Das aktuelle Wetter NRW 26°C
Eröffnungsfeier

Star-Regisseur Danny Boyle und der Knatsch um die Olympia-Show

25.07.2012 | 17:06 Uhr
Ihm ist das Lachen vergangen: Star-Regisseur Danny Boyle. Foto: afp

London.   Es soll das ganz große Ding werden, mit 15.000 Freiwilligen. Star-Regisseur Danny Boyle übt und übt und übt. Doch vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele am Freitag liegen in London die Nerven blank. Obendrein nervt die BBC den Künstler.

Danny Boyle steht vor der schaurig-schönsten Premiere seiner Laufbahn: Freitagabend bringt der britische Regisseur die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele auf die Bühne. Vier Milliarden Menschen wollen zuschalten – viel Ehre und Last zugleich. „Trainspotting“ und „Slumdog Millionär “ mögen Boyle als Meister des visuellen Rausches etabliert haben, doch keines seiner Projekt war je so groß wie dieses. Und die Nerven im Olympischen Park liegen längst blank.

Seit Monaten trainiert Boyle mit 15.000 Freiwilligen den dreistündigen Parcours , an den so viele Erwartungen geknüpft sind: Er soll dem Welt-Fernsehpublikum die Geschichte und Kultur Großbritanniens zeigen, sein Tempo, seinen Witz, seine Besonderheiten. Eigentlich dürfte das kein Problem für den 55-Jährigen sein.

Er wohnt im Londoner Osten und kennt die Seele der Stadt, hat ein Olympia-Budget von 35 Millionen Euro und ein Händchen dafür, mit wenigen Requisiten großes Kino zu machen.

Danny Boyle soll vor der letzten U-Bahn fertig werden

Doch Stratford ist nicht Hollywood, und Nachrichten über „kreative Spannungen“ im Olympischen Park sind Stadtgespräch. Weil Boyle von den Fernsehübertragungsteam nicht die Kamerapositionen bekommt, die er fürs Erzählen seines Insel-Epos braucht, droht der Knatsch zu eskalieren. Die Zeitung „The Guardian“ berichtet, Boyles Wohnwagen am Park müsste von Sicherheitskräften geschützt werden. Auch die BBC mischt sich in seine aufwändige Produktion ein und hat angekündigt, die Show während der Übertragung zu kommentieren. Boyle soll entsetzt reagiert haben – den geplanten Mix aus Theaterstück, Tanz und Musical würde Moderatoren-Geschwafel nur weiter verhunzen. 30 Minuten musste er bereits aus der Aufführung herauskürzen, weil Olympia-Planer befürchtet hatten, dass die Gäste nach der Eröffnung nicht mehr mit der letzten U-Bahn nach Hause kommen würden.

Video
London, 25.07.12: Der tschechische Künstler David Cerny hat zu den Olympischen Spielen einen der traditionellen roten Doppeldecker-Busse der britischen Hauptstadt neu gestaltet. Sein Werk "London Booster" präsentiert sich muskelbepackt und sportlich.

Bleibt zu hoffen, dass Boyle all diese unsportlichen Banalitäten kreativ umgeht – so wie es dem Shooting Star der Filmindustrie fast immer gelungen ist. Seine Karriere begann er beim Theater, dann wechselte er als Produzent zur BBC nach Nordirland. Spät, erst vor 18 Jahren, traute sich der selbsterklärte Musik- und Bildersüchtige an einen eigenen Film. Der Durchbruch gelang ihm schließlich mit „Trainspotting“ – einer Geschichte über einen Heroinsüchtigen, die viel Potenzial für Traurigkeit hätte, bei Boyle aber einen rasanten, lebenshungrig-positiven Dreh bekommt.

