Das aktuelle Wetter NRW 2°C
Atomkraft

Fukushima-Katastrophe war laut Parlament „Menschenwerk“

05.07.2012 | 19:25 Uhr
Menschen besichtigen den Ort einer Katastrophe, die sie der Natur angelastet haben. Zu Unrecht, sagt ein neuer Bericht.Foto: dapd

Tokio/Essen.   Ein Bericht des japanischen Parlaments erklärt die Reaktorkatastrophe von Fukushima als Folge menschlichen Versagens. Wer baut schon Notfallaggregate, die vor den Hauptaggregaten zu Bruch gehen? Und trotzdem macht das Land jetzt einfach weiter.

Der Wiedereinstieg in die Kernenergie ist in Japan in vollem Gange: Gut 15 Monate hat das Land versucht, nach der Atomkatastrophe von Fukushima ohne eigenen Atomstrom auszukommen. Doch am Donnerstag ging in Ohi der erste Reaktor wieder ans Netz. Reaktorblock Nummer drei habe am Morgen begonnen, Strom zu erzeugen, teilte der Betreiber mit. Ohi liegt etwa 500 Kilometer von Fukushima entfernt an der Westküste der Hauptinsel Honshu.

Aber nicht nur hier ist die Kernkraft wieder auf dem Vormarsch, sondern auch in der Unglücksregion selbst: Tepco, der schlimm beleumundete Betreiber des Unglücks-AKW Fukushima-Daiichi, lässt am benachbarten Standort Daini vier beim Erdbeben beschädigte Reaktoren reparieren. Die Anwohner protestieren, fordern den Abriss der Anlage, vergeblich.

Tepco bleibt dabei: Der Tsunami ist schuld

Japan droht damit Fehler zu wiederholen, die ein Untersuchungsbericht des Parlaments jetzt minutiös auflistet. Fehler? Erst im vergangenen Monat hatte Tepco noch die Verantwortung für das Unglück abgelehnt – und stattdessen festgestellt, der „unvorhersehbar hohe“ Tsunami sei schuld.

Video
Tokio, 05.07.12: Der Super-GAU von Fukushima wäre vermeidbar gewesen. Eine am Donnerstag veröffentlichte Untersuchung stellte eine "nicht verzeihbare Arroganz und Ignoranz" bei Atomkraft-Verantwortlichen und den beteiligten Organisationen fest.

Doch das klingt wie Hohn, wenn man den neuen Bericht liest. „Der Unfall am Atomkraftwerk von Fukushima war die Folge von Kungelei zwischen der Regierung, den Aufsichtsbehörden und Tepco“, schreiben die Fachleute. Sie fanden erstaunliche Beispiele von Versagen. Eine Auswahl:

Erstaunliche Beispiele des menschlichen Versagens

– Seit 2006 wussten die Aufsichtsbehörden und Tepco, dass es zu einem totalen Stromausfall in Fukushima-Daiichi kommen könnte, wenn Tsunami-Wellen die Anlage treffen. Sie wussten, dass der Reaktorkern beschädigt werden könnte, wenn die Seewasser-Pumpen nach einem Tsunami ausfielen.

– Die Sicherheitseinrichtungen, die im Notfall anspringen sollten, hatten eine geringere Standfestigkeit als die Sicherheitseinrichtungen für den normalen Betrieb. Sprich: Die Notaggregate waren wohl schon vor den Hauptaggregaten zerstört. „Um es klar zusagen: Die Benutzung von Notfall-Equipment, das weniger kann als das normale, führt die Ausarbeitung von Notfallplänen überhaupt ad absurdum“, so der Bericht wörtlich.

– Nach dem Unfall wurden Anordnungen zur Evakuierung der Menschen ständig geändert, weil die Evakuierungszone von zunächst drei Kilometern Radius auf zehn und 20 Kilometer erweitert wurde, alles an einem Tag. Vielen Umgesiedelten war überhaupt nicht klar, dass sie dabei an Orte gebracht wurden, die ebenfalls stark radioaktiv verseucht waren.

Und am Ende nationale Selbstzweifel

Man merkt: Die immerhin von den Volksvertretern berufenen Experten scheuen vor schmerzhaften Einsichten nicht zurück. Die japanischen Notfallpläne hätten ausländischen Standards nicht genügt, schreiben sie unverblümt.

Arbeiten im Problem-Reaktor

Und dann gehen sie mit der ganzen Nation hart ins Gericht: „Auch wenn es weh tut: Wir müssen zugeben, dass das eine Katastrophe ,Made in Japan’ war“, erklären sie. „Ihre wahren Gründe liegen in den tief verwurzelten Konventionen der japanischen Kultur: in unserem reflexartigen Gehorsam; in unserem Zögern, Autorität in Frage zu stellen; und in der Hingabe, mit der wir uns an Vorschriften halten.“

Achim Beer

Kommentare
Funktionen
Aus dem Ressort
Benjamin Netanjahu warnt US-Kongress vor Atom-Deal mit Iran
USA
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu warnt den US-Kongressvor dem Atomprogramm des Iran. Jedes Zugeständnis berge zu große Risiken für Israel.
Angestellte Lehrer fordern gleiches Geld für gleiche Arbeit
Warnstreik
Mehr als 1000 angestellte Lehrerinnen und Lehrer sind am Dienstag in NRW in den Warnstreik getreten. Sie fordern vor allem eine Gleichstellung.
1,4 Millionen Menschen in NRW leiden unter Verkehrslärm
Lärmschutz
Wenn Autos krank machen: Die Landesregierung will denen helfen, die unter Straßenlärm leiden. Dabei sieht sie alle in der Pflicht - außer sich selbst.
Schwarz-Rot will fünf Milliarden in klamme Kommunen stecken
Finanzspritze
Deutschlands Infrastruktur ist vielerorts marode. Jetzt nutzt die schwarz-rote Regierung die gute Wirtschaftslage, um Milliarden zu verbauen.
DNA von mutmaßlichen Terroristen auf Waffen gefunden
Islamisten-Prozess
Seit einem halben Jahr sitzen vier mutmaßliche Terroristen in Düsseldorf auf der Anklagebank. Es geht um ein vereiteltes Mordkomplott in Leverkusen.
Fotos und Videos
article
6848084
Fukushima-Katastrophe war laut Parlament „Menschenwerk“
Fukushima-Katastrophe war laut Parlament „Menschenwerk“
$description$
http://www.derwesten.de/nrz/politik/fukushima-katastrophe-war-laut-parlament-menschenwerk-id6848084.html
2012-07-05 19:25
Politik