"Märchen sind fett cool"
09.09.2009 | 18:50 Uhr 2009-09-09T18:50:00+0200
Kaatsheuvel. Der niederländische Freizeitpark Efteling ist beliebt wie nie. Die NRZ sprach mit Olaf Vugts, dem kreativem Kopf hinter den Attraktionen, über sein Erfolgsrezept.
Wenn Olaf Vugts von seiner Arbeit als Freizeitparkentwickler und von Märchen erzählt, spricht sein ganzer Körper mit. Der 47-Jährige steigert sich regelrecht hinein. Er gestikuliert, lacht und fantasiert. Die Märchen – für ihn sind sie gleichermaßen Beruf und Berufung. In Efteling, dem größten Freizeitpark der Niederlande, ist Olaf Vugts „Director Imagineering”, so seine Berufsbezeichnung. Mit seinem Team entwickelt Vugts Konzepte für die neuen Attraktionen im Park. Welche Geschichte soll erzählt werden? Wie bringt man sie in Form etwa einer Achterbahn rüber? Im Gespräch mit der NRZ erzählt der dreifache Vater, der in Duisburg Kommunikationswissenschaften studiert hat, wie sich eine Idee binnen Monaten zur Achterbahn entwickelt, dass Kreativ-Arbeit bei Efteling nicht Chefsache ist und warum Märchen für Kinder und Jugendliche noch immer „fett cool” sind.
Herr Vugts, sterben Märchen aus?
Olaf Vugts: Im Gegenteil. Gerade in Deutschland ist man auch heute noch sehr märchenbewusst. Alle Kinder kennen die Geschichten der Gebrüder Grimm, bekommen sie in der Schule oder von den Eltern vorgelesen. Und das Unglaubliche ist: Diese Märchen sind für sie 'fett cool'. Der Retro-Stil ist in, das zeigen alle unsere Umfragen. Man muss es nur richtig erzählen, alte Märchen in neue Eleganz bringen.
Auch Efteling ist nicht mehr der Park, mit dem es 1952 losging. . .
Richtig. Als wir angefangen haben war Efteling nur der Märchenwald. Um 1975 hatten wir den Ruf, der Park sei nur was für ganz kleine Kinder, Ältere fanden uns langweilig. Da haben wir grundsätzlich umgestellt, bedienen seitdem alle Altersgruppen auch mit Achterbahnen und Loopings. Dennoch gilt: Auch die Achterbahnen müssen immer eine Geschichte erzählen und eine Moral transportieren. Unsere Seele sind die Märchen. Wir möchten gern ihr Hüter sein.
Mit Ihnen als kreativem Kopf – wie viel Kind im Manne braucht's für den Job?
Es braucht gar kein Kind im Mann. Das und auch das Alter ist beim Attraktionen-Ersinnen nicht die Frage. Die Art und Weise, wie man fantasiert, ist das Wichtige. Man darf nicht für sich alleine brüten. Sein Gegenüber mit auf die Reise durch Märchen, Sagen und Mythen nehmen, darauf kommt's an.
Bekommen da nicht gerade deutsche Gäste Probleme, wenn im Märchenwald alle Figuren Niederländisch sprechen?
Die Märchen dort kennt jeder Deutsche. Kinder verstehen das, auch ohne die Sprache zu können. Überhaupt ist die Sprache gar nicht so wichtig. Selbst Erdenken und Erfühlen, das ist die beste Form von Attraktionen. Deswegen funktioniert mit Ausnahme des Märchenwalds bei uns alles nur mit Licht und Musik, das ist die internationale Sprache.
Wir erarbeiten gerade sogar ein Musical, das ohne Sprache auskommt. Im nächsten Jahr wird eine neue Doppel-Achterbahn eröffnet: „Joris en de Draak” – Georg und der Drachen, bei der zwei Wagen ein Wettrennen fahren.
Von der Idee zur Attraktion – ein weiter Weg. . .
Zuerst braucht es eine Idee, welches Märchen man wie umsetzen möchte. Der Märchenbaum ist mir morgens unter der Dusche eingefallen. Das ist eine Attraktion, die wir im nächsten Jahr eröffnen werden, unsere Fernsehserie dazu läuft in Deutschland nun auf NRW.TV. Das ist hier aber nicht zwingend Chefsache. Eine Idee für eine Attraktion kann auch von Besuchern oder Sekretärinnen sein.
Als Nächstes ging man früher in die Bibliothek, heute googelt man im Internet. Techniker und Entwickler bauen die Attraktion dann im Computer vor. Da lässt sich alles simulieren: Maße, Geschwindigkeit, bis zu den Details für die Sitze, mit welchen Bügeln sie ausgestattet sind. Eineinhalb Jahre später eröffnen wir die Attraktion in der Regel.
Und – wie ist dieser Moment für den Entwickler?
Der Traumflug ist eine unserer am besten besuchten Attraktionen. 1992 war ich bei der Eröffnung dabei und kam stolz wie sonstwas nach der ersten Fahrt heraus. Da saßen zwei kleine Kinder vor dem Ausgang, die die Fahrt mit dem Traumflug schon wieder vergessen hatten.
Was haben sie stattdessen bewundert? Eine Ameise, die auf dem Boden rumgekrabbelt ist. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Es geht ums Bezaubern. Tausend und eine Kleinigkeit transportieren im Park so viel mehr als viel Technik und die größte oder schnellste Achterbahn.
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