Dem Muster blieb der Brite auch beim achtfachen Oscar-Gewinner „Slumdog Millionär“ treu: Statt Untergangsstimmung zeigte Boyle in (echten) Slums indischer Metropolen den lebhaften Alltag, das manisch-urbane Treiben und als Happy End den Triumph seines hoffnungslosen ausgestoßenen Anti-Helden. Eine dramatische Toilettenszene gibt es in beiden Filmen - ganz klar eine Botschaft, die Boyle vermitteln möchte : „Man muss durch die Scheiße, um sein Ziel zu erreichen.“

Chancenreich wie Butter in der Hölle

„Slumdog Millionär“ hatte, meint der Brite, „so viele Chancen wie ein Päckchen Butter in der Hölle“. Kaum Geld, viel Ärger, zögerliche Verleiher – fast wäre der Film ein Flop geworden. Den hatte Boyle übrigens zuvor hingelegt, und zwar in epischen Dimensionen: Mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle von "The Beach" versenkte der Regisseur 50 Millionen Dollar an den Kinokassen. „Slumdog Millionär“ rettete ihn schließlich wider Erwarten. Als knapp Gescheiterter war Boyle somit doch am Ziel seiner Träume angekommen – was ein bisschen so klingt, als sei er seinem eigenen Drehbuch entstiegen.

Dass die Wahl auf ihn als Regisseur der Eröffnungsfeier gefallen ist, hat nicht nur mit dem Schub zu tun, den er der britischen Filmindustrie verpasst. Boyle ist durch und durch Optimist, eine Haltung, die gut zum Olympia-Start passt. Streng katholisch, mit Wunsch aufs Priesteramt, ist er von irischen Arbeitereltern in Manchester erzogen worden. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihn dieses Erbe unter allen Regisseuren mit Blick für soziale Themen zu demjenigen macht, der am wenigsten zynisch oder pessimistisch ist: „Ich bin heimlicher Romantiker.“ Mit einer pastoralen Weideszene und echten Schafen will er Freitag in die Show einsteigen.

Jasmin Fischer


Kommentare
Aus dem Ressort
Norwegen gedenkt der Opfer der Breivik-Massaker
Terrorismus
Drei Jahre nach den Terroranschlägen in Oslo und auf Utøya mit 77 Toten wird Norwegen weiterhin für Offenheit und Toleranz einstehen.
Schmerz-Patienten dürfen unter Auflagen Cannabis anbauen
Urteil
Schmerz-Patienten dürfen zuhause selbst Cannabis für den Eigengebrauch anbauen — wenn eine entsprechende Genehmigung vorliegt. Das hat das Verwaltungsgericht Köln am Dienstagmorgen entschieden. Fünf schwer kranke Männer hatten geklagt. In zwei Fällen wurde die Klage aber abgewiesen.
Das sind die zehn bestverdienenden Hollywood-Stars
Forbes-Liste
Robert Downey Jr., Dwayne Johnson und Bradley Cooper sind die bestverdienenden Stars in Hollywood. In der Rangliste des US-Wirtschaftsmagazins Forbes stehen aber auch Liam Neeson und Christian Bale auf einem der ersten zehn Plätze.
Leiche des geflüchteten "Sewol"-Reederers gefunden
Fährunglück
Vor drei Monaten sank die südkoreanische Fähre "Sewol" — fast 300 Menschen starben. Der Reederei-Chef, der das Schiff regelmäßig aus Profitgier überladen haben soll, tauchte nach dem Unglück ab. Jetzt wurde die stark verweste Leiche des Milliardärs gefunden.
Gynäkologe filmt 8500 Frauen - Klinik zahlt Millionen-Strafe
Vergleich
190 Millionen Dollar Entschädigung für 8500 Patientinnen, die über Jahre von ihrem Frauenarzt bei Untersuchungen heimlich gefilmt und fotografiert wurden - selbst in der an Skandalen reichen Medizin-Geschichte Amerikas sprengt dieser Fall fast alle Dimensionen.
Umfrage
Ein Gericht hat erlaubt , dass chronisch Kranke zu Hause Cannabis anbauen. Wie stehen Sie zu Cannabis?

Ein Gericht hat erlaubt , dass chronisch Kranke zu Hause Cannabis anbauen. Wie stehen Sie zu Cannabis?

 
Fotos und Videos