Olympia lässt Rios Einwohner träumen
05.10.2009 | 14:35 Uhr 2009-10-05T14:35:00+0200
Rio de Janeiro. Die Stadt am Zuckerhut jubelt ausgelassen über die Olympischen Spiele 2016 – und macht sich an die aufwändigen Vorbereitungen. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in Rio de Janeiro ist groß. Weniger Kriminalität und ein besseres Verkehrskonzept stehen ganz oben auf der Wunschliste.
„Wir werden ohne Stau zur Arbeit fahren, und ohne Furcht vor Überfällen nach Hause, keine Obdachlosen in den Parks und keine bettelnden Kinder mehr auf einer Straße ohne Schlaglöcher treffen; unsere Kinder gehen in moderne Schulen und die Patienten in blitzblanke Kliniken, die Strände sind sauber und alle wohnen in properen Häuschen”. All das, so schreibt die Lokalzeitung „O Globo” ironisch, werde eintreten sobald Rio de Janeiro den olympischen Lorbeer gewinnt.
Rio hat die fünf Ringe errungen. Und hunderttausend Cariocas haben diesen Sieg bei strahlenden 30 Grad am Copacabana-Strand gebührend mit Samba gefeiert. Die Stadtverwaltung hatte ihren Angestellten freigegeben - aber natürlich wurde auch in der City während der Mittagspause die Entscheidung aus Kopenhagen lauthals bejubelt. Der Bazar der Stadt, die „Sahara”, versank in einem Meer grüngelber Bänder in den Nationalfarben. „Heute ist ein ganz großer Tag. Wenn ich jetzt sterbe, stürbe ich glücklich”, hatte der Präsident Lula da Silva unter Freudentränen gestammelt. Sehr vielen unter den 195 Millionen Brasilianern ging es nicht anders. Die Nation und nicht nur die Atlantikstadt atmet auf: Jetzt gewinnt Brasilien endlich die internationale Anerkennung, die es als regionale Supermacht beansprucht. Auch wenn die Argentinier sich vor Neid grämen.
Glaubwürdigkeit und Seriosität
Die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2014 und zwei Jahre darauf die ersten olympischen Spiele überhaupt auf dem Subkontinent: Brasilien kann gar nicht soviel Tränen vergießen wie es Freude hat. Freudetrunken ist das Land – aber nicht besoffen an Stolz und Überheblichkeit. Denn der Sieg war nach fünf vergeblichen Versuchen schwer errungen. Das nationale olympische Komitee hatte aus der schlampigen Kandidatur um die Austragung im Jahr 2012 gelernt. Man hatte sich nichts vorgemacht und die eigenen Defizite nicht unter den Teppich gekehrt: ein Zugewinn an Glaubwürdigkeit und Seriosität. Und deshalb war es realistisch, das gesamte Investitionsvolumen für die Austragung der Sommerspiele im August 2016 in Rio de Janeiro mit fast 14 Milliarden US-Dollar anzusetzen - so viel wie die übrigen drei Mitbewerber Chicago, Tokio und Madrid zusammen für ihre Planung veranschlagt haben.
Der Löwenanteil von 11,1 Milliarden Dollar soll in die mangelhafte Infrastruktur von Rio investiert werden, in U-Bahnen und Buskorridore, in Tunnel und Brücken, außerdem in die Verbesserung des Energienetzes und die öffentliche Sicherheit: 60.700 Polizisten sollen für Frieden sorgen. Vergleichweise gering fallen die Ausgaben aus, die für den Bau der olympischen Stadien und Dörfer vorgesehen sind – fast die Hälfte dieser Bauten steht schon, weil sie für die Panamerikanischen Spiele 2007 errichtet worden waren.
Schlechte Infrastruktur, aber wunderschöne Lage
Diese Spiele nehmen Kritiker in Brasilien zum Anlass, um vor allzu großer Olympia-Euphorie zu warnen. Die Versprechungen, die man damals gemacht hatte, seien nicht eingehalten worden; die Cariocas hätten von dem Mega-Sport-Event nichts gehabt, dessen Etat am Ende fünfmal so groß ausfiel wie geplant war.
Tatsache ist, dass die urbane Infrastruktur Rios in jeder Hinsicht zu wünschen lässt. Das kann die außergewöhnlich wunderschöne natürliche Lage der Stadt zwischen dem grünen Küstengebirge und dem Meer nicht wettmachen. Deshalb erwarten alle Cariocas eine „Runderneuerung” durch die Olympiade. Rio hat seit dem Umzug der Regierung 1960 in die Retortenstadt Brasilia seine „Seele” verloren; São Paulo hat die Atlantikmetropole zudem ökonomisch abgehängt.
Gäste-Unterkünfte fehlen
Jahrzehntelang hat sich die „Prinzessin des Meeres” mit seinen natürlichen Gaben wie den Atlantikstränden geschmückt. Und in der Tat: es gibt keine andere Stadt auf der Welt, wo man auf wenigen hundert Meter Distanz tauchen, bergsteigen und noch ins Theater gehen kann. Aber abgeschreckt durch Horrormeldungen über Kriminalität und die rund tausend Favelas rings um die Stadt blieben immer mehr Touristen aus. Für Olympia muss Rio deshalb massiv Gäste-Unterkünfte bauen und noch ein Dutzend Hotelschiffe in der malerischen Bucht vor Anker legen, die der größte Naturhafen der Welt ist.
In Rio de Janeiro traut man sich die Organisation der Spiele jedenfalls zu; schließlich hatte die Stadt 1992 mit der UNO-Weltkonferenz und den Panamerikanischen Spielen 2007 bewiesen, dass sie Großereignisse durchführen kann. Außerdem gibt es ja zuvor noch die Generalprobe mit der Fußballweltmeisterschaft 2014, an der Rio einen wesentlichen Anteil hat.
"Wir sind begeistert und hingerissen"
Rio hat mit seiner „Herz-und-Seelen”-Kampagne die fünf olympischen Ringe erworben. Aber es wird noch viel zu tun sein bis 2016. „Ganz egal, wir sind begeistert und hingerissen!” jubeln sie an der Copacabana enthusiastisch. Die Chemie stimmt, hoffentlich stimmt auch die Kasse.
09:26
netter Artikel ABER ChiKago?!?!! omg sowas darf nichtmal in der 4. klasse grundschule passieren!