Zu viel Philharmonie
23.09.2008 | 19:32 Uhr 2008-09-23T19:32:00+0200Essen. Der Konzerthaus-Wahn im Revier fordert seine Opfer. Ein Kommentar zur Entlassung von Philharmonie-Intendant Michael Kaufmann.
Der Essener Philharmonie-Intendant Michael Kaufmann ist, abgesehen von einem eher monarchischen Umgang mit dem Haushalt, nicht zuletzt über Politiker gestolpert, die ihm das Gefühl gaben, alles richtig zu machen, obwohl ein Blick in die Bilanzen sie eines Besseren hätte belehren können - noch bevor sie seinen Vertrag ohne Not frühzeitig um fünf Jahre verlängerten.Kaufmann hat das Haus zu gesellschaftlichem Glanz und zu einer musikalischen Spitzenposition geführt, auch mit Hilfe eines nicht zu kleinlich bemessenen Etats. Die Philharmonie war nach der sündhaft teuren Saalbau-Renovierung ja zum Erfolg verdammt. Dass der sich musikalisch, nicht aber in klingender Münze einstellte, war jedoch nur zu absehbar. Schon der Gründungsintendant des Konzerthauses in Dortmund musste 2004 nach zwei Jahren den Hut nehmen, weil die Zahlen nicht stimmten. Das muntere Intendanten-Stürzen ist eine Folge des Philharmonien-Wahns in der Region. Von Duisburg bis Dortmund gibt es auf 60 Kilometer drei - und Bochum baut gerade an der vierten. Die Konkurrenz durch die ebenfalls frisch aufgemotzte Tonhalle in Düsseldorf kommt noch hinzu: Wer in dieser Situation nicht ordentlich Geld für Stars wie Kurt Masur oder Anne-Sophie Mutter in die Hand nimmt, hat schon von vornherein verloren.
So graben sich nun lauter städtische Konzerthäuser, bestenfalls halb gefüllt und notorisch defizitär, gegenseitig Publikum und Einnahmen ab. Die strahlende Ruhrphilharmonie von Weltrang, auf die man sich Ende der 90er Jahren noch hätte verständigen müssen, blieb stets ein Luftschloss. Umso mehr sind die Misstöne aus den Konzerthäusern ein Debakel für die regionale Kulturpolitik. Die besteht offenbar nur im gemeinsamen Fördertopfschlagen wie bei der Kulturhauptstadt 2010.
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Die Führungsleute großer und größerer, weitgehend öffentlich finanzierter Kultureinrichtungen sollten die überzogenen Forderungen sogenannter Spitzenmusiker boykottieren und diese nicht mehr in ihren Säälen auftreten lassen. Wer will Kurt Masur und Anne-Sophie Mutter denn sehen und hören? Auf jeden Fall nicht das regionale Publikum, auf dessen Wünsche, Erwartungshaltungen und Vorkenntnisse viel zu wenig eingegangen wird. Das rächt sich, denn es weiss nur zu genau, welche Eitelkeiten mit diesen Unarten befriedigt werden. Dieser Art der Selbstinszenierung möchte es nicht ausgeliefert sein und quittiert das mit seinem Wegbleiben. Ein Problem der Kommunikation mit seinen Kunden vor Ort, die sich dann als treu und zuverlässig erweisen,werden, wenn man sich gerade um sie besonders intensiv kümmert.