Zu Lasten des Steuerzahlers
23.08.2009 | 18:51 Uhr 2009-08-23T18:51:00+0200
50 Millionen Euro kostete die Sanierung des MHD-Geländes in Duisburg. Nun ist Anklage gegen Ex-Manager erhoben worden
Duisburg. Es war einer der größten Umweltskandale in Nordrhein-Westfalen, als vor vier Jahren die Metallhütte Duisburg (MHD) im Stadtteil Wanheim, eine Zinkhütte mit zuletzt noch 300 Beschäftigten, wirtschaftlich zusammenbrach. Ihre schmutzigen und giftigen Hinterlassenschaften mussten von der öffentlichen Hand beseitigt werden. Die Justiz ist mit der Aufarbeitung des Skandals weit fortgeschritten. Wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs hat die Staatsanwaltschaft Düsseldorf jetzt gegen fünf frühere leitende Mitarbeiter des Unternehmens Anklage vor dem Landgericht Duisburg erhoben. Mit der Eröffnung der Hauptverhandlung wird Anfang kommenden Jahres gerechnet. Und auch die Ermittlungen der Duisburger Staatsanwaltschaft in Sachen Umweltkriminalität stehen vor dem Abschluss.
Gelände bis zu acht Meter tief ausgebaggert
„Die Sanierung des ehemaligen MHD-Geländes hat rund 50 Mio Euro gekostet”, bilanziert Duisburgs Stadtdirektor Dr. Peter Greulich. Jahrelang habe MHD Umweltauflagen der Behörden nicht erfüllt. „Geradestehen muss nun der Steuerzahler”, so Greulich. Über 1000 Fässer mit hoch dioxinhaltiger Aktivkohle hatten entsorgt werden müssen, ferner 10 000 Tonnen konzentrierter Schwefelsäure in maroden Tanks sowie rund 23 000 Tonnen hoch schwermetallhaltiger Schüttgüter auf offen Halden. Bis zu acht Meter tief hatte das 14 Hektar große Werksgelände ausgebaggert werden müssen, weil Giftstoffe das Grundwasser belasteten. Seit Jahren hatte es starke Staubverwehungen in die Umgebung gegeben, waren Schwermetalle mit dem Regen fortgeschwemmt worden.
Rückblick: Die Duisburger Zinkhütte der Berzelius-Metallhütten-AG. so der frühere name, war einmal ein stolzer Betrieb.
Als die Hütte im Mai 1955 ihr 50-jähriges Bestehen feierte, stand in höchstem Ansehen. 1500 Beschäftigte produzierten damals unter anderem 32 000 Tonnen Rohzink und 13 000 Tonnen Feinzink. Letzteres war die Hälfte der westdeutschen Produktion.
Die Lokalpolitiker hatten lange die Augen vor den Umweltproblemen der 1905 gegründeten Hütte verschlossen, wollten um jeden Preis die 300 Arbeitsplätze dort erhalten. Dabei waren die Umweltfolgen unübersehbar: 2002 war unweit der Hütte im Staubniederschlag am Boden ein Bleigehalt von 3834 Millionstel Gramm pro Quadratmeter gemessen worden – das 38fache des da zulässigen Grenzwertes von 100 Millionstel Gramm. Der Cadmiumniederschlag lag 2003 bei 59,3 Millionstel Gramm. Zulässig gewesen wären zwei Millionstel Gramm. Blei ist ein Nervengift, das besonders für Kinder und Schwangere gefährlich ist. Cadmium wird für Knochenabbau und Nierenschäden verantwortlich gemacht.
Sechs Jahre, bis zur Pleite 2005, hatte MHD mit Erfolg kostspielige behördliche Auflagen zur Verringerung der Schwermetallbelastung auf dem Rechtsweg hinauszögern können. „Wir ermitteln wegen nicht sachgemäßer Lagerung von giftigen Stoffen auf dem Betriebsgelände in größerem Umfang und Umweltgefährdung dadurch”, erklärte jetzt der Duisburger Staatsanwalt Detlef Nowotosch. Allerdings soll das Verfahren gegen die beschuldigten Abteilungs- und Betriebsleiter gegen Zahlung von Geldbußen eingestellt werden. „Sie waren weisungsgebunden”, so Nowotsch.
Früherer Eigner kaufte sich mit Millionen frei
Anklage strebt seine Behörde stattdessen gegen die verantwortlichen Manager von MHD an. Drei frühere Geschäftsführer, der letzte Aufsichtsratsvorsitzende und der Ex-Finanzchef von MHD werden zudem von der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wirtschaftskrimineller Taten beschuldigt. Ihnen wird vorgeworfen, bei der Commerzbank wenige Monate vor der Pleite mit falschen Angaben noch einen Zehn-Mio-Euro-Kredit erschlichen zu haben. Ferner sollen seit Eintreten der Zahlungsunfähigkeit zur Jahreswende 2004/05 insgesamt noch Bestellungen für rund acht Mio Euro aufgegeben und nicht bezahlt worden sein.
Die wirtschaftlichen Glanzzeiten der 1905 gegründeten Hütte lagen da schon lange zurück. Mit dem damaligen Mutterkonzern, der Frankfurter Metallgesellschaft (MG), war auch ihre Duisburger Tochter Anfang der 1990er Jahre ins Trudeln gekommen. 1995 übernahm der australische Rohstoffkonzern M.I.M. das Wanheimer Unternehmen, unterließ aber notwendigen Sanierungen. Ende 2002 wurde der marode Betrieb gegen eine Mitgift von 35,5 Mio Euro an die Schweizer Sudamin-Gruppe abgegeben. Heute ist klar: Eine ordnungsgemäße Abwicklung der Hütte wäre erheblich teurer geworden.
Ständige Wechsel in der Geschäftsführung
Wenige Monate später ging sie an die Alster Investments auf den Bermudas über. Die Beteiligungsverhältnisse blieben auch für den späteren Insolvenzverwalter Dirk Hammes undurchsichtig. Er sprach von einer Briefkastenfirma in Essen, einer Geschäftsführerin auf Zypern und vom Investor auf den Bermudas. Jedenfalls wechselten die Geschäftsführer vor Ort fast jährlich.
„Spätestens im Oktober 2004 war die Hütte zahlungsunfähig”, ist der Düsseldorfer Staatsanwalt Peter Schwarzwald überzeugt. Der Betrieb lief aber noch ein halbes Jahr weiter. Die Mitgift, so Schwarzwald, „ist im laufenden Betrieb verschlungen worden”.
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