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Papst räumt Pannen ein und verteidigt Zugehen auf Pius-Brüder

12.03.2009 | 15:50 Uhr

In einem ungewöhnlichen Schritt hat sich Papst Benedikt XVI. an alle katholischen Bischöfe weltweit gewandt und in einem persönlichen Brief die Begnadigung der Bischöfe der Pius-Bruderschaft erläutert. Die NRZ dokumentiert den Brief im Wortlaut.

Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst! 

Die Aufhebung der Exkommunikation für die vier von Erzbischof  Lefebvre im Jahr 1988 ohne Mandat des Heiligen Stuhls geweihten  Bischöfe hat innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche aus  vielfältigen Gründen zu einer Auseinandersetzung von einer  Heftigkeit geführt, wie wir sie seit langem nicht mehr erlebt haben.  Viele Bischöfe fühlten sich ratlos vor einem Ereignis, das  unerwartet gekommen und kaum positiv in die Fragen und Aufgaben der  Kirche von heute einzuordnen war. Auch wenn viele Hirten und  Gläubige den Versöhnungswillen des Papstes grundsätzlich positiv zu  werten bereit waren, so stand dagegen doch die Frage nach der  Angemessenheit einer solchen Gebärde angesichts der wirklichen  Dringlichkeiten gläubigen Lebens in unserer Zeit. Verschiedene  Gruppierungen hingegen beschuldigten den Papst ganz offen, hinter  das Konzil zurückgehen zu wollen eine Lawine von Protesten setzte  sich in Bewegung, deren Bitterkeit Verletzungen sichtbar machte, die  über den Augenblick hinausreichen. So fühle ich mich gedrängt, an  Euch, liebe Mitbrüder, ein klärendes Wort zu richten, das helfen  soll, die Absichten zu verstehen, die mich und die zuständigen  Organe des Heiligen Stuhls bei diesem Schritt geleitet haben. Ich  hoffe, auf diese Weise zum Frieden in der Kirche beizutragen. 

Eine für mich nicht vorhersehbare Panne bestand darin, daß die  Aufhebung der Exkommunikation überlagert wurde von dem Fall  Williamson. Der leise Gestus der Barmherzigkeit gegenüber vier  gültig, aber nicht rechtmäßig geweihten Bischöfen erschien plötzlich  als etwas ganz anderes: als Absage an die christlichjüdische  Versöhnung, als Rücknahme dessen, was das Konzil in dieser Sache zum  Weg der Kirche erklärt hat. Aus einer Einladung zur Versöhnung mit  einer sich abspaltenden kirchlichen Gruppe war auf diese Weise das  Umgekehrte geworden: ein scheinbarer Rückweg hinter alle Schritte  der Versöhnung von Christen und Juden, die seit dem Konzil gegangen  wurden und die mitzugehen und weiterzubringen von Anfang an ein Ziel  meiner theologischen Arbeit gewesen war.

Daß diese Überlagerung  zweier gegensätzlicher Vorgänge eingetreten ist und den Frieden  zwischen Christen und Juden wie auch den Frieden in der Kirche für  einen Augenblick gestört hat, kann ich nur zutiefst bedauern. Ich  höre, daß aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen  Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem  Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, daß wir beim Heiligen Stuhl  auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen.  Betrübt hat mich, daß auch Katholiken, die es eigentlich besser  wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich  einschlagen zu müssen glaubten. Um so mehr danke ich den jüdischen  Freunden, die geholfen haben, das Mißverständnis schnell aus der  Welt zu schaffen und die Atmosphäre der Freundschaft und des  Vertrauens wiederherzustellen, die - wie zur Zeit von Papst Johannes  Paul II. - auch während der ganzen Zeit meines Pontifikats bestanden  hatte und gottlob weiter besteht. 

