Das aktuelle Wetter NRW 20°C
Filmkritik

„Angle’s Share“ - Vom Instinkt für Whisky und einer kühnen Idee

17.10.2012 | 16:10 Uhr
"Angel's Share" bietet ein Ensemble, dem man gespannt und amüsiert zuschaut.Foto: Thinkstock

Essen.   Angel’s Share, so nennt man in Schottland den Anteil an Alkohol, der während der Lagerung eines Whiskys im Fass durch das Holz hinweg verdunstet. Dass dieser Anteil schon drei volle Flaschen umfassen kann, davon erzählt auf sehr vergnügliche Weise der Film „Angel’s Share – Ein Schluck für die Engel“.

Das lässt aufhorchen. Schließlich ist doch Ken Loach in England der Regisseur mit der klaren politischen Linie. Der Mann steht links und hat das in über 40 Schaffensjahren nachhaltig dokumentiert; so sehr bisweilen, dass Anliegen und Botschaft sich bis zum Ersticken über die eigentliche Filmerzählung stülpten.

Es gab aber auch immer wieder Filme, in denen sich gesellschaftskritische Aussage und dramatische Kraft auf fesselnde, manchmal auch aberwitzig komische Weise zueinander fanden. „Riff-Raff“ war so ein Film, auch „My Name Is Joe“ oder „Just a Kiss“ gehörten dazu. In seinem vorletzten Film „Looking for Eric” schlug Ken Loach sogar märchenhafte Töne an und man durfte glauben, dass auch ein Klassenkämpfer irgendwann zu Altersmilde findet. Dieser Eindruck scheint nun mit „Angel’s Share“ Bestätigung zu finden, doch das gilt nur für den ersten Blick.

Sozialstunden statt Knast

Robbie stammt aus schwierigen Verhältnissen. Mit Mitte zwanzig steht er am Abgrund, weil ihm das Temperament durchging und er im Affekt einen jungen Mann so schwer zusammenschlug, dass dieser ein Auge verlor. Gleichzeitig erreicht ihn die Nachricht, dass seine schwangere Freundin kurz vor der Niederkunft steht. Dieser Umstand bringt ihm vor Gericht mildernde Umstände ein; statt Knast hat er nun Sozialstunden abzureißen. Der Leiter der Gruppe erweist sich als bodenständiger Kerl, der den ihm anbefohlenen jungen Leuten mit Fairness begegnet.

Video
Robbie ist pleite und braucht dringend Geld für die junge Familie. Seine Leidenschaft bringt ihn auf eine verwegene Idee: Er will ein Fässchen des teuersten Whiskys der Welt klauen … Komödie von Ken Loach. GB/F/B/I '12, FSK: ab 12. Start: 18.10.12

Besonders Robbie weckt sein Interesse, denn der Junge hat einen feinen Instinkt für guten Whisky. Dann macht die Nachricht von einer Veranstaltung die Runde, bei der ein Fass mit dem vielleicht erlesensten Erzeugnis in der Geschichte des Single Malt versteigert werden soll; und in Robbie reift ein tollkühner Plan und drei neue Freunde ziehen mit.

Vier junge Leute und einige Charakterknochen

Schottland ist ein Ort extremer Gegensätze. Zwischen den Slums von Glasgow und der Idylle der Highlands klafft eine schier unfassbare Lücke. Ken Loach trägt beidem Rechnung, etabliert zunächst ein Klima beständiger Gewaltbereitschaft und steuert dann hinreißend leichtfüßig hinüber zu einer Gauner-Einbrecher-Pistole, die der Finesse des Details ebenso Rechnung trägt wie der sagenhaft spannenden Emotion, dass man der Unmoral ganz feste die Daumen drückt. Dazu gibt es fabelhafte Nachwuchsakteure, deren Namen man nicht kennt und genau genommen auch nicht kennen muss. Denn das gehört bei Ken Loach zum Programm, dass er mit fast jedem neuen Film auch neue Gesichter von der Straße hervorzaubert; Gesichter, die Profil und Charakter haben, eben eigen sind. So eigen, dass sie wohl nur unter der Regie eines Ken Loach zur vollen Entfaltung kommen können.

Die vier jungen Leute und einige wenige alte Charakterknochen aus bester britischer TV- und Theaterschule bilden ein Ensemble, dem man gespannt und amüsiert zuschaut. Mag sein, dass Loach nicht mehr mit ganz scharfem Zahn zubeißt, dafür bereiten seine Filme nun umso mehr Freude beim Zuschauen. Was sollte daran schlecht sein?

Uwe Mies


Kommentare
Aus dem Ressort
An Ebola erkrankter Arzt aus Westafrika erliegt Krankheit
Ebola
Ebola breitet sich in Westafrika aus. Auch Ärzte haben sich schon bei Patienten angesteckt. Ein Mediziner, der möglicherweise in Hamburg hätte behandelt werden können, ist nun gestorben.
Fahnder setzen Belohnung nach Mord an Armani (8) aus
Mord
Nach dem Mord an Armani (8) haben die Staatsanwaltschaft und ein weiterer Geldgeber eine Belohnung von insgesamt 10.000 Euro ausgesetzt. Die Leiche des Jungen war vor einer Woche in Freiburg gefunden worden — einen Verdächtigen gibt es bislang nicht.
Senioren-Freizeitpark erntet Kritik - noch vor der Eröffnung
Seniorenfreizeit
Elvis-Imitator, Weltkriegs-Care-Pakete und eine nachgebaute Terracotta-Armee: Deutschlands erster Senioren-Freizeitpark eröffnet am Sonntag. Statt mit wilden Fahrgeschäften lockt der Park mit kulturellen Attraktionen. Wissenschaftler kritisieren das Konzept.
Esoterik-Anhänger aus ganz Deutschland pilgern zu Kornkreis
Kornkreis
Tausende Esoterik-Anhänger sind in der letzten Woche zu einem Kornkreis in Bayern gepilgert. Waren es Außerirdische, die uns eine Botschaft hinterlassen haben, oder gibt es eine natürliche Erklärung? Einige Besucher sind sicher: Aliens wollten den Erdenbürgern ihre Liebe zeigen.
Nature One 2014 - Tickets für das Festival sind ausverkauft
Nature One
Mit 72.000 Besuchern wird das Elektro-Festival Nature One erstmals ausverkauft sein. Zum Line up gehören Star-DJs wie Axwell, Carl Cox, ATB, Paul van Dyk und Robin Schulz. Im Netz wird ein Livestream von dem zweitägigen Open-Air-Festival angeboten. Festival Nature One feiert 20-jähriges Jubiläum.
Umfrage
Bei Paketdiensten herrschen vielfach üble Arbeitsbedingungen für Beschäftigte. Das haben Kontrollen von Behörden ergeben. Welche Reaktionen erwarten Sie?

Bei Paketdiensten herrschen vielfach üble Arbeitsbedingungen für Beschäftigte. Das haben Kontrollen von Behörden ergeben. Welche Reaktionen erwarten Sie?