In der Millionenstadt kämpft jeder um seinen Vorgarten
13.11.2009 | 22:07 Uhr 2009-11-13T22:07:00+0100
Nicht nur Mensche, Bienen und Ameisen leben in gigantischen Ansammlungen mit Millionen Einwohnern - auch Präriehunde bilden Städte. Und in diesen Städten wird der eigene Vorgarten erbittert gegen die Nachbarn verteidigt.
Zoo. Duisburg
(Cynomys ludovicianus)
Gattung: Präriehunde
Familie: Hörnchen (Sciuridae)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Einen kleinen Happs noch und dann ab in die Höhle. Doch es ist kein Murmeltier, das sich noch schnell den Bauch vollschlägt, um sich danach einzumurmeln und den Winter zu verschlafen. Sondern ein Präriehund.
Es dürfte nur wenige Besucher geben, die das wuselige Tier auf Anhieb richtig benennen, ohne auf die Beschreibungstafel zu schauen - zu ähnlich sieht es dem uns vertrauten Murmeltier. Die Größe, Fellfarbe, der ganze Körperbau sind gleich. Beide Tierarten haben scharfe Krallen, graben sich damit ausgedehnte Höhlensysteme, brauchen offenes Grasland und leben in kleinen Verbänden, wo die Tiere aufeinander aufpassen und sich gegenseitig vor Gefahr warnen. Erst der Blick ins Lexikon offenbart wenigstens einen deutlichen Unterschied: Präriehunden fehlt der buschige Schwanz. Aber dieses Merkmal bleibt oft verborgen, da beide Arten ausgesprochen gerne aufrecht sitzen und in die Gegend spähen.
Irgendetwas fehlt doch?
Verweilt man eine Zeit vor dem Gehege, fällt noch etwas auf, genauer gesagt: etwas fehlt. Kein Pfeifen. Murmeltiere können einen gellenden, weit tragenden Pfiff ausstoßen - wer einmal in den Alpen auf sie getroffen ist, wird ihn gehört haben. Mit diesem Pfiff warnen sich die Tiere, wenn sich etwas Unbekanntes nähert. Präriehunde kennen diesen Warnpfiff nicht; dafür sollen sie laut Lexikon bellende Laute von sich geben, wenn sie in Rangkämpfen aneinandergeraten, die an Hunde erinnern - aufgrund dieses Bellens gaben die europäischen Siedler den unbekannten Tieren in Nordamerika diesen Namen.
Präriehunde brauchen offenes Land mit nicht allzuviel Bewuchs und haben es lieber trocken als feucht - in der Prärie des nordamerikanischen Kontinents finden sie diese Bedingungen vor. Für ihre unterirdische Behausung treiben sie enormen Bauaufwand. Ein Tunnel wird gegraben, der im Größenordnungen länger ist als die Gänge, die Dachs, Fuchs oder Murmeltier anlegen; 300 Meter kann er lang sein und führt bis zu fünf Meter hinab ins Erdreich. Dort wird eine vergleichsweise kleine Kammer ausgehöhlt, nur ganze 40cm im Durchmesser. Und weil der Präriehund nicht ohne Fluchtweg in der Klemme sitzen möchte, falls eine Schlange durch den Gang heran kriecht, braucht er Notausstiege. Mindestens einen zweiten Gang, ebenso lang wie der erste, muss er ausheben - Biologen haben aber auch schon Bauten mit sechs Tunneln gefunden. Die Bauleistungen des kleinen Tiers sind gewaltig: Allein der Transport des Erdaushubs durch den 300 Meter langen, engen Gang ist ein Kraftakt, zudem ist unklar, wie das schwer schuftende Säugetier am Ende des Tunnels genügend Sauerstoff bekommt - vor allem, wenn es gerade eine Ladung Erde wie einen Korken vor sich herschiebend nach außen befördern möchte.
Doch allein mit dem Graben ist es nicht getan, die Präriehunde haben neben ihren Fressfeinden noch eine Bedrohung: Wasser. Wer tief unter den Erde in einer Kammer kauert, zu der abschüssigen Röhren führen, der hat ein Problem, sobald es regnet. Und auch in der trockenen Prärie kommt das häufiger vor. Daher bauen die Präriehunde aus dem Erdaushub einen Hügel, der den Eingang ins Tunnelsystem auf ein höheres Niveau bringt.
Junge Männchen müssen auf Wanderschaft gehen
In einem solchen Bau lebt ein Männchen mit mehreren Weibchen und zahlreichen Kindern und Halbwüchsigen in einer Großsippe zusammen - um die 25 Tiere können es sein. Je nach Bedarf werden weitere Wohnkammern an die Tunnel angeschlossen. Weibliche Jungtiere bleiben bei der Sippe und paaren sich bald mit dem regierenden Männchen; die männlichen Jungtiere hingegen müssen den Bau verlassen, auf Wanderschaft gehen und sich an anderer Stelle eine Behausung erkämpfen oder bauen - so breitet sich die Tierart über große Areale aus. Die Höhlenkomplexe liegen oft dicht an dicht, stoßen aneinander, zu hunderten, Tausenden - Präriehundstädte werden diese Gebilde genannt. Die derzeit größten haben rund eine Million Einwohner - in früheren Zeiten wurde von Städten mit schätzungsweise 400 Millionen Bewohnern berichtet. Und in diesen Städten regiert die nackte, ungebremste Konkurrenz: Jede Sippe verteidigt erbittert ihr Terrain gegen die Nachbarn.
Die Tiere im Duisburger Zoo hingegen müssen nicht kämpfen, ihr Terrain ist mit einer festen Mauer umfriedet und sicher vor Eindringlingen. Entspannt genießen sie die tief stehende Sonne und den leichten, milden Wind im Fell. Einen Winterschlaf halten diese Tiere nicht - nicht im eiskalten Nordamerika mit seinen Blizzards, den Schneestürmen. Und schon gar nicht im milden Rheinlandklima.
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