Eine weitere Panne, die ich ehrlich bedaure, besteht darin, daß  Grenze und Reichweite der Maßnahme vom 21. 1. 2009 bei der  Veröffentlichung des Vorgangs nicht klar genug dargestellt worden  sind. Die Exkommunikation trifft Personen, nicht Institutionen.  Bischofsweihe ohne päpstlichen Auftrag bedeutet die Gefahr eines  Schismas, weil sie die Einheit des Bischofskollegiums mit dem Papst  in Frage stellt. Die Kirche muß deshalb mit der härtesten Strafe,  der Exkommunikation, reagieren, und zwar, um die so Bestraften zur  Reue und in die Einheit zurückzurufen. 20 Jahre nach den Weihen ist  dieses Ziel leider noch immer nicht erreicht worden. Die Rücknahme  der Exkommunikation dient dem gleichen Ziel wie die Strafe selbst:  noch einmal die vier Bischöfe zur Rückkehr einzuladen.

Diese Geste  war möglich, nachdem die Betroffenen ihre grundsätzliche Anerkennung  des Papstes und seiner Hirtengewalt ausgesprochen hatten, wenn auch  mit Vorbehalten, was den Gehorsam gegen seine Lehrautorität und  gegen die des Konzils betrifft. Damit komme ich zur Unterscheidung  von Person und Institution zurück. Die Lösung der Exkommunikation  war eine Maßnahme im Bereich der kirchlichen Disziplin: Die Personen  wurden von der Gewissenslast der schwersten Kirchenstrafe befreit.  Von dieser disziplinären Ebene ist der doktrinelle Bereich zu  unterscheiden. Daß die Bruderschaft Pius' X. keine kanonische  Stellung in der Kirche hat, beruht nicht eigentlich auf  disziplinären, sondern auf doktrinellen Gründen. Solange die  Bruderschaft keine kanonische Stellung in der Kirche hat, solange  üben auch ihre Amtsträger keine rechtmäßigen Ämter in der Kirche  aus. Es ist also zu unterscheiden zwischen der die Personen als  Personen betreffenden disziplinären Ebene und der doktrinellen  Ebene, bei der Amt und Institution in Frage stehen. Um es noch  einmal zu sagen: Solange die doktrinellen Fragen nicht geklärt sind,  hat die Bruderschaft keinen kanonischen Status in der Kirche und  solange üben ihre Amtsträger, auch wenn sie von der Kirchenstrafe  frei sind, keine Ämter rechtmäßig in der Kirche aus. 

Angesichts dieser Situation beabsichtige ich, die Päpstliche  Kommission `Ecclesia Dei", die seit 1988 für diejenigen  Gemeinschaften und Personen zuständig ist, die von der Bruderschaft  Pius' X. oder ähnlichen Gruppierungen kommend in die volle  Gemeinschaft mit dem Papst zurückkehren wollen, in Zukunft mit der  Glaubenskongregation zu verbinden. Damit soll deutlich werden, daß  die jetzt zu behandelnden Probleme wesentlich doktrineller Natur  sind, vor allem die Annahme des II. Vatikanischen Konzils und des  nachkonziliaren Lehramts der Päpste betreffen. Die kollegialen  Organe, mit denen die Kongregation die anfallenden Fragen bearbeitet  (besonders die regelmäßige Kardinalsversammlung an den Mittwochen  und die ein- bis zweijährige Vollversammlung), garantieren die  Einbeziehung der Präfekten verschiedener römischer Kongregationen  und des weltweiten Episkopats in die zu fällenden Entscheidungen.  Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren  - das muß der Bruderschaft ganz klar sein. Aber manchen von denen,  die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muß auch in  Erinnerung gerufen werden, daß das II. Vaticanum die ganze  Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will,  muß den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln  abschneiden, von denen der Baum lebt. 

