So jung - und schon wahlmüde
24.08.2009 | 18:49 Uhr 2009-08-24T18:49:00+0200
940 000 Jugendliche dürfen erstmals abstimmen. Wie bekommt man sie und die anderen Jungwähler dazu, dass sie es auch tun?
An Rhein und Ruhr. Das Motto war eindeutig: „Rot-Grün muss weg”, forderte die Junge Union in Bochum auf dem Werbeplakat für ihre Wahlparty in einer Diskothek am vergangenen Wochenende – und lieferte direkt darunter einen Vorschlag zur Umsetzung: Erdbeer- und Waldmeisterschnäpse wurden zum Spezialpreis von zwei Euro pro Pinnchen offeriert. Dazu noch ein Pauschalangebot à la „15 Euro zahlen, für 40 Euro trinken” – fertig ist er, der perfekte Rahmen, um Jung- und Erstwähler für den Gang zur Urne zu begeistern. Oder nicht?
So groß die Aufregung und Empörung um die Wahlparty war – Suchtberater kritisierten, die Angebote kämen einer Einladung zum Komasaufen gleich, die Junge Union ruderte zurück und betonte, dass Alkoholkonsum nicht zu ihrer „politischen Kultur” gehöre – so spannend ist die Problematik, die dahinter steht: Wie nur motiviert man die Jüngsten, zur Wahl zu gehen?
Ältere Generation dominiert
„Es scheint paradox: je näher die Berührungspunkte von Politik bei den Wählerinnen und Wähler sein sollten, desto geringer wird deren Bedeutung eingeschätzt”, wunderte sich Nordrhein-Westfalens Jugendminister Armin Laschet.
Laut der gestern vorgestellten Wahlinteresse-Studie der Landeszentrale für politische Bildung halten 73% der Erst- und Jungwähler Bundestagswahlen für bedeutsam oder sehr bedeutsam, nur 47% billigen aber der Kommunalwahl eine solche Bedeutung zu (Europawahl: 51%).
Immerhin 62% der Erst- und Jungwähler glauben aber, dass das Amt des Bürgermeisters bedeutsam ist, die Arbeit des Gemeinderats halten 42% für wichtig (die komplette Studie unter www.mgffi.nrw.de). dum
Knapp 940 000 junge Leute dürfen zwischen Rhein und Weser am kommenden Sonntag erstmals ihre Stimme bei einer Kommunalwahl abgeben. Sie machen siebeneinhalb Prozent der Wahlberechtigten im Land aus, sind zwischen 16 und 20 Jahren alt – und nur schwer zu erreichen. „Die jüngeren Jahrgänge sind ausgesprochen wahlmüde”, erklärt Prof. Dr. Uwe Andersen, Politikwissenschaftler der Ruhr-Uni Bochum. „Der Glaube, dass das Wahlrecht auch eine Bürgerpflicht ist, ist bei den Älteren stärker verwurzelt – bei den Jüngsten dagegen fast gar nicht.”
Dies, so der Politologe, sei „bedauerlich – gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels”. Die ältere Generation dominiere ohnehin mehr und mehr das politische und gesellschaftliche Geschehen. „Umso wichtiger wäre es für die Jüngeren, ihre Interessen in der Politik wahrzunehmen.” Allein: Wie verklickert man das Teenagern, die eigentlich mit Schule, Freunden und Hobbys genug ausgelastet sind?
„Die Politik muss mit unheimlich vielen Freizeitangeboten konkurrieren”, erläutert Andersen. „Die Parteien versuchen ja, zielgruppenorientierten Wahlkampf zu machen.” Allein: „Das ist nicht einfach.” Wie schwierig es ist, Schüler für kommunale Mitbestimmung zu begeistern, zeigen zwei Beispiele aus der Region: Zum einen war da die Podiumsdiskussion in Rheinberg in der vergangenen Woche, organisiert von der Katholischen Studierenden Jugend (KJS). Von 1800 Erstwählern kreuzte dort ein mageres Dutzend auf. Ähnliches Spiel im Juli in Langenfeld: Dort lud die Stadt Erstwähler zur Info-Runde – und es kamen vier.
Disco-Angebote nicht verwerflich
Partyangebote in der Disco sind in Andersens Augen daher nicht per se verwerflich: „Das ist der Versuch, die Jugendlichen da abzuholen, wo sie ohnehin erreichbar sind.” Auch Wahlinfo-Aktionen im Freibad, wie sie Jugendverbände, Jugendamt und Bezirksschülervertretung in Dortmund im Juli anboten, seien Möglichkeiten, Hürden abzubauen. Nichtsdestotrotz betont Andersen: „Die Erstwählermotivation ist ein hartes Brot. Alle bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, dass die Jüngeren schwer zu erreichen sind.” Was wiederum im Extremfall zu einer Art Teufelskreis führen kann: Weil's sich eh nicht lohnt, bieten Parteien weniger Veranstaltungen für Jugendliche – was diese wiederum noch politikverdrossener werden lässt.
Ein weiteres Problem: Das steigende Durchschnittsalter der Parteien: „Die Jugendorganisationen haben immer weniger Mitglieder” – gerade die aber sind als Repräsentanten für die Erstwähler wichtig. Ebenfalls essenziell: „Nähe!”, sagt Politikprofessor Andersen. Wer Themen wie kommunale Freizeitangebote gekonnt anpacke, der habe eine Chance, Jugendliche für Politik zu interessieren. „Das ist der erste Schritt.”
Grundsätzlich am Wahlrecht ab 16 zweifeln will Andersen nicht. Sicherlich könne man darüber streiten, ob es sinnvoll ist, das Wahlrecht von der allgemeinen Mündigkeit mit 18 Jahren abzukoppeln, sagt er. Auf die Frage indes, ob Jugendliche mit 16 schon reif genug zum Urnengang sind, könne man keine abschließende Antwort geben – der eine sei's, der andere nicht. „Und das”, betont der Politikwissenschaftler, „gilt für alle anderen Altersgruppen auch.”

11:41
Man könnte schon manchmal zweifeln, wenn man sich am Bahnhof oder in der Fussgängerzone umschaut. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es bei den Jugendlichen durchaus eine größere Gruppe gibt, die Interessen jenseits von Disco, Komasaufen und Twitter besitzt. Aber Politik? Mein Vorschlag an die Journalistin: Gehen Sie mit diesen Kids mal die politischen Schlagzeilen einer einzigen Woche durch. Und dann, Frau Hubrich, versuchen sie mal einen einzigen guten Grund rüberzubringen, warum sich jemand für dieses doch so freiheitliche, demokratische uns ausgesprochen soziale Gemeinwesen politisch einsetzen soll. Würde mich brennend interessieren - ich schaffe das nämlich schon lange nicht mehr.