfer sexuellen Missbrauchs. Anonym sollten Betroffene und deren Angehörige über ihre schlimmen Erfahrungen berichten können und auf Wunsch an Beratungsstellen weitervermittelt werden. Fast 8.500 Gespräche verzeichnete das Angebot, nicht alle bezogen sich auf Fälle aus der Kirche. Die Daten von rund mehr als 1.800 Schicksalen bilden die Basis des Berichts, den Ackermann und der für die Hotline verantwortliche Leiter der Beratungsdienste des Bistums Trier, Andreas Zimmer, vorstellen.

Die Auswertung habe gezeigt, dass viele der Beschuldigten im kirchlichen Bereich nicht nur "die moralische Autorität des Amtes" ausgenutzt hätten, sondern auch systematisch Riten wie Beichte oder Gebet, berichtet Zimmer. So hätten die Täter die "Schutzmechanismen" der Kinder gesenkt, "um Macht über den emotional intimsten Bereich der Kinder und Jugendlichen zu gewinnen". Manche Täter hätten den Minderjährigen auch vorgetäuscht, "die Delikte seien Ausdruck liebender Verbundenheit in Christus oder Auserwählung von Gott", sagt Zimmer. Was der Bauftragte auch betont: "Es gibt keine Hinweise auf Zufallstaten" und bei rund 90 Prozent der Opfer habe es sich um männliche Kinder und Jugendliche gehandelt.

Dass viele der Beschuldigten gezielt und systematisch ihren Status als Vertrauenspersonen ausnutzten, noch dazu häufig in Situationen, in denen die Opfer bei ihnen um Hilfe nachsuchten, sei "abscheulich", sagt Ackermann. Doch eine Antwort auf die Frage, wie die Kirche mit diesen Tätern verfahren soll, haben bislang weder der Trierer Bischof noch seine Kollegen aus den anderen deutschen Bistümern parat.

Nachdem die Bischofskonferenz die Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen aufkündigte, ist Ackermann am Donnerstag ein weiteres Mal darum bemüht, den Aufklärungswillen der Kirche zu betonen. Man werde sich weiterhin "mit gleich bleibender Intensität und Konsequenz um eine gründliche und transparente Aufarbeitung bemühen", versichert er. Deshalb bleibe auch das geplante kriminologische Projekt "ein wichtiger Baustein in unserem Maßnahmenpaket", und es gebe durchaus Institute, die "allen Unkenrufen der vergangenen Tage" zum Trotz sich die Bischofskonferenz als Projektpartnerin vorstellen könnten. Namen nannte er keine, wie er auch keinen Fahrplan für die weiteren Schritte nannte. Zugleich räumt der Bischof ein, dass die Kündigung der Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut auch für seine Kirche einen "herben Rückschlag" bedeute.

Einen Rückschlag auch für ihn persönlich, drei Jahre, nachdem ihn die Bischöfe mit dieser schwierigen Mission betrauten. Doch Ackermann erklärt am Donnerstag, er wolle als Missbrauchsbeauftragter weitermachen und denke keineswegs an Rücktritt. "Ich habe mir diese Aufgabe nicht gesucht", aber er fühle sich in der Verpflichtung, diese zu Ende zu führen. Ob denn alle Bistümer dabei mitzögen? Dieser Frage lässt Ackermann unbeantwortet.

dapd

dapd

Facebook
Kommentare
Umfrage
Hygiene, Arbeitsrecht, Streit zwischen Konzern und Franchise-Nehmer: Viele Burger King-Filialen mussten schließen. Was denken Sie darüber?

Hygiene, Arbeitsrecht, Streit zwischen Konzern und Franchise-Nehmer: Viele Burger King-Filialen mussten schließen. Was denken Sie darüber?

 
Fotos und Videos
Aus dem Ressort
Entscheidung über Ferguson-Prozess – Jury unter Druck
Ferguson
Eine Geschworenenjury entscheidet darüber, ob ein weißer Polizist nach tödlichen Schüssen auf einen jungen Schwarzen in Ferguson angeklagt wird. Der Druck auf die zwölf Frauen und Männer ist groß.
834.000 Menschen erhalten Eingliederungshilfe für Behinderte
Soziales
Rund 834 000 Behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen haben im vergangenen Jahr eine besondere Art der Sozialhilfe erhalten.
Spionage-Software späht Russland und Saudi-Arabien aus
Computer
Eine neu entdeckte Spionage-Software hat über Jahre Unternehmen und Behörden vor allem in Russland und Saudi-Arabien ausgespäht. Das Programm sei so komplex und aufwendig, dass nur Staaten als Auftraggeber in Frage kämen, erklärte die IT-Sicherheitsfirma Symantec, die die Software entdeckt hatte.
Kenias Armee tötet 100 somalische Islamisten
Terrorismus
Nach einem blutigen Islamisten-Überfall auf einen Reisebus im Nordosten Kenias hat das Militär Jagd auf die Drahtzieher gemacht und nach Regierungsangaben mehr als 100 Angehörige der Al-Shabaab-Miliz getötet.
Stichwahl um Präsidenten-Amt in Tunesien erwartet
Tunesien-Wahl
Die Wahl des neuen Präsidenten soll den Übergang Tunesiens zur Demokratie abschließen. Erste Prognosen sehen den 87-jährigen Essebsi vor dem Übergangspräsidenten Marzouki. Eine Stichwahl wird immer wahrscheinlicher.