Ich hoffe, liebe Mitbrüder, daß damit die positive Bedeutung wie  auch die Grenze der Maßnahme vom 21. 1. 2009 geklärt ist. Aber nun  bleibt die Frage: War das notwendig? War das wirklich eine  Priorität? Gibt es nicht sehr viel Wichtigeres? Natürlich gibt es  Wichtigeres und Vordringlicheres. Ich denke, daß ich die Prioritäten  des Pontifikats in meinen Reden zu dessen Anfang deutlich gemacht  habe. Das damals Gesagte bleibt unverändert meine Leitlinie. Die  erste Priorität für den Petrusnachfolger hat der Herr im  Abendmahlssaal unmißverständlich fixiert: `Du aber stärke deine  Brüder" (Lk 22, 32). Petrus selber hat in seinem ersten Brief diese  Priorität neu formuliert: `Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort  zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die in euch ist" (1 Petr 3,  15). In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu  verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist  die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt  und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem  Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott,  dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) - im  gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen. Das  eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, daß Gott aus  dem Horizont der Menschen verschwindet und daß mit dem Erlöschen des  von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit  hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen  bekommen. 

Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen,  ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des  Petrusnachfolgers in dieser Zeit. Aus ihr ergibt sich dann von  selbst, daß es uns um die Einheit der Glaubenden gehen muß. Denn ihr  Streit, ihr innerer Widerspruch, stellt die Rede von Gott in Frage.  Daher ist das Mühen um das gemeinsame Glaubenszeugnis der Christen -  um die Ökumene - in der obersten Priorität mit eingeschlossen. Dazu  kommt die Notwendigkeit, daß alle, die an Gott glauben, miteinander  den Frieden suchen, versuchen einander näher zu werden, um so in der  Unterschiedenheit ihres Gottesbildes doch gemeinsam auf die Quelle  des Lichts zuzugehen - der interreligiöse Dialog. Wer Gott als Liebe  bis ans Ende verkündigt, muß das Zeugnis der Liebe geben: den  Leidenden in Liebe zugewandt sein, Haß und Feindschaft abwehren die  soziale Dimension des christlichen Glaubens, von der ich in der  Enzyklika `Deus caritas est" gesprochen habe. 

Wenn also das Ringen um den Glauben, um die Hoffnung und um die  Liebe in der Welt die wahre Priorität für die Kirche in dieser  Stunde (und in unterschiedlichen Formen immer) darstellt, so gehören  doch auch die kleinen und mittleren Versöhnungen mit dazu. Daß die  leise Gebärde einer hingehaltenen Hand zu einem großen Lärm und  gerade so zum Gegenteil von Versöhnung geworden ist, müssen wir zur  Kenntnis nehmen. Aber nun frage ich doch: War und ist es wirklich  verkehrt, auch hier dem Bruder entgegenzugehen, `der etwas gegen  dich hat" und Versöhnung zu versuchen (vgl. Mt 5, 23f)? Muß nicht  auch die zivile Gesellschaft versuchen, Radikalisierungen  zuvorzukommen, ihre möglichen Träger - wenn irgend möglich -  zurückzubinden in die großen gestaltenden Kräfte des  gesellschaftlichen Lebens, um Abkapselung und all ihre Folgen zu  vermeiden? Kann es ganz falsch sein, sich um die Lösung von  Verkrampfungen und Verengungen zu bemühen und dem Raum zu geben, was  sich an Positivem findet und sich ins Ganze einfügen läßt?

Ich habe  selbst in den Jahren nach 1988 erlebt, wie sich durch die Heimkehr  von vorher von Rom sich abtrennenden Gemeinschaften dort das innere  Klima verändert hat; wie die Heimkehr in die große, weite und  gemeinsame Kirche Einseitigkeiten überwand und Verkrampfungen löste,  so daß nun daraus positivee Kräfte für das Ganze wurden. Kann uns  eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester,  215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitäts-Institute,  117 Brüder und 164 Schwestern gibt? Sollen wir sie wirklich beruhigt  von der Kirche wegtreiben lassen? Ich denke zum Beispiel an die 491  Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen.  Aber ich denke, daß sie sich nicht für das Priestertum entschieden  hätten, wenn nicht neben manchem Schiefen oder Kranken die Liebe zu  Christus da gewesen wäre und der Wille, ihn und mit ihm den  lebendigen Gott zu verkünden. Sollen wir sie einfach als Vertreter  einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit  ausschalten? Was wird dann werden? 

