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Debütroman

Zwischen Geigen und Ganoven

20.04.2009 | 19:12 Uhr

Essen. Frédéric Chaudière folgt in seinem Erstlingswerk der abenteuerlichen „Geschichte einer Stradivari” durch drei Jahrhunderte.

Eine herrliche Geige ist ein lebendiges Wesen, ihr Holz speichert die Geschichte, die Seele ihrer verschiedenen Besitzer," sagte einmal Starviolinist und Stradivari-Besitzer Yehudi Menuhin.

Sollte er damit recht haben, so müsste die „Gibson"-Stradivari, die im Mittelpunkt von Frédéric Chaudières Debüt-Roman steht, einiges auf dem Kerbholz haben. Denn die kostbare Violine, die Antonio Stradivari 1713 für den spanischen König Philipp V. baute, die dieser aber für „troppo rosso", für zu rot lackiert befand, wechselte über Generationen und Jahrhunderte hinweg wieder und wieder ihren Besitzer - und geriet dabei nicht nur an Musikliebhaber und Geigenvirtuosen.

Kunstbanausen und geldgierige Händler

Auf ihrer abenteuerlichen Reise durch das Alte Europa und das moderne Amerika landete sie in den Schränken und Truhen so manches Kunstbanausen und den Händen geldgieriger Händler, um schließlich von einem drogenabhängigen Sexualverbrecher aus der Garderobe der Carnegie Hall gestohlen zu werden. Und damit ist die „Geschichte einer Stradivari" noch längst nicht zu Ende…

Chaudière arbeitet seit über 20 Jahren selbst als erfolgreicher Geigenbauer in Montpellier. Und jetzt beweist er auch großes erzählerisches Geschick. Anhand der roten Geige, die sich als Faden durch die Generationen zieht, zeichnet er ein Panorama der Weltgeschichte der vergangenen drei Jahrhunderte.

Er spannt den Bogen von der Cremoneser Blütezeit des Geigenbaus über den Niedergang des italienischen Adels, Napoleon und die Französische Revolution, den Krimkrieg und die Weltkriege, über US-Rassismus und Woodstock bis in die heutige Zeit. Er folgt der Violine vom Schlagen ihres Holzes im Gebirge nach Venedig, Madrid, London, bis in die Carnegie Hall und die schäbigsten Jazz Clubs von New Orleans. Fesselnd erweitert er die spärlichen Fakten über die zahlreichen Besitzer einer der wertvollsten Geigen der Welt durch deren fiktive Lebensläufe, die durch das Instrument schicksalhaft verändert und miteinander verflochten werden.

En passant und unaufdringlich

Nur die seltenen Versuche, Motive und Verhalten nach Freudscher Manier tiefenpsychologisch zu durchleuchten, wirken dabei konstruiert. En passant und unaufdringlich vermittelt der Fachmann dagegen sein Wissen über Geigenbau- und -spielkunst und die Geschichte des Instrumentenhandels. Vor allem aber erzählt er wohltuend knapp und kühl, mit unangestrengter Präzision und Spannung, Geschichten voll von menschlicher Habgier und Obsession, von Liebe und Leidenschaft zur Musik. (NRZ)

Frédéric Chaudière: Geschichte einer Stradivari, aus dem Französischen von Sonja Finck. Verlag Karl Wagenbach, 141 S., geb., 15,90€

Verena Burkart

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