Zivilcourage bleibt unverzichtbar
14.09.2009 | 18:52 Uhr 2009-09-14T18:52:00+0200
Essen/München. Nach der grausamen Prügeltat von München läuft die Diskussion um Ursachen und Gegenmittel. Die Tat sei „ein seltener Fall”, heißt es aus dem Landeskriminalamt. Erika Kuhlmann aus Essen, die selbst vor einem Jahr Zivilcourage bewiesen hat, klagt über das Wegsehen.
Ein ängstlicher Mensch war sie noch nie. Gerade nicht, wenn's drauf ankam: Vor einem Jahr sprang Erika Kuhlmann bei einer Messerstecherei in Essen dazwischen – „ohne zu zögern, ohne darüber nachzudenken”, sagt die 72-Jährige. Sie rettete dem Opfer, das schon mehrere Stichwunden erlitten hatte und zu Boden gegangen war, das Leben. Den 43 Jahre alten Täter hielt die Rentnerin erst fest und redete dann beruhigend auf ihn ein. „Die anderen Leute haben alle nichts getan, da musste ich doch helfen!” Vom NRW-Innenministerium gab's dafür den „Preis für Zivilcourage”: Blumenstrauß, Urkunde und Uhr. Viel wertvoller ist für sie, was das Opfer (39) zu ihr sagte: „Ohne Sie würde ich nicht mehr leben.”
„Schweinerei, wenn Leute nichts tun”
Was Erika Kuhlmann nun über das Schicksal eines Retters in München lesen musste, lässt die Rentnerin an den Menschen zweifeln. Dominik Brunner bezahlte seinen mutigen Einsatz für vier 13- bis 15-Jährige mit dem Leben, wurde von zwei jungen Männern mit 22 Tritten und Schlägen getötet. „Das ist schrecklich!” Erika Kuhlmann schüttelt den Kopf – über Täter, die „immer brutaler” werden, aber besonders über Menschen, die gaffen statt helfen. „Ich finde es eine Schweinerei, wenn die Leute nichts tun. Ich hab' das ganz alleine machen müssen.” Auch in der Münchener S-Bahn, als die Kinder von den beiden späteren Totschlägern belästigt wurden, mischte sich der Münchner Geschäftsmann Brunner unter mehreren Fahrgästen ganz allein ein.
Die Politik reagiert – auch mit dem Ruf nach mehr Sicherheitspersonal und Videokameras. „Es ist unverkennbar, dass sich Übergriffe im öffentlichen Nahverkehr häufen”, sagte Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU). Sowohl der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) als auch die Deutsche Bahn wollen das nicht bestätigen. „Wir rüsten gerade unsere S-Bahn-Flotte auf Kameraüberwachung um”, sagt NRW-Bahnsprecher Gerd Felser. Bis 2012 sollen alle 116 S-Bahnen im VRR-Gebiet mit Kameras ausgestattet sein, derzeit seien 41 modernisierte Züge unterwegs.
Für Zeugen von Gewalttaten hat die Polizei sechs wichtige Verhaltenstipps zusammengestellt:
1. Helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Wer verletzt werden könnte, sollte nicht körperlich eingreifen.
2. Andere aktiv und direkt zur Mithilfe auffordern. Sie sollte man direkt ansprechen (Du da – mit der blauen Mütze – hilf mir!).
3. Genau beobachten und sich die Täter einprägen.
4. Den Notruf 110 wählen oder den Fahrer per Notknopf informieren.
5. Sich um die Opfer kümmern.
6. Warten bis die Polizei eintrifft und sich als Zeuge zur Verfügung stellen.
Ab 19 Uhr ist verstärkt Sicherheitspersonal unterwegs, sagt VRR-Sprecherin Sabine Tkatzik. „Zuerst soll dies das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste steigern. Und wenigstens einige Täter lassen sich damit abschrecken.”
Mäßigende Töne schlägt Frank Scheulen vom Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf an. „München war ein ganz tragischer und bedauerlicher Fall”, sagt er. „Aber so etwas bleibt sehr selten.” Auf gar keinen Fall solle man nun aus Angst Hilfe unterlassen. „Das Signal heute muss sein, auch weiter Zivilcourage zu zeigen”, mahnt Scheulen.
In den allermeisten Fälle laufe es glimpflich ab, wenn sich die Helfer an einige Regeln hielten (siehe Kasten). „Man muss vor allem darauf achten, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.” Körperlichen Einsatz solle man sich gründlich überlegen. „Man muss sich im Klaren sein, dass es eine Gewalteskalation geben kann, die man nicht mehr beherrschen kann.” Besonders, wenn Alkohol im Spiel ist. „Wir haben festgestellt, das die Delikte mit alkoholisierten Tätern in NRW stark zugenommen haben”, sagt der LKA-Sprecher. „Bei unter 21-Jährigen um 16 Prozent.”
