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Sexualität

Schüler sind Lehrern in Schweden oft hilflos ausgeliefert

24.02.2013 | 17:10 Uhr
Schüler sind Lehrern in Schweden oft hilflos ausgeliefert
Kontrovers diskutiertes Thema: In Schweden sind sexuelle Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern nicht strafbar.

Stockholm.   Im sonst mittlerweile sittenstrengen Schweden sind sexuelle Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern nicht strafbar. Das führt offenbar zu viel Leid unter den Jugendlichen. Betroffene schämen sich Sie schämen sich oft und wollen ihren Schulalltag nicht aufs Spiel setzen.

Sara wurde von ihrem Vater missbraucht. Anfänglich war es eine Erleichterung für die 15-Jährige, als sie auf ein Internat mit dem Schwerpunkt Natur- und Tierkunde ging, wegkam von der Familie. Doch auch dort wurde sie zum Opfer. Der Täter: ein Lehrer.

Sara, die eigentlich einen anderen Namen trägt, ist in Schweden kein Einzelfall. Laut einer nicht nach Geschlechtern differenzierten Umfrage der Zeitung „Svenska Dagbladet“ haben oder hatten alleine an den Gymnasien der Hauptstadt Stockholm einer von 30 Schülern Sex mit dem Lehrer.

Zu Anzeigen kommt es nur selten. „Da ist vor allem viel Schweigen, viel Leid bei den Schülerinnen, die so etwas erleben. Sie schämen sich oft und wollen ihren Schulalltag nicht aufs Spiel setzen“, sagt Annika Lundegardh von der schwedischen Hilfsorganisation für sexuell Missbrauchte „Hopp“ dieser Zeitung. Die Gesetzgebung in Schweden sei zu nachlässig, kritisiert sie.

Mädchen suchte nach Halt

An Saras Gymnasium war es ein 50-jähriger Lehrer, der eine sexuelle Beziehung mit ihrer Klassenkameradin unterhielt. Das Verhältnis ging in die Brüche. Sara bekam plötzlich wohltuende Aufmerksamkeit vom Lehrer. Die Pferdenärrin durfte ihm beim Transport der Schulpferde helfen. Ein großes Privileg für das nach Halt suchende Mädchen.

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Die Justizminister der Länder wollen den Schutz von Schülern vor sexuellen Übergriffen durch Lehrer verbessern. Sex zwischen Lehrern und Schülern soll künftig generell als "Missbrauch von Schutzbefohlenen" gelten - unabhängig davon, ob der Pädagoge Klassen- oder nur Vertretungslehrer ist.

Der Lehrer habe ihr das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein, erinnert sich Sara in einem Gespräch mit „Svenska Dagbladet“. Behutsam ließ der Pädagoge die Situation eskalieren, fing bei einem Pferdewettkampf an, sie anzufassen. Sara spielte mit. „Das habe ich von Papa gelernt. Am besten mitspielen, dann passiert nichts Schlimmeres“, sagt sie.

Einmal saß sie in ihrem Internatszimmer und schaute Fernsehen. Der Lehrer kam einfach hinein und zog sich aus. Nachdem er mit ihr geschlafen hatte, ignorierte er sie und gab ihr schlechte Schulnoten. „Er wollte mir zeigen, dass er Macht über mich hatte. Er warnte mich, dass ich von der Schule fliegen würde, wenn ich jemandem etwas erzählen würde“, erinnert sie sich. „Aber eine Anzeige lag mir fern, ich dachte damals, es war meine Schuld“, sagt sie.

Der geschlechtliche Umgang mit Minderjährigen durch „Aufsichtspersonen in Schulen Anstalten und anderen Institutionen“ wurde noch bis 1984 mit bis zu vier Jahren Gefängnis geahndet. „Unzucht mit der Jugend“, so hieß es im Gesetz. Doch mit der in Mode kommenden Gleichberechtigungspädagogik sagte der damals sozialdemokratische Gesetzgeber, die klassischen Lehrer-Schüler-Hierarchien gebe es durch die Schuldemokratisierung nicht mehr so wie früher. Eine Gesetzesänderung müsse her. Lehrer-Schüler-Beziehungen sind seit 1984 nicht mehr strafbar.

Strafbar nur bei Machtausnutzung

Explizit bestraft werden seitdem nur noch sexuelle Kontakte zwischen Volljährigen und unter 15-Jährigen. Darüber hinaus gilt, dass sexuelle Kontakte Volljähriger mit unter 18-Jährigen nur bestraft werden können, wenn es unmittelbare Beweise für eine Machtausnutzung durch Erpressung gibt. Auch hier gibt es kein Gesetz, das sich speziell auf Lehrer bezieht.

Dementsprechend selten werden Schwedens Lehrer belangt, Verhältnisse an Schulen eher akzeptiert. Das Schulamt duldet die Reglung. „Wir haben dazu keine direkte Meinung. Es ist nicht unser Auftrag, dazu Stellung zu nehmen. Das ist eine politische Frage“, sagt Schulamtsjuristin Eva Röyter gegenüber „Svenska Dagbladet“. Der ethische Berufsrat der Lehrer Schwedens spielt das Thema herunter: „Man kann Liebe nicht verbieten. Dass Zuneigung im Schulbetrieb entsteht, ist nichts Merkwürdiges“, sagt Ratsmitglied Jesper Rehn.

Annika Lundegardh von „Hopp“ empfindet die Stellungnahmen als „skandalös“. „Natürlich ist die sexuelle Ausnutzung von Schülern durch den Lehrkörper direkte Aufgabe des Schulamtes, von wem denn sonst? Und dass ausgerechnet der ethische Lehrerrat nicht zwischen offenbarer sexueller Machtausübung erwachsener Lehrer auf minderjährige Schüler und wahrer Liebe zwischen gleichwertigen Menschen unterscheiden kann oder will, ist haarsträubend“, schimpft sie. „Schüler haben fast gar keinen rechtlichen Schutz gegen sexuelle Übergriffe vor Lehrern.“

André Anwar



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