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Wenn die Sehnsucht Segel setzt

11.08.2009 | 18:06 Uhr

Urlaubsreporter unterwegs, Teil VIII: Familie aus Dinslaken meistert gemeinsam auch achterlichen Wind

Hörnum. Dies ist die Urlaubsgeschichte eines Skippers, dem immer wieder die Admiralität ins Ruder greift. Wer zum Segelhafen will, muss erst mal an Willi vorbei. Willi ist eigentlich eine Kegelrobbe, Kugelrobbe trifft es aber besser. Kaum steht der Tourist am Kai, steckt Willi den Kopf durchs Wasser und fragt mit großen Kulleraugen: „Haste mal nen Hering”. Die gibt's beim smarten Fischhändler nebenan für einen Euro. So schmeckt der Norden. Wir sind in Hörnum; dort, wo Sylt noch Nordsee ist.

Der dicke Seeräuber Robby Wood

 Wir lassen den dicken Seeräuber Robby Wood hinter uns, halten seemännisch die Hände über die Augen, um den Hafen nach dem Leser-Boot abzusuchen. Da ist es: die „Galadriel”, eine kleine Yacht für fünf Personen. Wir bitten, an Bord kommen zu dürfen, und Skipper Michael Eul-Nieleck (48) hilft uns auch beim Namen „Galadriel” an Deck. Richtig, das war ja dieser Rauschgoldengel vom Herrn der Ringe, auch in Elbenschrift prangt der Name am Boot. Fehlt nur noch eine Galionsfigur, die wie Kate Blanchett aussieht.

  Der Kapitän stellt die Besatzung vor: Miriam (13) und Jolin (10), beide durchaus schon mit Segelerfahrung, hier an Bord aber für niedere Dienste zuständig, Deck schrubben, Kajüte aufräumen, Käptn ein Bier hochreichen. Jasmin (17) ist schon Maat, sie hat sich beim Törn von Holland über Helgoland nach Sylt mit den Eltern auch nachts abwechselnd als tüchtige Wachhabende bewährt. Alle Achtung.

 Zum Boot: Die „Galadriel” hat ein paar Jahre auf den Planken, genau 31, sie ist eine Maxi 77, also 7,70 Meter lang, 2,50 Meter breit und nur 1,25 tief. Wobei das eine Sonderanfertigung ist, nicht verkehrt beim Segeln in küstennahen Gewässern. Unter Deck ist es eng und gemütlich, jedes Eckchen wird genutzt, eine Yacht für fünf Personen, aber nur für fünf Personen, die miteinander können. Sonst drohen Meuterei und Ehestreit.

Schöne Buchten und kleine Fluchten

 Die Familie aus Dinslaken ist allerdings schon lange segelbegeistert, alle lieben den Geruch von Meer in der Nase. Bei Michael begann es , als er vor vielen Jahren nach dem Studium arbeitslos war und in der Not als Taxifahrer anheuerte. „Ich arbeitete von sechs Uhr abends bis sechs Uhr früh. Da bekommt man einen an der Birne. Also entschloss ich mich mit einem Kumpel eines Nachts, einfach nach St. Tropez zu fahren.” Dort sieht er die großen Schiffe und die schönen Boote liegen, und die Sehnsucht setzte Segel. „Ich habe dann in Kamp-Lintfort den ersten Schein gemacht.”

 Immer wieder haben sie im Urlaub die Leinen gelöst. Auf zu schönen Buchten und kleinen Fluchten. Küstauf, küstab. Meist ist auch der Admiral an Deck. So nennt Michael (nur im Urlaub) seine Frau Korinna (45), um die Machtverhältnisse an Bord klar zu stellen. Korinna lächelt das weg: „Bei mir ist das mit der Segelei eine Hassliebe. Das Problem ist, mir wird schlecht, ich leide verstärkt an der Seekrankheit.” Michael fügt erklärend hinzu. „Ausgerechnet auf dem Törn von Helgoland hatten wir dann auch noch die ganze Zeit achterlichen Wind. Das heißt, das Boot geigt...” Das wiederum heißt, auch weißbärtigen Seebären sagt da der Labskaus noch mal „moin.” Korinna hat's überstanden. Und einen Kompromiss erwirkt. Das Boot bleibt jetzt länger im Hafen. Die Familie geht gemeinsam an den Strand, in die Dünen, auf Entdeckung, abends sitzen sie relaxt auf oder unter Deck, spielen Knack 31, Romee oder Phase 10. Oder die Kinder phantasieren, wer wohl Felix und Hanna sind, deren Flaschenpost haben sie vor ein paar Tagen aus dem Meer gezogen. Sie wollen antworten. Das bleibt spannend. Es beginnt zu regnen. Zeit, von Bord zu gehen. Dieses Boot ist wirklich voll. Im Hafenbecken nebenan steckt Willi schon wieder den Kopf durchs Wasser und nuschelt: „Schietweder, oder?” Stimmt, einen Hering gibt es trotzdem nicht. Willi ist einfach zu dick.

Matthias Maruhn

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