Auch die beiden 17 und 18 Jahre alten Täter von München sollen Drogen- und Alkoholprobleme gehabt haben und waren wegen ihrer kriminellen Karrieren polizeibekannt. Nach Ansicht der Opferschutzorganisation „Weißer Ring” ist ihre Tat ein „Fanal”, zeige sie doch die neue Qualität an Gewalt, so Sprecher Veit Schiemann in Mainz: „Es heißt immer, die Jugendkriminalität geht zurück. Aber in der Qualität haben die Gewalttaten längst eine neue Dimension erreicht – härter, fester, und wenn das Opfer am Boden liegt, geht es gerade erst richtig los.”
Beobachtungen bei Hooligans
Untersuchungen im Milieu der Fußball-Hooligans hätten diese Entwicklung gezeigt. Im Übrigen habe ein dritter, an der späteren Bluttat nicht mehr beteiligter 17-Jähriger kurz nach der Tat haßerfüllte Aufrufe ins Internet gestellt, Motto: „Befreit meine Kumpels”. Schiemann: „Von Betroffenheit kann da keine Rede sein.” Er sehe nur einen einzigen „Fallschirm”, Gewalteskalation zu stoppen: „Konsequenz in Erziehung, in Prävention und der Anwendung juristischer Mittel.” Alle seien gefordert, Eltern, Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, Richter – und couragierte Eingreifer.
Aber auch die Hilfe hat ihren Preis. Die Essenerin Erika Kuhlmann jedenfalls kann den Vorfall in ihrem Stadtteil nicht hinter sich lassen. „Immer wenn ich hier durch die Straßen gehe, denke ich daran. Abends geh' ich gar nicht mehr raus.” Dennoch: „Ich würde wieder helfen. Ich bin nicht der Typ, der wegguckt.”
20:00
Fasst ein mutiger Zivilcouragist den Schläger an,und gebietet ihm aufzuhören,wird der Schläger den Mutigen wegen Körperverletzung verklagen,und der wird in Zukunft vorbestraft sein.
Beispiele gibt`s genug.
Noch Fragen???
20:40
Zivilcourage?
Ich hab übrigens eine Bestätigung eines Rechtsverdrehers: Hilft ein mutiger Mensch einem Opfer und dieser Mensch verletzt den Täter muß er Nothilfe beweisen! Sonst droht ihm eine Geldstrafe und Schmerzensgeld unter bestimmten Umständen sogar eine Gefängnisstrafe.
Tolle Rechtsprechung!
15:58
Schön,wenn Politiker aus ihren Dienstwagen heraus dem Volk zurufen,es möge doch bitte
Zivilcourage zeigen.(an der Spitze unser Prä-
sident)
Eine Gesellschaft,die sich nicht sonderlich
für ihre Kinder interessiert(es sei denn,sie
leisten etwas sportliches)sollte zumindest
soviel Kohle aufbringen,um den Rest der
Gesellschaft zu schützen.
Das Rufen einiger besonders fähiger Politiker nach strengeren Strafen mag ich nicht mehr hören.
13:26
Da begehen in München Monster in Menschengestalt einen bestialischen Mord, und dem nordrhein-westfälischen Innenminister fällt laut NRZ-Interview nichts Besseres ein, als die geltenden Gesetze für ausreichend zu halten, nur müsse das Strafmaß ausgeschöpft werden.
Auf der gleichen Seite berichtet die NRZ über zwei (volljährige!) Gewalttäter, die in Bochum vor Gericht standen, weil sie - so das Urteil - „auf übelste Weise“ einen Menschen zusammengeschlagen und selbst dann noch auf ihn eingetreten hatten, als er wehrlos am Boden lag. Der eine Täter bekommt ganze vier Wochen Arrest, der andere (vorbestrafte!) eine Bewährungsstrafe und 160 Sozialstunden.
Glauben die Gerichte wirklich, dass sie von diesen Kriminellen auch nur ansatzweise ernst genommen werden, solange sie „im Namen des Volkes“ derartige Milde an den Tag legen? Und glaubt Innenminister Wolf tatsächlich, dass die zu Recht auf ihre Unabhängigkeit pochenden Gerichte sich von seinem Appell beeindrucken lassen?
Wenn die Politik sicherstellen will, dass brutale Schläger „nicht mit Milde rechnen“ dürfen (O-Ton Wolf), gibt es nur einen Weg. Und der besteht in einer drastischen Erhöhung der MINDESTSTRAFE, die kein Richter unterschreiten darf!