Wackelig quer durch den Verkehr
23.09.2009 | 17:18 Uhr 2009-09-23T17:18:00+0200Kinder können immer öfter nicht Rad fahren, die Motorik ist zu schlecht. Verkehrserzieher an Rhein und Ruhr sind in Sorge
An Rhein und Ruhr. Wie heißt es doch so schön: „Das ist wie Radfahren, das verlernt man nicht!” Doch genau darin liegt für immer mehr Kinder das Problem. Wer etwas nicht verlernen will, der muss es erst einmal gekonnt haben. Doch Experten der Unfallforschung der Versicherer (UDV) haben jetzt festgestellt, dass viele Kinder gar nicht richtig Rad fahren können! Und das, obwohl insgesamt der Anteil der Radler laut einer neuen Studie des Bundesverkehrsministeriums am Verkehrsaufkommen leicht zugenommen hat und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in Nordrhein-Westfalen sogar von einem „Boom” in der Fahrradbranche spricht.
Auch die Fahrrad-Ausbilder an Rhein und Ruhr beobachten zunehmend mit Sorge, dass die Motorik- und Wahrnehmungsfertigkeiten bei Kindern im Vergleich zu früheren Jahren abnehmen. Deshalb sind auch die Radfahrfähigkeiten „schlechter geworden”, bestätigt Jörg Nitschke, als Verkehrssicherheitsberater der Kreispolizei Wesel für die Bereiche Schermbeck, Hünxe und Dinslaken zuständig. Laut Statistik seien zwar die meisten bei Unfällen beteiligten Kinder zwölf bis 14 Jahre alt, „doch dann ist es ja auch schon zu spät”. Lernen muss man den Umgang im und mit dem Straßenverkehr vorher.
So stellen etwa die acht Schritte des Linksabbiegens die kleinen Verkehrsteilnehmer zunehmend vor große Probleme. Dabei werde die Fahrradprüfung schon auf einer zuvor eingeübten Strecke durchgeführt, sagt Nitschke. Auch die Anzahl der erlaubten Fehler sei noch recht großzügig bemessen. Dennoch fielen immer wieder Kinder durch. „Das war vor ein paar Jahren noch nicht so”, so der Polizist, der den Job bereits seit neun Jahren macht.
Im Kreis Kleve drückt man sich etwas vorsichtiger aus. Auch dort habe man „eine Veränderung motorischer Fähigkeiten” bei den Kindern festgestellt, sagt Polizeisprecher Manfred Jakobi. Von Problemen oder gar hohen Durchfallquoten bei der Fahrradprüfung, die im Kreis Kleve einheitlich im vierten Schuljahr durchgeführt wird, sei aber nichts zu merken.
Der ADFC-Landesverband Nordrhein-Westfalen beobachtet derweil durchaus „vermehrt Tendenzen” in Richtung Raduntauglichkeit bei Kindern. Landesgeschäftsführer Ulrich Kalle spricht von einer „Rückbankgeneration” und meint damit, was auch die UDV und die Polizei vor Ort beobachtet haben: Kinder werden unter anderem häufig mit dem Auto durch die Gegend gefahren. „Unsere Kinder erkunden ihre Welt gar nicht mehr.” Da werde das Erlernen motorischer Fähigkeiten schwierig. Auf dem Rad und auch anderswo.
Der Fahrradfachmann ist allerdings weit davon entfernt, Kinder einfach so mit dem Zweirad losschicken zu wollen. „Unter elf Jahren sind Kinder nicht in der Lage, die komplexen Vorgänge im Straßenverkehr zu überblicken.” Dennoch: Wer vorher nicht (mit den Eltern) übt, wird dies auch mit fortschreitendem Alter nicht können. Ulrich rät zum elterlichen Engagement und zum Beispiel zu sogenannten Laufrädern schon für Kindergartenkinder. Die Umstellung auf ein „richtiges” Fahrrad erfolge dann fast automatisch, oft genug auf Wunsch der Kinder. Aber: „Bitte benutzen Sie keine Stützräder. Das sind Stürzräder”, so Kalle.
Einen anderen Weg beschreiten seit sechs Jahren die Verkehrssicherheitsberater der Polizei in Essen. Schon ab dem ersten Jahr werden hier Eltern intensiv angesprochen, die Schulen außerdem bei der motorischen Arbeit unterstützt. Das wirke sich beim Fahrradfahren aus, deswegen könne man die Studienergebnisse nicht bestätigen, sagt Werner Burdock, der Essener Schulen betreut. Aber auch er muss mit Blick auf das Land-Stadtgefälle der Studie zugeben: „Da wo besser geübt werden kann, sind die Ergebnisse entsprechend.”
Der ADFC hat Trick und Tipps für Eltern und ihre Kinder, die das Radfahren spielerisch üben möchten. Auch zum Nachlesen
Alle Experten sind sich einig: Der Fahrradunterricht an Schulen kann das Üben mit den Eltern nicht ersetzen. Wer mit seinem Kind üben möchte, für den hat der ADFC folgende Tipps und Übungen:
- Vor dem Ausflug in den Straßenverkehr auf Übungsplätzen starten.
- Das Auf- und Absteigen zwischen zwei Kreidelinien üben. So lernt das Kind, ohne Schlenker auf- und abzusteigen.
- Erst schnell und dann immer langsamer auf einer Linie entlang rollen oder einen Slalom-Parcours aufbauen. Beides übt das Beherrschen des Rads.
- Zum Üben des zielgenauen Bremsens sollte das Kind so schnell wie möglich auf eine Linie zufahren und so bremsen, dass die Linie nicht überquert wird.
