Omnibusse machen Bahn Konkurrenz
30.11.2009 | 18:06 Uhr 2009-11-30T18:06:00+0100
Bundesregierung will 80 Jahre altes Privileg für den Schienen-Fernverkehr kippen und Überlandbusse wie die amerikanischen "Greyhound"-Linien forcieren. Busbranche verspricht günstige Preise.
Essen/Berlin. Egal ob Schönes-Wochenende-Ticket der Bahn oder Discountpreise der Billigflieger: Deutsche Busunternehmer mussten zuletzt manchen Rückschlag verdauen. Doch jetzt sieht sich die Branche mit ihren rund 5000 Unternehmen im Aufwind. Die schwarz-gelbe Koalition in Berlin schickt sich an, nach knapp 80 Jahren das Gesetz zu kippen, das bislang der Bahn den Personen-Fernverkehr in Deutschland sichert. Die Bus-Unternehmer versprechen schon jetzt einen Preisrutsch. Tarife von „30 bis 40 Prozent unter denen der Bahn” hält der Sprecher des Bundesverbands deutscher Omnibusunternehmer (BDO), Martin Kaßler, dann durchaus für möglich.
Reparationszahlungen
Seit 1931 schützt die Politik mit dem Personenbeförderungsgesetz die staatseigene Eisen- vor Konkurrenz von der Autobahn. Stand dahinter zunächst angeblich die Motivation, Einnahmen für Reparationszahlungen an Frankreich zu sichern, liefen auch zu Zeiten der Bundesrepublik Versuche ins Leere, das Privileg abzuschaffen. Zuletzt lautete die Devise des bis zur Wahl SPD-geführten Verkehrsministeriums, man wolle aus Umwelt-Gründen keine Konkurrenz zur Schiene aufbauen. Das Gesetz lässt nur Buslinien mit einer Anbindung ans Ausland zu sowie Strecken nach Berlin – ein Relikt aus Zeiten des deutsch-deutschen Transitverkehrs. Ansonsten werden innerdeutsche Linien nur genehmigt, wenn sie der Bahn keine Konkurrenz machen. Hartnäckig halten sich Gerüchte, mancher Nacht-Intercity fahre nur deshalb durchs Land.
Vor allem die FDP will das Bahn-Privileg nun gänzlich abschaffen und hat dies im Koalitionsvertrag verankert. „Es laufen Gespräche mit den beteiligten Ressorts”, sagt ein Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) zum Stand des Gesetzgebungsverfahrens. „Angesichts der historischen Dimension dieses Gesetzes liegen wir gut im Zeitplan.”
BDO-Sprecher Kaßler rechnet frühestens 2011 mit innerdeutschen Fernbuslinien. Bis dahin müsse sich die mittelständisch geprägte Branche, auf die neuen Chancen vorbereiten - und etwa Verbünde gründen. Kaßler erwartet, dass „der Mittelstand an diesem neuen Verkehrskonzept nur teilnehmen kann, wenn er es schafft, eine einheitliche Marke zu etablieren.” Dazu sollte auch ein einheitliches Ticket- und Preissystem gehören.
Größere Unternehmen stehen schon jetzt in den Startlöchern – etwa die Deutsche Touring, die bereits zahlreiche Auslandslinien betreibt. „Wir haben ein paar Ideen”, sagt Michael Swedek von der Geschäftsleitung. Das Unternehmen will von Frankfurt durch das Ruhrgebiet nach Dortmund fahren – eine Kampfansage an die Bahn, die auf der Strecke mit ihren schnellen ICE punktet. Neun Euro soll die einfache Busfahrt zunächst kosten, später je nach Entfernung höchstens 25 Euro. Bislang sperrt sich die Bahn gegen die Konkurrenz. Nun soll das Bundesverwaltungsgericht entscheiden, ob das Veto des Konzerns gültig bleibt. Die Deutsche Touring bedient bereits nachts die Verbindung von Mannheim nach Hamburg und verzeichnet auf der Route ein jährliches Passagierwachstum von über zehn Prozent.
Bahn ist größter Buskonzern
Der französische Veolia-Konzern will in den nächsten Wochen seine Pläne für deutsche Fernbuslinien präsentieren. „Das ist ein sehr interessanter Markt”, heißt es bei dem Unternehmen mit Blick auf die geplante Abschaffung des Bahn-Privilegs.
Ob diese tatsächlich zu Einbußen für die Bahn führen würde, ist indes noch offen. Denn mit den Beteiligungen der DB Stadtverkehr Berlin gilt die Bahn als größter Busunternehmer der Republik. NRZ
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