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Kriminalität

Sie werfen, was sie finden

14.04.2008 | 20:08 Uhr

Essen. Was tun gegen die mitunter tödlichen Attacken auf fahrende Autos? Experten meinen: Es helfen nur Panzerglas und Ordnung auf den Brücken. Denn die Tatwaffen liegen am Straßenrand.

Vor zwei Tagen hat ein von Jugendlichen geworfener Stein das Auto von Albert Kronenwetter auf der Bundesstraße 25 bei Nördlingen in Bayern nur um Haaresbreite verfehlt. Gestern war der 46-Jährige immer noch geschockt. „Zum Glück habe ich die Jugendlichen schon von weitem gesehen und bin deshalb nur 80 Stundenkilometer schnell gefahren”, hat Kronenwetter den Vorfall gestern der NRZ geschildert. Die Täter hätten unterhalb der Straße in einem Bachbett gestanden. „Ich war vorsichtig, da ich von dem tödlichen Wurf mit dem Holzklotz bei Oldenburg am Oster-Wochenende wusste. Weil ich langsam fuhr, konnte ich dem Stein in letzter Sekunde ausweichen.”

Albert und Susanne Kronenwetter konnten einem geworfenen Stein mit ihrem Auto ausweichen. (Foto: NRZ)

Nach dem Schreck musste Albert Kronenwetter mit einer Enttäuschung fertig werden. „Ich habe angehalten, bin zurückgelaufen und konnte die Steinewerfer mit Hilfe eines anderen Autofahrers fassen. Als ich die Jugendlichen zur Rede stellte, wurden die auch noch frech. Sie sagten, der Stein sei aus Versehen auf die Straße geflogen. Es sei ja schließlich nichts passiert. Da war überhaupt kein Schuldbewusstsein vorhanden.”

Täter handeln meist spontan

Die Erfahrung des Opfers Albert Kronenwetter deckt sich mit den Erkenntnissen von Kriminalpsychologen. Andreas Mokros von der Universität Regensburg: „Im Grunde erfolgen diese Taten spontan, meistens im Zusammenhang mit Alkohol.” Täter, die Gegenstände von Autobahnbrücken werfen, seien fast immer Jugendliche, häufig sogar in Gruppen. „Da kann es dann zu einer Art Mutprobe kommen.” Bei der Frage nach den Motiven von Steinewerfern tut sich auch der Kriminalpsychologe schwer. Die Jugendlichen suchten bei diesen Anschlägen einen Kick. „Es scheint ein Erlebnishunger zu sein, der die Täter antreibt”, vermutet Mokros. Es sei weniger die Suche nach Öffentlichkeit, wie sie oftmals Amokläufern zu eigen sei. „Steinewerfer haben keine Botschaft wie ein Amokläufer", erklärt der Kriminalpsychologe. Hier sei es eine Mischung aus Spontaneität und Enthemmung, die zu der Tat führe. Einen konkreten Tötungsvorsatz schließt Mokros für die meisten Fälle aus. Er sagt aber: „Jedem normal tickenden Teenager muss klar sein, dass ein geworfener Stein auf ein fahrendes Auto eine tödliche Gefahr darstellt.” 

Typisch für diese Taten (siehe auch Infobox): Steinewerfer handeln in der Regel schnell und betreiben keinen großen Aufwand. Das bestätigt auch die Polizei in anderen Bundesländern. „Meistens sind es Steine, die auf der Brücke gefunden und dann geworfen werden", sagt Polizeihauptkommissar Jürgen Schweizer von der Autobahn-Polizeistation Günzburg. Auch der tödliche Holzklotz-Wurf von der Autobahnbrücke der A 29 bei Oldenburg passt vermutlich zu diesem Täterprofil. Die Fahnder prüfen zur Zeit die Daten von rund 400 Personen. Die hohe Zahl zu vernehmender Zeugen erklärt sich durch mehrere Osterfeuer, die zur Tatzeit im Umkreis der Autobahnbrücke brannten. Noch unklar ist, ob die Polizei auf dem Holzklotz gefundene DNA-Spuren einem Täter wird zuordnen können.

Nur Panzerglas hilft wirklich

Info
WAS TÄGLICH VON DEN BRÜCKEN FÄLLT

Mehrere Beispiele

Beinahe täglich werden Gegenstände von Brücken auf die Autobahnen geworden. Viele Fälle verlaufen glimpflich und erregen kaum öffentliches Interesse. Beispiele von Brückenwerfern nach dem tödliche Anschlag zu Ostern auf der A 29:

Drei Kinder bewarfen einen Autofahrer bei Kempen von einer Straßenbrücke aus mit einem Lehmklumpen. Die geanschließend gefassten 12- und 13-jährigen Jungen hatten sich über die möglichen Folgen ihres Tuns angeblich keine Gedanken gemacht.

Nach Ostern ließ ein 16-Jähriger, der in der Nähe der A 61 bei Viersen gestellt wurde, einen leeren Getränkekarton von einer Autobahnbrücke fallen.

In Süchteln wurde ein fahrender Lastwagen am Dienstagabend nach Ostern von einem hartgekochten Ei getroffen, so dass die Windschutzscheibe riss.