- Um die Wahrnehmung zu trainieren, kann man das Kind auf das mittlere von drei nebeneinander stehenden Hindernissen zufahren lassen. Der Abstand sollte jeweils zwei Meter betragen. Erst kurz davor die Anweisung geben, ob das Kind links oder rechts, innerhalb oder außerhalb der Hindernisse entlangfahren soll.
- Eine weitere gute Übung: Auf einer vorgezeichneten Linie geradeaus fahren und dann auf Zuruf zurückschauen – für ein bis zwei Sekunden über die linke Schulter. Dabei sollte das Kind so wenig wie möglich von der Linie abweichen.
- Abstände richtig einzuschätzen lernt das Kind, indem es dicht an einem Seil auf Len-kerhöhe entlangradeln muss, das zwischen zwei Bäumen oder Pfählen gespannt ist. Es darf nicht berührt werden.
Diese und weitere Tipps finden Sie auch unter www.adfc.de/5282_1, Broschüre „Mobil mit Kind und Rad”
So sind vor allem die Eltern gefordert, ihre Kleinen in den Sattel zu hieven. Darin sind sich alle Fachleute einig. „Die Eltern müssen aktiver werden, sie haben eine Vorbildfunktion”, betont Manfred Jakobi von der Klever Polizei.
Auch der Weseler Rad-Ausbilder Jörg Nitschke hat bereits seine Konsequenzen gezogen. Er plant einfach noch mehr Zeit für seinen Fahrrad-Unterricht ein. Prinzipiell gilt sowieso: Auch nach einer bestandenen Fahrradprüfung – die meist als Lernstandsüberprüfung verstanden wird – muss fleißig weitergeübt werden.
13:27
Bestimmt hängt auch dieses Phänomen von vielen Faktoren ab. Da sind zum einen die Eltern, die beide arbeiten und nach Feierabend keine Lust verspüren, dem Nachwuchs die Motorik zu verfeinern. (Oder auch einfach keine Ahnung davon haben, dass das wichtig ist.) Das freie Wochenende soll auf keinen Fall damit verplempert werden, dem Filius das Fahrradfahren beizubringen. Es reicht, wenn man mit dem Hund immer raus muß. Ins Stadtbad mit dem Kind. Ach nee, lieber nicht, die Haare sind frisch gemacht. Und da ist Chlor im Wasser und alle machen Pipi ins Wasser. Ekelhaft.
Und der Bürgersteig vor dem Haus ist fürs Fahrradtraining zu schmal, die parkenden Autos könnten beschädigt werden und der Verkehr ist zu dicht und die Autos sind so schnell. Das ist gefährlich.
Fazit: Die meisten wissen immer ganz genau, wie es nicht geht.
Dass man das kleine Fahrrad, nur als Beispiel, einfach mal in den Kofferraum packt und mit dem Kind eine freie Fläche in der Stadt anfährt, wo es gefahrlos für sich und andere Personen und Sachen, in Ruhe das Fahrradfahren lernen kann, auf diese Idee kommen solche Eltern nicht. Möglicherweise ist das aber auch die zunehmende Gruppe von Eltern, die der festen Meinung sind: Das gehöre, wie das Schwimmen lehren und die Erziehung der Kinder, zu den Aufgaben der Schule !!
10:38
In der Tat, die Entscheidungen treffen die Eltern - im optimalen Fall nach bestem Wissen und Gewissen. Aber auch die Gesellschaft muss seine Rolle tragen, die Umgebung der Kinder so zu gestalten, das Kinder sich in ihr sicher, bedenkenlos bewegen und lernen können. Leider ist es oftmals anders (s. Kommentar frauhause). Bis die Politik erkennt und nicht durch Lobbyismus beeinflusst wird (Wirtschafts- und Verkehrsinteressen gehen vor menschlichen Bedürfnissen), werden sich die Umstände nicht ändern. Bis dahin werden die Eltern den schwarzen Peter behalten.
10:42
Damit schließt dann wieder der Kreis. Eltern bringt Eure Kinder in Bewegung! Immer wieder beklagen wir, dass die Kinder unbeweglich, übergewichtig und mediensüchtig sind. Im Artikel steht die Kinder erforschen ihr Umwelt nicht mehr. Und wen überrascht es, bei den Stadtkindern ist es am Schlimmsten. Denn hier gibt es einfach wenig Freiflächen auf denen Kind spielen und radfahren könnte und dann auch dürfte. Denn kaum haben sich mal mehr als zwei versammelt um gemeinsam zu spielen, geht schon das erste Fenster auf und ein Anwohner brüllt lautstark um Ruhe. Kinder sollen gefälligst in ihnen zugeteilten Reservaten, die möglichst schalldicht versiegelt sind, ihren Bewegungsdrang ausleben. Aber bitte nicht vor der Haustür! Am besten ab mit ihnen in die Sporthalle, den Indoorspielplatz oder die Soccerhalle. Ansonsten bitte die Kinder im Hause und vor allem geräuschlos halten. Frischluft kann ja in der Nacht während des Schlafens zugeführt werden. Ich fürchte die Gesellschaft wird sich entscheiden müssen: Kinderlärm ertragen und dafür gesunde Menschen heranwachsen sehen, oder eine Generation von übergewichtigen Bewegungslegasthenikern ertragen. Aber wie immer es auch ausgeht, die Eltern sind dann schon irgendwie schuld. Praktisch!
10:25
Wenn schon im ländlichen Bereich diese Tendenzen spürbar sind, wie sind sie erst in den Ballungsgebieten ausgeprägt, wo der Individualverkehr kaum Raum für Fahrräder übrig läßt? Gepaart mit der Gedankenlosigkeit und Egoismus einiger Autofahrer möchte man die KInder gar nicht in den Strassenverkehr schicken, wo überhöhte Geschwindigkeiten, zugeparkte Radwege etc. an der Tagesordnung sind.