lGewiß, wir haben seit langem und wieder beim gegebenen Anlaß viele  Mißtöne von Vertretern dieser Gemeinschaft gehört - Hochmut und  Besserwisserei, Fixierung in Einseitigkeiten hinein usw. Dabei muß  ich der Wahrheit wegen anfügen, daß ich auch eine Reihe bewegender  Zeugnisse der Dankbarkeit empfangen habe, in denen eine Öffnung der  Herzen spürbar wurde. Aber sollte die Großkirche nicht auch  großmütig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat; im  Wissen um die Verheißung, die ihr gegeben ist? Sollten wir nicht wie  rechte Erzieher manches Ungute auch überhören können und ruhig aus  der Enge herauszuführen uns mühen? Und müssen wir nicht zugeben, daß  auch aus kirchlichen Kreisen Mißtönendes gekommen ist? Manchmal hat  man den Eindruck, daß unsere Gesellschaft wenigstens eine Gruppe  benötigt, der gegenüber es keine Toleranz zu geben braucht; auf die  man ruhig mit Haß losgehen darf Und wer sie anzurühren wagte - in  diesem Fall der Papst -, ging auch selber des Rechts auf Toleranz  verlustig und durfte ohne Scheu und Zurückhaltung ebenfalls mit Haß  bedacht werden. 

Liebe Mitbrüder, in den Tagen, in denen mir in den Sinn kam, diesen  Brief zu schreiben, ergab es sich zufällig, daß ich im  Priesterseminar zu Rom die Stelle aus Gal 5, 13 - 15 auslegen und  kommentieren mußte. Ich war überrascht, wie direkt sie von der  Gegenwart dieser Stunde redet: `Nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand  für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Das ganze Gesetz  wird in dem einen Wort zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten  lieben wie dich selbst! Wenn ihr einander beißt und zerreißt, dann  gebt acht, daß ihr euch nicht gegenseitig umbringt." Ich war immer  geneigt, diesen Satz als eine der rhetorischen Übertreibungen  anzusehen, die es gelegentlich beim heiligen Paulus gibt. In  gewisser Hinsicht mag er dies auch sein. Aber leider gibt es das  `Beißen und Zerreißen" auch heute in der Kirche als Ausdruck einer  schlecht verstandenen Freiheit. Ist es verwunderlich, daß wir auch  nicht besser sind als die Galater? Daß uns mindestens die gleichen  Versuchungen bedrohen? Daß wir den rechten Gebrauch der Freiheit  immer neu lernen müssen? Und daß wir immer neu die oberste Priorität  lernen müssen: die Liebe? An dem Tag, an dem ich darüber im  Priesterseminar zu reden hatte, wurde in Rom das Fest der Madonna  della Fiducia unserer Lieben Frau vom Vertrauen - begangen. In der  Tat - Maria lehrt uns das Vertrauen. Sie führt uns zum Sohn, dem wir  alle vertrauen dürfen. Er wird uns leiten - auch in turbulenten  Zeiten. So möchte ich am Schluß all den vielen Bischöfen von Herzen  danken, die mir in dieser Zeit bewegende Zeichen des Vertrauens und  der Zuneigung, vor allem aber ihr Gebet geschenkt haben. Dieser Dank  gilt auch allen Gläubigen, die mir in dieser Zeit ihre unveränderte  Treue zum Nachfolger des heiligen Petrus bezeugt haben. Der Herr  behüte uns alle und führe uns auf den Weg des Friedens. Das ist ein  Wunsch, der spontan aus meinem Herzen aufsteigt, gerade jetzt zu  Beginn der Fastenzeit, einer liturgischen Zeit, die der inneren  Läuterung besonders förderlich ist und die uns alle einlädt, mit  neuer Hoffnung auf das leuchtende Ziel des Osterfestes zu schauen. 

Mit einem besonderen Apostolischen Segen verbleibe ich im Herrn Euer Benedictus XVI. 

Aus dem Vatikan, am 10. März 2009

Thomas Rünker

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