Mamma Mia!
03.06.2008 | 15:31 Uhr 2008-06-03T15:31:00+0200
Die EM verliert ihren ersten Star: Nach einem Trainingsunfall muss die Squadra Azzurra ohne Fabio Cannavaro auskommen.
OBERWALTERSDORF. Wer in Wien Lust auf italienisches Temperament verspürt, sollte sich zum Südbahnhof begeben, zweite Etage, Gleis achtzehn. Aber aufgepasst! Der Zug nach Little Italy ist leicht zu übersehen – er besteht aus einem Waggon. Mit dem Tempo eines alterschwachen Ackergauls tuckert er durch Niederösterreich und erreicht nach einer Stunde Oberwaltersdorf, wo der Schaffner Gäste noch mit Handschlag begrüßt. Es folgt ein Zehnminutenspaziergang, Idylle, Entspannung, Provinz, im Casa Azzurri ist es dann mit der Ruhe vorbei, erst recht, wenn Fabio Cannavaro verabschiedet wird, Il Capitano, Leitfigur der italienischen Fußballnationalmannschaft.
Das Casa Azzurri ist ein meerblaues Vergnügungszentrum für den Tross des Weltmeisters, für Journalisten, Sponsoren und Mitarbeiter. Im Erdgeschoss werden Minisalamis gereicht, ein Pianospieler sorgt für beruhigende Klänge, doch gemütlich hat es sich in den weißen Sofas niemand gemacht. Stattdessen pressen sich hundert Reporter und ein Dutzend Kamerateams in einen kleinen Saal im zweiten Stock, es ist heiß, vielen perlt der Schweiß von der Stirn. Sie pflegen ihre Lieblingsbeschäftigung, diskutieren heißblütig, nicht über den Konflikt im Nahen Osten, Birma oder die Weltwirtschaftskrise, nein, über den Calcio, Fußball, Mamma Mia!
Zusammenprall mit Chiellini
Viele von ihnen waren am frühen Montagabend kreidebleich. In Maria Enzersdorf, im Stadion des VfB Admira Wacker Mödling, südlich von Wien gelegen, verfolgten sie das erste Training der Italiener in Österreich, das einzige öffentliche während der EM. Siebtausend Menschen waren gekommen, sie lösten ein Verkehrschaos aus, klatschten, schwenkten Fähnchen. Um kurz nach 18 Uhr wurde es still. Fabio Cannavaro prallte mit Giorgio Chiellini von Juventus Turin zusammen, er krümmte sich vor Schmerz, schrie, schlug mit der flachen Hand auf den Rasen. Eine Viertelstunde wurde der Abwehrspieler von Real Madrid behandelt, seine Mitspieler erkundigten sich bei ihm, bis er mit einer Trage in die Kabine gebracht wurde. Von dort ging es ins Krankenhaus.
Am Spielfeldrang bedrängten Journalisten den Teamarzt, sie witterten große Schlagzeilen, Bestätigung erhielten sie am Abend: Cannavaro erlitt einen doppelten Bänderriss im linken Sprunggelenk, die EM ist für ihn beendet, bevor sie begonnen hat. Das Turnier hat frühzeitig einen Star verloren. Kraftvoll, intelligent, umsichtig hatte Cannavaro Italien in Deutschland zum WM-Titel geführt, der Weltverband Fifa kürte ihn später zum Weltfußballer, einen Spieler, der Tore eleganter verhindern konnte als andere sie zu schießen im Stande sind.
Für den Tross im Casa Azzurri kommt diese Geschichte einem Weltuntergang gleich, doch in der Regel geht die Welt in den italienischen Medien während eines Turniers nicht nur einmal unter. Minutenlang blitzen die Kameras, als Cannavaro in Oberwaltersdorf auf Krücken erscheint. Er ist enttäuscht, will aber aufmunternd wirken. Er möchte nicht nach Hause fliegen, sondern seine Kollegen unterstützen. „Nach der gemeinsamen Arbeit erscheint mir das die richtige Lösung zu sein.“ Und er will wiederkommen und sein 117. Länderspiel bestreiten, mindestens, eigentlich plant er bis 2010, bis zur WM in Südafrika. Im September wird Fabio Cannavaro 35 Jahre alt.
Das ist ein kleiner Trost für Roberto Donadoni, aber die Rettung ist es nicht. Am Dienstag nominierte der Nationaltrainer Alessandro Gamberini nach, ein gleichwertiger Ersatz ist der Verteidiger des AC Florenz nicht. Auch die anderen Verteidiger, Marco Materazzi, Andrea Barzagli oder Christian Panucci, haben nicht Cannavaros Niveau. Die Kapitänsbinde übernimmt Gianluigi Buffon.
Italiens Gazetten titeln: „Addio EM”
So steht der Chefcoach vor dem ersten Spiel der Gruppe C gegen die Niederlande am Montag in Bern vor seiner größten Herausforderung: Er muss gegen die Zweifel in der Mannschaft arbeiten, die in der EM-Qualifikation nicht immer den sichersten Eindruck gemacht hatte, und er will Untergangsszenarien verhindern. Eine unmögliche Mission, wie die Zeitungen belegen: „Das ist tödlich“, klagte die La Gazzetta dello Sport. „Addio EM“, titelte der Corriere dello Sport.
Vor zwei Jahren war die erste Hälfte der WM von Spannungen zwischen den italienischen Journalisten und Nationaltrainer Marcello Lippi geprägt worden. Die Beziehung zu seinem vergleichsweise unerfahrenen Nachfolger, der munter mit Plattitüden um sich wirft, ist im Casa Azzurri nicht wesentlich besser. Donadoni, 44, hat einen Vertrag bis 2010, sollten die Italiener, die vor vierzig Jahren die EM gewannen, früh scheitern, würde er zurücktreten. Klingt wenig nach Harmonie und Idylle – vielleicht sollte er einmal mit dem Italo-Express durch Niederösterreich tuckern. (NRZ)
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Egal ob verletzt oder nicht Deutschland wird Eurpa Meister und nicht die anderen.