In Bielefeld stellte ein 33-Jähriger nach einem Steinwurf auf sein Auto drei Kinder. (NRZ)

Einen wirksamen Schutz für Autofahrer vor Gegenständen, die von Brücken geworfen werden, gibt es nur bedingt. „Das einzige, das wirklich hilft, ist der Einbau einer Panzerglasscheibe”, sagt Fidelis Cloer von der Firma ANC, die in Reutlingen Panzerungen für Autos baut. „Solch eine Scheibe kostet ab 4000 Euro aufwärts und wiegt mehr als 300 Kilo. Den Holzklotz von Oldenburg hätte das Panzerglas abgehalten.” Eine preisgünstige Splitterschutzfolie böte bei einem Wurfangriff auf die Windschutzscheibe hingegen keinen ausreichenden Schutz: Cloer: „Diese Folien werden trüb und sind für die Frontscheiben von Autos auch nicht zugelassen.”  

Als wirksame öffentliche Maßnahme gegen Brückenwerfer empfehlen sich zur Zeit nur Sauberkeit und Ordnung. Denn die Tatwaffen werden so gut wie nie mitgebracht. Sie liegen praktisch am Straßenrand: Steine oder Holzstücke. Ein Sprecherin des Innenministeriums weist daraufhin, dass es in NRW etwa 2000 Autobahnbrücken gebe. Die könne man nicht alle überwachen oder absichern. Die Mitarbeiter der Autobahnmeistereien seien aber angewiesen, herumliegendes Holz und Steine einzusammeln. (NRZ)

Christoph Girschik

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Kommentare
19.05.2009
10:55
Blockierter Kommentar.
von miriam.lessmann | #23

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

15.04.2008
11:05
Sie werfen, was sie finden
von Glashaus | #22

Mich würde einmal interessieren, wie viele Fälle von Brückenwurf es vor 20, 30 oder 40 Jahren gab. Wahrscheinlich würden wir feststellen, dass es heute nicht mehr sind, sondern dass die Fälle durch umfassendere Berichterstattung einfach besser ins Bewußtsein gelangen.

15.04.2008
09:23
Sie werfen, was sie finden
von Pit01 | #21

Es ist und bleibt kriminell. Da sollten sich doch mal manche Elternhäuser fragen lassen, was habt ihr denn Euren Sprösslingen so an Werten vermittelt ?

15.04.2008
08:34
Sie werfen, was sie finden
von mach | #20

schade das unsere gesetzgeber die stimme des volkes hier immer nur ignoriert. es ist wie immer . diese weicheijustiz ist schuld an dem verhalten dieser gesellschaft. in deutschland in den knast zu kommen ist doch inzwischen fast unmöglich, da reicht es nicht mehr aus jemanden umzubringen. dazu musst du schon falsch parken, steuern nicht bezahlen oder so was schlimmes machen.

15.04.2008
08:27
Blockierter Kommentar.
von nwblau | #19

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

15.04.2008
07:43
Sie werfen, was sie finden
von Gegen Hartz 4 | #18

Nr. 17 - Stefan
Endlich mal jemand, der dieses Thema auf den Punkt bringt. Ein Schweinesystem wie dieses, darf sich nicht wundern, wenn eine Jugend ohne Zukunft und wirklicher Perspektive. irgendwann zu den Steinen greift. Diese Steine die dort von den Brücken fliegen, sind gegen unsere Gesellschaft und gegen diesen Staat gerichtet. Wenn z.B. Müntefering (SPD) sich hinstellt und meint: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen darf sich nicht darüber wundern, wenn ihm dann Steine um die Ohren fliegen, weil sich die Verhungernden zur Wehr setzen !!!

15.04.2008
07:19
Sie werfen, was sie finden
von Stefan | #17

Was man dagegen tun kann?
Hmm.. am besten, weiter so ne Politik betreiben, wie bislang..
Schulen, Jugendzentren schließen. Arbeitsplätze nach China verlagern, Lippenbekenntnisse in Sachen Ausbildungsplätze in die Welt setzen, Hartz4 als human bezeichnen, uvm.
Dann wird´s besser.

15.04.2008
07:19
Sie werfen, was sie finden
von steuermichel | #16

Wenn die Sprecherin des Ministerium sagt, dass man in NRW nicht alle Brücken überwachen kann ist das gelogen. Setzt doch private Wachdienste ein, schafft auch noch Arbeitsplätze

Also logische Konsequenz:
Jedesmal wenn ich einen auf der Brücke stehen sehe egal ob Tag oder Nacht rufe ich 110.

Dann ist die Chance höher ihn zu fassen, wenn er wirklich etwas werfen sollte.

Und wenn ich Ihn fange....

15.04.2008
06:47
Sie werfen, was sie finden
von rhein | #15

Und wenn sie denn wirklich mal erwischt werden, diese Täter, dann findet sich sofort ein Gutachter, der die Täter im Umfeld der Schuldunfähigkeit ansiedelt. In der Kindheit ist dem Täter immer der Schnuller heruntergefallen, was mit Frust und Leidensdruck verbunden war, welche nunmehr durch das Werfen von Gegenständen auf Fahrzeuge kompensiert wurde.
Das trifft leider nicht nur auf die Steinewerfer von Brücken zu. Wenn die Jugendlichen sehen, wie unsere Rechtsprechung von jeden Gutachter ausgehebelt werden, wie soll dann eine Achtung vor der Tat und vor der Bestrafung entstehen?

15.04.2008
06:13
Sie werfen, was sie finden
von blacky | #14

Meine Meinung :

Diese Blödiane müssen einfach nur hart bestraft werden . Psychologen für die Täter sind hier doch nur eine Farce. Die Psychologen sollten sich da mehr den Hinterbliebenen widmen und diese Kosten müßten dann die Täter bzw. deren Eltern zahlen. Auch wenn es in den meisten Fällen jugendliche Täter sind, sollten die Gefägnisstrafen empfindlich ausfallen.

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