Gefährliche Unvernunft
21.10.2007 | 19:45 Uhr 2007-10-21T19:45:54+0200Im Iran-Konflikt droht eine Katastrophe
Der Rücktritt des iranischen Atomunterhändlers Ali Laridschani nährt Hinweise auf wachsende Unstimmigkeiten innerhalb des Teheraner Regimes. Während Laridschani nachgesagt wird, die gefährliche Krise um das iranische Atomprogramm in geduldigen Verhandlungen mit der Atomenergiebehörde IAEA in Wien entschärfen zu wollen, gilt der kompromisslose Präsident Mahmud Ahmadinedschad als Scharfmacher, der mit seinen abstrusen Drohungen den Iran zunehmend isoliert. Und dies vor dem Hintergrund einer für seine murrenden Landsleute enttäuschenden Wirtschaftsentwicklung.Die Lage böte weniger Anlass zur Besorgnis, wenn die Reaktionen der internationalen Staatengemeinschaft einer abgesprochenen Arbeitsteilung folgten. Dies ist jedoch nicht der Fall, weil alle beteiligten Akteure zwar eine iranische Atombombe zu verhindern trachten, aber mit abgestufter Intensität, weil sie höchst unterschiedliche Interessen verfolgen.
So malt US-Präsident Bush die Gefahr eines Dritten Weltkrieges an die Wand, was im aufziehenden Wahlkampf als innenpolitisches Säbelrasseln abgetan werden könnte, wüchse nicht der Druck der amerikanischen Neokonservativen, die immer lauter auf militärische Schläge gegen iranische Atomanlagen und die Revolutionsgarden drängen. Russlands Präsident Putin hingegen suchte sich bei seinem Besuch in Teheran als Mann des Friedens zu profilieren. Dahinter verbirgt sich das geostrategische Ziel, Russland wieder Weltgeltung zu verschaffen, zumal im Mittleren Osten, wo die USA den russischen Einfluss am Kaspischen Meer zurückgedrängt haben.Das rohstoffhungrige China möchte seinen Öl- und Gaslieferanten Iran vor schärferen Sanktionen des UN-Sicherheitsrates verschonen. Die Europäer, die die Sorge der USA vor atombestückten iranischen Raketen teilen, suchen die Probleme diplomatisch zu lösen, wissen aber nicht wie.
Und der Iran? Als Unterzeichner des Atomwaffensperr-Vertrages hat der Staat der Mullahs das verbriefte Recht, die Atomenergie für friedliche Zwecke zu nutzen. Russland bietet sich an, dem Regime in Teheran angereichertes Uran zu liefern. Doch damit allein sind die strategischen Motive für die nuklearen Ambitionen des Iran nicht erklärt. Dieses Land fühlt sich eingekreist und bedroht durch die unerklärte Nuklearmacht Israel und die wachsende Instabiliät in seiner Nachbarschaft - namentlich in Pakistan und Afghanistan. Insofern ist trotz der martialischen Tonlage des unberechenbaren Ahmadinedschad der Wunsch des Iran nachvollziehbar, die Sicherheit vor dem Iran auch durch die Sicherheit für den Iran zu garantieren.
Militärisch ist dieser Konflikt in einer der gefährlichsten Regionen der Welt nicht lösbar - allenfalls um den Preis einer Katastrophe, die nicht nur Israel treffen würde. Die Alternative wäre ein Weg der Vernunft: Dem Regime in Teheran müssen die Risiken einer politischen und wirtschaftlichen Isolation deutlich gemacht werden. Sie sitzt keineswegs so sicher im Sattel, sich diese leisten zu können. Im Gegenzug aber muss sie in eine groß angelegte Friedenskonferenz für die Krisenregion im Mittleren Osten einbezogen werden. Doch derzeit überwiegen, bei allen Beteiligten, eigene Interessen und gefährliche Unvernunft.
r.kiessler@nrz.de

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