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"Winken, Lachen, Hupen..."

20.05.2009 | 18:08 Uhr

Friedhelm Zingler, Fotograf der NRZ, erinnert sich an den Tag, an dem die Mauer fiel.

Der 9. November 1989 war ein besonderer Tag. Unser Reportageteam Alexander (Text) und Friedhelm (ich - und Foto) hatten einen Auslandstermin zu machen. Wir sollten mit einem LKW über den Brenner nach Italien fahren und über die Schadstoffbelastung auf diesem stark befahrenen Autobahnabschnitt berichten.

Unser Gefühl an diesem Tag war nicht besonders gut, denn in den Nachrichten wurde über eine Grenzöffnung in Berlin spekuliert. Für den Tag wurde eine Erklärung der DDR-Führung erwartet. Die Lage in der DDR hatte sich durch Prager Botschaftsflüchtlinge und die Montagsdemos, die von Leipzig aus die ganze Republik erfasst hatten, dramatisch zugespitzt. Immerhin gab es noch die zwei Militärblöcke, den eisernen Vorhang und die NVA nebst Stasi-Geheimdienst. Und trotzdem fuhren wir mit einem Brummi auf Reportagetour.

Ein zweiter Reporter stand auf Abruf und wartete auf Nachrichten aus Berlin. Wir - das "Team Brenner" – saßen also mit dem Fernfahrer im engen Führerhaus des Scania LKW´s und fuhren durch den trüben regnerischen grauen Novembernachmittag Richtung Bayern, dem Fernpass und der österreichischen Grenze entgegen.

Obwohl ohne Handy, war es auch 1989 schon möglich mit der Heimatredaktion in Verbindung zu treten. Für nur 30 Pfennig von einem öffentlichen grauen Telefon aus erfuhren wir von Günter Schabowskis Auftritt vor der Presse. Die Grenze in Berlin sollte am Abend noch geöffnet werden. Unser Kollege Jörg war schon unterwegs nach Berlin, mehr wisse man aber auch nicht.

Der Lkw-Krieg am Brenner muss warten

Um Mitternacht machte unser Fernfahrer seine gesetzlich verordnete Ruhepause. Wir legten uns auch in unsere Sitze und ruhten. Geweckt wurden wir durch die Nachrichten am Morgen. Der Brummifahrer hatte schon vor einiger Zeit wieder ins Lenkrad gegriffen, denn wir krochen schon den Brenner hoch. Die Nachrichten kamen vom Österreichischen Rundfunk. Ein Sprecher sagte: „Seit gestern am späten Abend ist in Berlin die Grenze an den verschiedenen Übergängen für Bürger der DDR geöffnet. Seit den frühen Morgenstunden strömen Hunderttausende in den Westteil der Stadt." West- und Ostberliner feierten auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Scheinbar war die ganze Sache in der Nacht ohne Militär und Grenztruppen über die Bühne gegangen.

In diesem Moment war uns Reportern klar: Der „LKW-Krieg am Brenner" muss warten." „Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin!" Zwei Stunden später saßen wir in einem kleinen roten Leihwagen mit Innsbrucker Kennzeichen und fuhren wie die Feuerwehr Richtung Osten. München, Nürnberg, Bayreuth, Hof. Immer mehr Stinkende Trabbis und Wartburgs konnte ich schon im Vorbeifahren auf der Autobahn fotografieren. Scheinbar waren alle Ostdeutschen auf unseren Straßen unterwegs. Winken, Lachen, Hupen, sonst nur von deutschen Fußballfesten bekannt, hier war der Grund aber ein anderer, ein wichtigerer, wie man spürte.

Wir haben rübergemacht

Am geöffneten Grenzzaun in Hof begrüßten die Bayern jubelnd die vielen Menschen in ihren alten stinkenden Kisten. Wie in Trance gingen wir durch den Zaun, selbst ein Bundesgrenzschützer konnte uns nicht stoppen. Dort wo die vielen Trabbis fuhren sollte es wohl sicher sein. Keine Selbstschussanlagen oder Minen. Wir haben einfach „rübergemacht”, dachten wir. 200 Meter nach dem Grenzzaun versperrte uns dann aber doch ein alter Küchentisch mit Wachstuchdecke den Weg. Grenztruppen der DDR hatten schnell eine Kontrollstelle errichtet und stempelten unaufhörlich Ausreisestempel in die Reisedokumente ihrer Bürger. Ordnung musste eben auch an solch einem Tag sein.

Die Staatsdiener guckten ziemlich dumm aus der Uniform, als wir um Einreise baten. Schnell wurde übers Feldtelefon ein höherer Uniformträger herbeigeholt, der uns bestimmend und in bester deutscher Amtssprache aufforderte: „Bitte verlassen Sie sofort das Gebiet der DDR". Stunden vorher hätte diese „Grenzverletzung" sicher noch zu politischen Komplikationen geführt. Zurück im Westen wurden wir fälschlicherweise als DDR-Bürger bejubelt, bis unser West-Grenzbeamter Jubelwessies über unsere Identität aufklärte.

Zurück auf der A9 Richtung Berlin, kamen wir an die Ausfahrt Plauen. Für uns ohne Durchfahrtserlaubnis absolutes Sperrgebiet. Wir wollten aber einfach mit normalen Menschen über ihr Glück reden. An einer der wenigen Ampeln der Stadt wurde unser Auto von einem älteren Mann bestürmt. Er hielt uns wohl für Österreicher wegen unseres Nummernschildes. Mit vor Glück bebender Stimme sagte er: „Aus Innsbruck..? Ach ja, da war ich im Krieg auch schon. Da fahre ich demnächst noch mal hin!”

Wie viele Stunden hatte dieser Tag eigentlich? Der erste nach 40 Jahren Zweistaatlichkeit. Er hörte gar nicht auf. Wir fuhren weiter nach Berlin. Direkt vor dem Brandenburger Tor feierten die Menschen immer noch auf der Mauer. Über 20 Stunden waren sie nun schon frei und die Sektkorken knallten immer noch. Die ersten „Mauerspechte" hämmerten durch die Nacht. Hammer und Meißel waren endlich nützlich geworden. Die „Festung" Potsdamer Platz wurde mit NVA-Baggern traktiert, um den vielen Autos einen Weg in den Westen zu bahnen.

Die Nacht fand einfach nicht statt. In unserem Hotel am Ku-Damm baute ich schnell im Badezimmer mein Foto-Reiselabor auf und entwickelte die Bilder. Reporter Alexander tippte sich die Finger wund. Dann ging es in das Büro der Presse-Agentur AP am Kranzlereck. Von dort konnte ich meine Fotos nach Essen übertragen.

Nach 55 Stunden war unser Österreich-Italien-Österreich-DDR-Trip zu Ende, und wir waren wieder in unserer Redaktion in Essen. Wir begleiteten noch bis zur Wiedervereinigung den Weg des Zusammenwachsens der Deutschen, waren immer wieder zwischen Ost und West unterwegs. Viele freundschaftliche Begegnungen blieben aus dieser Zeit im Gedächtnis. Und noch mehr Fotos in unserem Archiv.

"Winken, Lachen, Hupen..."

Friedhelm Zingler


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